Der Arbeitskreis der Technologiegespräche des Europäisches Forum Alpbach 2014 widmet sich der Überwindung der Barrieren zwischen Wissenschaft und Gesellschaft

Das Leben in modernen Gesellschaften wird maßgeblich durch Wissenschaft und Forschung beeinflusst. Dessen ungeachtet wird Wissenschaft oft als distant oder wenig relevant wahrgenommen. Diese Diskrepanz zu überwinden ist gegenwärtig eine der größten wissenschaftspolitischen Herausforderungen.

Soweit der Ansatz des gemeinsamen Arbeitskreises von FWF und BMWFW im Rahmen der Technologiegespräche des Europäisches Forums 2014 am 22. August in Alpbach, der österreichische und internationale ExpertInnen zusammenbrachte, um sich mit der Verbindung von Wissenschaft und Gesellschaft zu befassen. Dabei wurden neuartige Strukturen und erfolgreiche Instrumente, die das Spektrum von „science literacy“ bis „citizen science“ bebildern, präsentiert und diskutiert.

Die ReferentInnen:

  • Pascale Ehrenfreund, Präsidentin, Wissenschaftsfonds FWF
  • Verena Winiwarter, Dekanin, Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF), Alpen-Adria-Universität Klagenfurt-Wien-Graz (A); Wissenschaftlerin des Jahres 2013
  • Erinma Ochu, Neurowissenschaftlerin und Filmemacherin, Faculty of Life Sciences, University of Manchester (UK); Wellcome Trust Public Engagement Fellow
  • Marie Céline Loibl, Programmleiterin Sparkling Science, Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft (BMWFW), Wien (A)
  • Philipp Burkard, Geschäftsleiter, Stiftung Science et Cité, Bern (CH)
  • Sonja Hammerschmid, Rektorin, Veterinärmedizinische Universität Wien (A)
  • Holger Wormer, Universitätsprofessor für Wissenschaftsjournalismus, Institut für Journalistik, Technische Universität Universität Dortmund (BRD)
  • Oliver Lehmann, Vorsitzender des Klubs der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten, Wien; Mediensprecher des Institutes of Science and Technology Austria, Klosterneuburg (A)


Im Anschluss an die Referate am Vormittag wurde das Publikum eingeladen, gemeinsam mit den ExpertInnen am Nachmittag die Erkenntnisse zu diskutieren und daraus Vorschläge für die neue Kommunikationsrichtlinie des BMWFW abzuleiten.

Die Referate und die Diskussion der TeilnehmerInnen wurden von Oliver Lehmann als Betreuer und Moderator des Arbeitskreises in einem Protokoll zusammengefasst:

Die Beziehung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit ist einem permanenten Veränderungsprozess unterworfen. Die Dynamik der Veränderungen wird durch neue Medien beschleunigt. Die Anforderungen, Interessen und Ziele aller AkteurInnen sind selten im Ursprung in Einklang zu bringen. Auf diese Widersprüche in diesem Veränderungsprozess ist zeitnah zu reagieren.

Durch den verstärkten Einsatz und die entsprechende Rezeption neuer (meistens sozialer) Medien verändert sich das ursprüngliche Disseminationsmodell von einer linearen Struktur zu einer multipolaren Struktur, in der die Eindeutigkeit von SenderInnen und EmpfängerInnen in Frage gestellt, wenn nicht sogar aufgehoben wird. Dies stellt völlig neue Anforderungen an die Kommunikationsstrategie und -praxis wissenschaftlicher Organisationen. Statt einer einheitlichen, exakt planbaren Kommunikation durch exakt definierte Kanäle tritt eine vielfältige, unter Umständen widersprüchliche Vermittlung von Inhalten.

Die Konsequenzen für die AkteurInnen sind im Detail:

  1. Wissenschaft: Um ein hohes Qualitätsniveau der Kommunikation sicher zu stellen, ist die kommunikative Grundausbildung der wissenschaftlichen AkteurInnen geboten. Den professionellen Kommunikationsabteilungen kommt dabei die Aufgabe zu – bei entsprechender Ressourcen-Ausstattung – die Qualitätssicherung und die Assistenz bei der Übersetzung komplexer Inhalte wahrzunehmen.

