Bei der Veranstaltungsreihe AM PULS am 1. Dezember 2015 spannten die Archäologinnen Barbara Horejs und Sabine Ladstätter einen Bogen über 120 Jahre wechselvolle Geschichte der Ausgrabungen in Ephesos und zeigten, wie ihre Arbeiten unter anderem verblüffende Parallelen zur Gegenwart hervorbringen.

Gemeinhin herrscht die Überzeugung, dass die Menschheit erst in jüngster Zeit wahre Fortschritte, etwa im Laufe der Industrierevolution, gemacht hat. „Es gab jedoch wesentlich größere und vielleicht auch nachhaltigere Entwicklungen in der Menschheit“, sagt die Archäologin Barbara Horejs. „Wir haben heute Fakten zu entscheidenden Entwicklungsschritten und ihren Folgen für die Gesellschaft aus der Urgeschichte“, erklärt die Direktorin des Instituts für Orientalische und Europäische Archäologie (OREA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Bei der Veranstaltungsreihe AM PULS des Wissenschaftsfonds FWF präsentierte Barbara Horejs neue Ergebnisse ihrer Ausgrabungen in Anatolien (Ephesos), wo sie erst vor kurzem eine der ältesten Siedlungen der Menschheit aus dem 7. Jahrtausend v. Chr. entdeckt hat. „Vieles, das später zu uns nach Europa kam, hat dort begonnen“, so die Wissenschafterin, die 2010 mit dem START-Preis des FWF und dem ERC Starting Grant des Europäischen Forschungsrats ausgezeichnet wurde.

Interdisziplinäre urgeschichtliche Forschung

Wie genau diese Entwicklungen nach Europa kamen, darüber wird in der Wissenschaft nach wie vor diskutiert. Doch erfreulicherweise bringen immer genauere Analyse-Methoden, die in interdisziplinären Teams angewandt werden, auch immer wieder neue Erkenntnisse hervor. Rekonstruktionen der prähistorischen Landschaft zeigen etwa, dass die Siedlung der Jungsteinzeit (Neolithikum) in Anatolien ursprünglich am Wasser lag. Funde wie Muschelperlen oder Fischreste belegen zudem, dass die ersten Siedler nicht nur den Ackerbau beherrschten, sondern auch Know-how als Seefahrer und Fischer hatten.

Neue Modelle zur Ausbreitung nach Europa

Andere besonders wertvolle Fundstücke sind Steinfiguren und -Werkzeuge, darunter ist Obsidian – ein vulkanisches Glas –, das sich besonders gut zu Klingen verarbeiten lässt. Obsidian gab es jedoch nur auf der griechischen Insel Milos. Das Material wurde also aus über 300 Kilometer Entfernung über das Meer nach Anatolien gebracht, wie Horejs berichtet. Solche Wanderbewegungen der Siedler aus dem Neolithikum liefern neue Befunde der Ausbreitung ihres Lebensstils in Europa. Unter anderem dürften auch Klimaveränderungen oft Auslöser für Migrationsbewegungen gewesen sein. „Eine Ursache der Auswanderung in die Ägäis könnte das Versiegen des Golfstroms vor rund 6.000 Jahren gewesen sein“, erklärt Horejs. 

120 Jahre Archäologiegeschichte

Die archäologische Forschung in Österreich kann auf lange Erfahrungen und viele Erfolge zurückblicken. Bereits seit 1895 führt das Österreichische Archäologische Institut (ÖAI) in Ephesos Grabungen durch. Und erst kürzlich konnte das ÖAI „eine kleine Sensation" vermelden. Denn bei Sicherungsarbeiten stießen Forscherinnen und Forscher des Instituts auf eine Schankstube aus dem frühen 7. Jahrhundert, die zahlreiche Einblicke in das damalige Alltagsleben erlauben.

Suche nach den Wurzeln

Übrigens hätten jüngst in einer Umfrage des Bundesdenkmalamtes 85 Prozent der Bevölkerung Archäologie für wichtig befunden, erzählte Sabine Ladstätter bei der Veranstaltung des FWF. Ladstätter ist die Direktorin des erst kürzlich in die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) eingegliederten ÖAI und Grabungsleiterin von Ephesos. Die renommierte Archäologin lieferte einen spannenden Einblick in 120 Jahre der Ephesos-Ausgrabungen. Dabei spielten politische Machtinteressen und Kolonialismus ebenso eine Rolle wie die Suche nach den europäischen Wurzeln oder schlicht das Sammeln von Antiquitäten, wie etwa zur Zeit der Monarchie.

Tourismusmagnet und kulturelles Erbe

Ab 1906 sind Fundstücke jedoch in der Türkei verblieben. „Die erste Frau“, so Ladstätter, „war erstmals 1933 in Ephesos tätig.“ Sie sollte die einzige Frau bis 1958 bleiben. In der schwierigen Phase nach dem Zweiten Weltkrieg habe die Archäologie auch als identitätsstiftende Kraft fungiert und die Ruinenstädte verwandelten sich immer mehr in „archäologische Parks“, die ab den 1960er Jahren zu einem Tourismusmagnet wurden. Heute zählt Ephesos rund zwei Millionen Besucherinnen und Besucher pro Jahr. „Die Archäologie in Österreich hat sich von post-kolonialen Interessen zu einer europäischen Plattform für langfristige archäologische Feldprojekte entwickelt“, fasst Ladstätter eine wechselvolle Geschichte zusammen. Allerdings würde das große Interesse der Öffentlichkeit dann abnehmen, wenn es um den Erhalt des Weltkulturerbes und die Forschung gehe, resümiert die Archäologin und betont: „Wenn wir es als Teil unserer Identität begreifen, dann muss es uns auch etwas wert sein.“

Im Dialog mit der Öffentlichkeit

Die Veranstaltungsreihe AM PULS ist eine Initiative des Wissenschaftsfonds FWF in Kooperation mit der Wiener Agentur für Wissenschaftskommunikation, PR&D - Public Relations für Forschung & Bildung. Das Wissenschaftsformat lädt seit 2007 die interessierte Bevölkerung zum Dialog mit der Wissenschaft. Renommierte Forscherinnen und Forscher berichten bei AM PULS aus ihrem Arbeitsalltag, über neue Methoden und Erkenntnisse und vermitteln dabei die Bedeutung der Wissenschaft für die Gesellschaft. Die Themen der Reihe spiegeln die Vielfalt der vom FWF geförderten Projekte aus der Grundlagenforschung wider und reichen von der Kometenlandung über die Bewusstseinsforschung bis zu Menschenrechte und Umweltgeschichte.

Terminvorschau

Die nächste AM-PULS-Veranstaltung zum Thema „Krebsimmuntherapie“ findet am 16. Februar 2016 im Theater Akzent in Wien statt. Eintritt frei. Anmeldungen an schnell(at)prd.at

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