Gottfried ("Jeff") Schatz war ein Hochbegabter: herausragend als Wissenschaftler, als Wissenschaftspolitiker, Wissenschaftskommunikator, Essayist, Schriftsteller (in mehreren Sprachen), und Musiker, um nur einige seiner Aktivitäten zu nennen.

Ich selbst hatte schon viel über ihn gehört als ich ihm zum ersten Mal persönlich begegnet bin. Es war auf einer Tagung von Proteinkristallographen in Sizilien, wo er als "reiner" Biochemiker ein wenig isoliert war unter Leuten, die in erster Linie an Methoden zur Lösung des kristallographischen Phasenproblems interessiert waren. Am dritten Tag des Meetings hat er dann einen Vortrag über die Biochemie des Transports von Proteinen in Mitochondrien gehalten, nach dem sich viele von uns gefragt haben, ob wir nicht besser zur Biochemie wechseln sollten. Schatz war ein überragender Vortragender, der es verstanden hat, praktisch jedes Publikum in seinen Bann zu ziehen. Überdies (was mir damals noch gar nicht aufgefallen war) besaß er die Fähigkeit, im Stegreif druckreif zu sprechen.

Gottfried Schatz wurde im Burgenland nahe der ungarischen Grenze geboren, er ging in Graz ins Akademische Gymnasium und studierte anschließend Chemie an der Universität Graz, wo er sub auspiciis praesidentis promovierte. Es verwundert nicht, dass er die wissenschaftliche und geistige Enge des Österreich der späten 50-er Jahre stärker gespürt hat als viele seiner "schlichteren" Zeitgenossen, weshalb er sich schnell von seiner Heimat gelöst hat und zum Prototypen eines internationalen Wissenschaftlers mutierte: nach kurzer PostDoc-Tätigkeit im Labor von Hans Tuppy an der Universität Wien ging er in die USA, wo er schließlich Professor für Biochemie an der Cornell-University wurde. 1974 übersiedelte er in die Schweiz um eine Professur am damals neu-geschaffenen Biozentrum in Basel anzutreten. Seither hatte Schatz seinen Wohnsitz in der Schweiz.

Sein wissenschaftliches Leben hat Schatz der Erforschung der Mitochondrien, der "Kraftwerke der Zellen", gewidmet, wo er zu bahnbrechenden Entdeckungen beigetragen hat: neben der Entdeckung der mitochondrialen DNA – was den Beweis erbracht hat, dass Mitochondrien Endosymbionten sind – hat er den Mechanismus des Transports von Proteinen in die Mitochondrien aufgeklärt. Die große Zeit der Entschlüsselung des Mechanismus der oxydativen Phosphorylierung – der Koppelung der ATP-Synthese mit einem pH-Potential über die Mitochondrien-Membran – hat er hautnah miterlebt, mitgestaltet und literarisch dokumentiert. 

Die Beziehung von Gottfried Schatz zu Österreich war zwiespältig. Einerseits hat er Österreich und speziell Graz immer (noch) als seine Heimat bezeichnet und seine Wurzeln nie verleugnet. Als ich vor mehreren Jahren bei ihm anfragte, ob er allenfalls bereit wäre, ein Gutachten im Rahmen eines Berufungsverfahrens an der Universität Graz zu erstellen, hat er spontan zugesagt und war fast entrüstet über die Frage. Er meinte "aber natürlich, das ist ja meine Alma Mater". In den letzten Jahren war er ein häufiger und gefragter Festredner bei diversen Anlässen (zuletzt bei der 650-Jahr-Feier der Universität Wien), was nicht nur seiner Prominenz sondern auch seinen überragenden rhetorischen Fähigkeiten geschuldet war. Anderseits hat er sich als Weltbürger verstanden mit einem beträchtlichen Skeptizismus gegenüber nationaler Kleinstaaterei. Er war ein großer Bewunderer des US-amerikanischen und des schweizerischen Wissenschaftssystems, wo er wissenschaftlich sozialisiert wurde. Das österreichische Hochschulsystem, dem er Anfang der 60-er Jahre entflohen ist, ist seiner Meinung nach mit der Zeit zwar besser, aber noch lange nicht gut geworden, was er nicht zuletzt einem fundamentalen Desinteresse seitens der österreichischen Bevölkerung an Wissenschaft zuschrieb.   

Obwohl – oder vielleicht gerade weil – er selbst gegen Ende seiner wissenschaftlichen Laufbahn ein prominenter Wissenschaftsmanager (Direktor des Biozentrums in Basel, Generalsekretär der EMBO) sowie Wissenschaftspolitiker (Präsident des Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierates) wurde, hatte er wenig Sympathie für diese Zunft: Personen, die Wissenschaftlern vorschreiben wollten, worüber sie forschen sollten oder wer mit wem zu kooperieren hätte, waren für ihn Zeitdiebe (Chronoclasten), denen man im besten Fall Naivität, im schlechtesten bösen Willen unterstellen muss. Zentrum des Bösen waren für ihn die Rahmenprogramme der EU. Für ihn bestand der einzig mögliche Weg zur Förderung von Wissenschaft darin, begabte Forscher/innen zu identifizieren und für sie optimale Forschungsbedingungen zu schaffen. Naturgemäß hatte er wenig Verständnis für wissenschaftliches (und sonstiges) Mittelmaß.

In vielfacher Hinsicht hat sich seine Weltanschauung mit den Prinzipien des FWF überschnitten, wenn auch nicht völlig überdeckt. Den Exzellenzanspruch des FWF hat Schatz klarerweise begrüßt, allerdings war so etwas wie ein SFB für ihn bereits an der Grenze des Tolerierbaren: sobald Forschungsförderung Institutionen oder Gruppen und nicht einzelne Forscherpersönlichkeiten im Blick hatte, war sie für ihn problematisch. Dies hat ihn auch zu Kritik am Schweizerischen Nationalfonds veranlasst, und es war ein wesentlicher Grund für ihn, in die schweizerische Wissenschaftspolitik einzusteigen. Der Widerstand, der ihm als Präsidenten des Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierates seitens des „akademischen Establishments“ entgegengeschlagen ist, hat ihn immens frustriert und bestätigt in seiner Ablehnung jeder Art von externer Steuerung von Wissenschaft.

Gottfried Schatz war unabhängig und unbequem. Wir werden ihn vermissen.

Christoph Kratky, FWF-Präsident 2005 - 2013

Kontakt:

Leiter Öffentlichkeitsarbeit und Wissenschaftskommunikation

Marc Seumenicht

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