  2.  Journalismus: JournalistInnen müssen sich darauf verlassen können, dass die Informationen wissenschaftlicher Organisationen den Ansprüchen der Medienethik entspricht. Das setzt eine klare Erkennbarkeit und Unterscheidung von PR-Maßnahmen und Kommunikationsaktivitäten voraus. Um die wesentliche Rolle der JournalistInnen als ÜbersetzerInnen von wissenschaftlichen Inhalten in den Alltag der MediennutzerInnen zu stärken, sollte Wissenschaftsjournalismus als zwingendes Qualitätskriterium der Medienförderung berücksichtigt werden.

  3. Gesellschaft: Partizipative Modelle zur Beteiligung der allgemeinen Öffentlichkeit an gesellschaftlich relevanten Fragestellungen und Diskussionsprozessen sollten gezielt unterstützt und wo nötig initiiert werden. Dazu ist es notwendig, der diversen, zum Teil diffusen, weil sich verändernden, Öffentlichkeit entsprechend differenzierte Angebote zu machen. Idealerweise handelt sich dabei um eine „Durchdringung von Wissenschaft und Gesellschaft“: Bevölkerungsgruppen mit bestimmten Interessen oder Bedürfnissen initiieren die Bearbeitung einer wissenschaftlichen Fragestellung, etwa in Form von Selbsthilfegruppen. WissenschaftlerInnen nützen die Ressourcen der Öffentlichkeit, etwa zur umfassenden Datengenerierung und -analyse. Als Maßnahme zur Förderung dieser Prozesse wird die Anerkennung von social impacts in Karierremodellen und Evaluierungsprozessen empfohlen. Die Kriterien der social impacts sind zu definieren.

  4. Eine besondere Rolle bei diesen neuen partizipativen Anforderungen spielen Modelle wie Citizen Science und Responsible Science
    • Citizen Science umfasst im engeren Sinne die Beteiligung von AmateurInnen an wissenschaftlichen Forschungsprojekten. Im weiteren Sinne lassen sich Interaktionsinitiativen wie Sparkling Science damit beschreiben. Ausgehend von derartigen Modellen (zB Kinderunis) wird empfohlen, diese Initiativen auf andere Bevölkerungsgruppen auszuweiten, basierend auf den Erfahrungen von erprobten Modellen.
    • Responsible Science beschreibt eine Wissenschaftskultur, die aktiv auf gesellschaftliche Ansprüche und Bedürfnisse Bezug nimmt und zum Thema ihrer Kernaufgaben (Stichwort: Klimawandel) macht. Dieses Modell kann auch dazu dienen, die Interaktion zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu stärken und in beide Richtungen neue Impulse zu setzen.


Notwendig für die Umsetzung der Empfehlung sind die institutionelle Verankerung von Kommunikationsanforderungen im engeren Sinn und Interaktionsanforderungen (zwischen Gesellschaft und Wissenschaft) im weiteren Sinn. Dieser Kulturwandel basiert auf Anreizsystemen (etwa in Evaluierungsprozessen und in der Karriereentwicklung) und auf Freiwilligkeit. Der Akt der Kommunikation und Interaktion muss in diesem Zusammenhang als Leistung per se gewürdigt und Wert geschätzt werden. Entsprechende Parameter, Ziele und Maßnahmen sind zu entwickeln.

Vorträge:
Verena Winiwarter(pdf, 2.6MB)
Erinma Ochu(pdf, 7.1MB)
Marie Céline Loibl(pdf, 1.6MB)
Philipp Burkard(pdf, 1.4MB)
Sonja Hammerschmid(pdf, 1.6MB)
Holger Wormer(pdf, 3.0MB)
Oliver Lehmann(pdf, 112KB)

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