Judith Simon

Forschungsstätte
Universität Wien, Institut für Philosophie, Karlsruher Institut für Technologie, Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse

Akademische Position
Projektleiterin

Wichtige Förderungen oder Auszeichnungen
FWF-Projekt: "Epistemic Trust in Socio-Technical Epistemic Systems" (P 23770)


Forschung ist ein kollaborativer Prozess und baut auf früherem Wissen auf. Daher ist ein freier Zugang zu wissenschaftlichem Wissen entscheidend, aber derzeit nur in unzureichendem Maße gegeben. Obwohl Wissenschaftler zumeist ohne Honorar Artikel schreiben und begutachten sind die Kosten für wissenschaftliche Zeitschriften in den letzten Jahren explodiert. Das führt dazu, dass nicht nur interessierte SteuerzahlerInnen, sondern WissenschaftlerInnen selbst teilweise keinen Zugang zu diesen Zeitschriften haben. Es wundert daher kaum, dass auch WissenschaftlerInnen sehr unzufrieden mit diesem System sind: 98,3% der TeilnehmerInnen einer Studie zu Web2.0 und wissenschaftlichem Publizieren lehnen das "subscriber-only"-Modell ab und 97,7% möchten das Copyright für ihre Artikel nicht weiterhin an Verlage abtreten müssen (Ponte & Simon 2011). Das heißt, ein Großteil der WissenschaftlerInnen fordert mehr Open Access und Creative Commons Lizenzen.

Warum hält sich der Status Quo dann so hartnäckig? Eine Ursache liegt sicher in der wissenschaftlichen Qualitätsmessung: Publikationen, sind eines der wichtigsten Kriterien für Einstellungs- und Berufungsentscheidungen in der Wissenschaft. Vor allem NachwuchswissenschaftlerInnen müssen in anerkannten wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlichen, um ihre Karriere voranzutreiben. In einer solchen Zwangslage konnte das sogenannte "Gold Open Access Modell" entstehen: Autoren zahlen eine zusätzliche Gebühr an die Verlage, um ihre Forschung frei zur Verfügung stellen zu können. Dies ist zwar sehr profitabel für die Verlage, kann aber sicher keine langfristige Lösung sein. Und es führt zudem zu neuen Ungerechtigkeiten: Forscher welche die Mittel haben, diese Zusatzkosten zu tragen, werden dadurch häufiger gelesen und zitiert und können ihre Vormachtstellung noch ausbauen.

Wie könnte man diese Probleme in den Griff bekommen? Ein erster notwendiger Schritt besteht darin das erzwungene Abtreten des Copyrights an die Verlage zu verhindern. Wenn man bedenkt, dass öffentlich geförderte Forschung in den US bereits von diesem Copyrighttransfer ausgeschlossen ist, d.h. die US-Forscher das Copyright an ihren Artikeln behalten dürfen, dann ist nicht klar, warum nationale und europäische Fördergeber sich nicht bereits zusammengeschlossen haben, um diesem Transfer ein Ende zu setzen. Darüber hinaus wäre die Errichtung nationaler, bzw. besser noch eines geteilten europäischen Open Access Archivs für wissenschaftliche Artikel voranzutreiben, welches den zentralen und freien Zugriff auf die Resultate öffentlich geförderter Forschung ermöglichen würde. Für uns Wissenschaftler selbst bleibt die Aufgabe, neue Verfahren der wissenschaftlichen Qualitätssicherung für nicht-kommerzielle Open Access Lösungen zu entwickeln. Und letztliche müssen auch die allgemeinen Evaluationskriterien für WissenschaftlerInnen neu überdacht werden - solange das Publizieren in kommerziellen Zeitschriften eines der wichtigsten Kriterien für Einstellungen und Berufungen ist, wird sich das System nicht grundlegend ändern.

Ponte, D.; Simon, J. (2011), Scholarly communication 2.0: exploring researchers' opinions on Web 2.0 for scientific knowledge creation, evaluation and dissemination. Serials Review 37(3), 149-156.

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