Im Zeitalter von Big Data akkumulieren jedes Jahr mehr Daten und Informationen. Jedoch gibt es keinen parallelen Anstieg an echtem öffentlichem Wissen. Das Konzept von Open Science ist wichtig, jedoch brauchen wir dringend komplementäre Ansätze, um die Lücke zwischen möglichem und tatsächlichem öffentlichen Wissen zu verringern – wir bezeichnen diese Lücke als Dark Knowledge. In dem Arbeitskreis diskutierten führende Expertinnen und Experten, wie mit zunehmendem Nichtwissen und Desinformation in Entscheidungsprozessen umzugehen ist.

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Unsere Zeit, oft als Informationszeitalter bezeichnet, ist auch eine Zeit der Ignoranz. Folgende Gründe bestehen dafür: (1) Produktion von einseitiger Information und (2) Mangel an Forschung zu Schlüsselthemen, beides aufgrund gesellschaftspolitischer oder finanzieller Interessenslagen; (3) höchst spezialisierter Fachjargon und komplexes Fachwissen, die für die Allgemeinheit unzugänglich sind; sowie (4) der Verlust von vorhandenem Wissen. Diese Lücke zwischen potenziellem und tatsächlichem öffentlichen Wissen wird als knowledge in the dark – oder kurz: dark knowledge bezeichnet.


Paradoxerweise wird das Unbekannte in der Wissenschaft bevorzugt, da Wissenschafterinnen und Wissenschafter sich in ihren Forschungsvorhaben von wohldefiniertem Nichtwissen leiten lassen. Jedes gelöste Problem zieht neue, ungelöste Probleme nach sich und offenbart neue Bereiche des Nichtwissens. Daraus ergibt sich ein Spannungsfeld zwischen nützlichem Nichtwissen einerseits, und der Gefahr des Missbrauchs durch Akteurinnen und Akteure mit unlauteren Motiven andererseits.

Es gilt drei Schlüsselbereiche von Machtinhabern als gesonderte, aber auch verbundene Bereiche wahrzunehmen, die eine Rolle dabei spielen, den Zugang der Öffentlichkeit zu Informationen begrenzt zu halten: staatliche Stellen, gewinnorientierte Institutionen und private philanthropische Stiftungen. Die ersten beiden – staatliche Stellen und Unternehmen – werden von den Sozialwissenschaften schon seit längerem eingehend untersucht. Philanthropischen Stiftungen widmete man bis vor kurzem weniger Augenmerk, was sich jedoch nun ändert. Es wurde im Detail gezeigt, warum ein unparteiischer Zugang essenziell ist, um den antidemokratischen Einfluss von privaten philanthropischen Geldgebern auf die Wahlkampfpolitik in den USA und in Europa zu bekämpfen und begrenzen.

Des Weiteren gibt es ein immanentes Spannungsfeld zwischen Expertenwissen und Demokratie. Einerseits wäre Regierungshandeln im 21. Jahrhundert unmöglich ohne Regierungsbeamte mit großem Fachwissen, die imstande sind, Urteile und Entscheidungen zu Themen zu fällen, die nur von wenigen verstanden werden. Andererseits basieren die vielen Spielarten des demokratischen Regierens auf der Übereinkunft, dass den Regierten ein Recht auf Beeinflussung der öffentlichen Politikgestaltung zusteht, unter anderem – aber nicht nur – auf dem Weg über die Wahlurne. In einem demokratischen System haben wir Wahlmöglichkeiten, die zu besseren oder schlechteren Ergebnissen bei Politik und Richtliniengestaltung führen können. Wirkungsvollere demokratische Praxis muss mit der Erkenntnis beginnen, dass Nichtwissen für uns alle, auch für uns Experten, der Normalzustand ist. Niemand besitzt genügend Wissen, um den modernen Staat regieren zu können, und selbst diejenigen unter uns, die in einem oder mehreren Bereichen Expertinnen und Experten sind, verfügen in den anderen Disziplinen ebenfalls nicht über mehr Wissen als die breite Öffentlichkeit. Wenn Regierungshandeln erfolgreich sein soll, muss es für Expertinnen und Experten möglich sein, Entscheidungen in ihren jeweiligen Kompetenzbereichen zu treffen, gleichzeitig müssen diese Entscheidungen aber von der davon betroffenen Allgemeinheit als legitimiert angesehen werden.

Open Science bietet nie dagewesene Möglichkeiten der Kommunikation von wissenschaftlichem Wissen sowie für die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an der Schaffung neuen Wissens. Im Arbeitskreis wurden die damit einhergehenden Chancen und Potenziale für das Bildungswesen und den Wissenserwerb, aber auch die Herausforderungen bei der Realisierung dieser Vision und mögliche Wege in die Zukunft, vorgestellt.

Die Fähigkeit, Datenvisualisierungen zu produzieren und zu deuten, ist im Informationszeitalter genauso wichtig wie das Lesen oder Schreiben. Die Visualisierung von Daten hilft uns nicht nur bei der Orientierung im physischen Raum, sondern trägt dazu bei, das Ausmaß und die Struktur unseres kollektiven Wissens zu verstehen, sowie sprunghafte Entwicklungen, Wege der Ideenfindung und zu überwindende Grenzen zu erkennen. Damit entsteht ein theoretischer Visualisierungsrahmen, der es allen Menschen erlauben sollte, aus Rohdaten Einsichten zu gewinnen. Mit Hilfe dieser Werkzeuge werden zeitliche, raumbezogene, aktuelle und vernetzte Datenanalysen und -visualisierungen erleichtert.

Schlussbemerkungen von Robert-Jan Smits:

Erstens sind wir mit einer stetig steigenden Kommerzialisierung und Privatisierung des Wissens konfrontiert. Nichtsdestotrotz gilt es Wege zu finden, diese ungeheure Menge an Wissen für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen und jede Monopolbildung zu vermeiden.

Zweitens müssen wir mit der „European Open Science Cloud“ eine zukunftsorientierte digitale Forschungsinfrastruktur realisieren. Damit verbunden ist intensives Training im Bereich „Data Stewardship“ erforderlich.

Drittens wird mit dem „European Code of Research Integrity“ (Europäischer Kodex für Forschungsintegrität) Datenintegrität zu einem inhärenten Bestandteil des Forschungsprozesses erhoben

Video-Mittschnitte zur gesamten Breakout-Session

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