Die Bedeutung von Bildern während des Ersten Weltkriegs und ihr Einfluss auf die kollektive Erinnerung wurde bei „Habsburgs letzter Krieg“ im Rahmen der Veranstaltungsreihe AM PULS des Wissenschaftsfonds FWF diskutiert. Der Historiker Hannes Leidinger und der Fotohistoriker Anton Holzer zeigten Parallelen und Unterschiede auf.

Dr. Anton Holzer, Moderatorin Mag.a Birgit Dalheimer, Dr. Hannes Leidinger

Für redaktionelle Zwecke bei Nennung der Quelle kostenfrei. © FWF/Michèle Pauty

 

K. u. k. Soldaten, die aus dem Schützengraben heraus Handgranaten werfen oder eine feindliche Stellung im Hochgebirge stürmen: Solche Bilder – ob nun als Fotografie oder Film – haben bei den Menschen damals wie heute das Bild vom Ersten Weltkrieg geprägt. Doch den Forschungsaktivitäten der vergangenen Jahre ist es nun zu verdanken, dass diese Bilder kritisch betrachtet und hinterfragt werden. Zwei Experten auf diesem Gebiet sind der Historiker und Autor Hannes Leidinger, in punkto Film, sowie der Fotohistoriker und Herausgeber der Zeitschrift „Fotogeschichte“, Anton Holzer. Im Theater Akzent haben sie ihr Wissen im Rahmen der Veranstaltungsreihe AM PULS des Wissenschaftsfonds FWF mit dem Publikum geteilt. Die Annahme, dass Film und Fotografie das Kriegsgeschehen so abbildeten, wie es tatsächlich war, hält den Erkenntnissen aus der Forschung nämlich nicht stand. Im Gegenteil: Ein Großteil des Materials ist Fake, wie man heute weiß.

Mehr Filmmaterial, als angenommen

Reale Kampfszenen zu filmen oder zu fotografieren, wäre nur unter Einsatz von Leib und Leben möglich gewesen. Solche Bilder wurden zu Beginn des Weltkriegs vom Publikum jedoch (noch) erwartet. Die Lösung: Kampfhandlungen wurden nachgestellt oder man verwendete Ersatzmaterial, zum Beispiel von militärischen Übungen. Dem ungeschulten Betrachter fällt der Unterschied nicht auf. Um echtes von unechtem Bildmaterial unterscheiden zu können, ist fachliche Expertise nötig. So hat sich etwa Hannes Leidinger in den vergangenen fünf Jahren in einem vom FWF geförderten Forschungsprojekt umfassend mit der österreichisch-ungarischen Filmproduktion (fiktional und non-fiktional) zwischen 1914 und 1918 befasst. Seinem Team gelang es, enorm viel unbekanntes Material zu heben. Die daraus entstandene Filmografie umfasst nicht weniger als rund 1.500 Filme. Doch nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ setzen die Forschungsergebnisse neue Maßstäbe. Was deutlich wurde: „Szenen wie jene vom Sturm auf einen schneebedeckten Steilhang sind heute als Fake identifizierbar, was im Übrigen rund achtzig Prozent der Gefechtsdarstellungen zwischen 1914 und 1918 ebenso betrifft“, erklärt Leidinger.

Fotografie lässt Leerstellen

Auch in der Fotografie waren Fakes verbreitet. Hier ist ebenfalls ein geschulter Blick nötig, um echt von unecht zu unterscheiden. „Der überwiegende Teil der Bilder, die in der Öffentlichkeit auftauchten, ging durch die Hände des Kriegspressequartiers. Ziel der Bildpropaganda war die Kontrolle der publizierten Bilder, sowie private Anbieter von Kriegsbildern sukzessive zurückzudrängen. Man kann hier ganz klar von einer militärisch und propagandistisch gelenkten Bildpropaganda sprechen“, sagt der Fotohistoriker Holzer. Beim Medium Fotografie kam hinzu, dass die Kriegsfotografen genau wussten, was nicht erwünscht war. Die Selbstzensur oder „Schere im Kopf“ beeinflusste maßgeblich, was festgehalten wurde. Besonders heikel war die Darstellung von Tod und Sterben. Dass es hier bei Film und Fotografie viel Gemeinsames, aber auch Unterschiede gibt, zeigte die Diskussion im Wiener Theater Akzent.

Tod wurde ausgeklammert

Bei Filmproduktionen war der Tod, selbst Allegorien auf den Tod, ein absolutes No-Go. In der Fotografie war es ähnlich. Obwohl im Ersten Weltkrieg rund 1,5 Millionen k. u. k Soldaten ums Leben kamen, waren in der Kriegsfotosammlung kaum Bilder von toten Österreichern zu finden. Die Karteikarten zum Kriegsfotoarchiv, auf die Holzer zufällig bei einer Recherche im Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek stieß, beschreiben rund 30.000 Aufnahmen. Sie waren in einem Holzschrank in Vergessenheit geraten. Doch selbst wenn es sich bei den Toten um feindliche Soldaten handelte, war nicht gesagt, dass das Foto an die Öffentlichkeit ging. Als Beispiel zeigte Holzer ein Foto mit dem Vermerk „Reservat“. Darauf waren die verstümmelten Leichen italienischer Soldaten am Piave-Damm zu sehen. Warum es nie publiziert wurde? „Weil dieser letzte große Angriff an der Italienfront im Juni 1918 für die Habsburger gewaltig daneben ging. Ein Misserfolg, der der Öffentlichkeit nicht gezeigt werden durfte“, so der Fotohistoriker.

Verräterische Perspektive

Bei der Frage, ob eine Fotografie oder eine Filmszene nachgestellt ist, spielt die Position der Kamera die Schlüsselrolle – im Film, wie bei der Fotografie. Ist etwa wie im Film „Heldenkampf in Schnee und Eis“ einmal die Kamera hinter den stürmenden k. u. k Soldaten und gleich darauf im Schützengraben der italienischen Truppen positioniert, wurde die Szene nachgestellt. Je dramatischer die Bilder, desto eher sind sie unecht. Denn sowohl für den Kameramann als auch für den Fotografen wäre es bei realen Kampfhandlungen tödlich gewesen, an exponierter Stelle zu stehen. Echte Bilder erkennt man deshalb schon daran, dass sich darauf kaum etwas ereignet –, da sich der Kameramann oder der Fotograf in Schutz begeben müssen. Das damalige Equipment, bis zu 15 Kilogramm schwere Fotoapparate und Glasplattennegative, trugen das ihre dazu bei, dass echte Augenblicksaufnahmen rar sind. Mehr noch: „Im Ersten Weltkrieg als Kriegsfotograf tätig zu sein, war quasi eine Überlebensgarantie“, betont Holzer. Während der Film als Propagandamittel erst nach 1916 an Bedeutung gewann, waren Kriegsfotografen von Anfang an Teil der militärischen Struktur.

 

Erinnerung „reloaded“

Bis heute prägen Fotografie und Film die Erinnerung an den letzten Krieg der Habsburger. Sowohl beim Einzelnen als auch bei einer ganzen Gesellschaft. Je nach Interesse, Region, Geschichtskultur und Betroffenheit wurde in den Nachfolgestaaten jedoch nur fragmentarisch an das Habsburgerreich erinnert. In einem bald erscheinenden Sammelband hat Leidinger deren unterschiedliche Perspektiven gebündelt. Weil man heute über den Wahrheitsgehalt von Bildmaterial viel besser Bescheid weiß, trägt dies letztlich auch dazu bei, eigene Bilder im Kopf zu hinterfragen und zu einem realistischen Bild vom Ersten Weltkrieg – hundert Jahre nach seinem Ende – zu gelangen.

Im Dialog mit der Öffentlichkeit

Die Veranstaltungsreihe AM PULS ist eine Initiative des Wissenschaftsfonds FWF. Das Wissenschaftsformat lädt seit 2007 die Bevölkerung zum Dialog mit der Wissenschaft. Renommierte Forscherinnen und Forscher berichten bei AM PULS aus ihrem Arbeitsalltag, über neue Methoden und Erkenntnisse und vermitteln dabei die Bedeutung der Wissenschaft für die Gesellschaft. Die Themen der Reihe spiegeln die Vielfalt der vom FWF geförderten Projekte aus der Grundlagenforschung wider und reichen von der Weltraumforschung über Krebstherapie bis zu Datenschutz und Archäologie.

 

Terminvorschau

Die nächste AM-PULS-Veranstaltung zum Thema "Essstörungen & Adipositas" findet am 17. April 2018 im Theater Akzent in Wien statt. Der Eintritt ist frei. Anmeldungen an ficsor(at)prd.at.

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