Wie essen wir? Eine wichtige Frage, will man verstehen, wie Essstörungen entstehen. Warum viele eine solche entwickeln oder an Adipositas erkranken, diskutierten die Fachärztin für Psychiatrie Christina Tretter und der Psychologe Jens Blechert im Rahmen der Veranstaltungsreihe AM PULS des Wissenschaftsfonds FWF.

Prim. Dr. Christine Tretter, Moderatorin Mag.a Birgit Dalheimer, Prof. Jens Blechert

Für redaktionelle Zwecke bei Nennung der Quelle kostenfrei. © FWF/Michèle Pauty

 

Ein üppiges Buffet stellt (fast) alle vor die Qual der Wahl: Was nimmt man sich? Anders ergeht es Menschen mit einer Essstörung. Bei ihnen dominiert die Frage: Wie viel (ist genug)? So hat jemand mit Magersucht – Anorexia nervosa – etwa Schwierigkeiten einzuschätzen, welche Menge „normal“ ist. Ihr oder ihm ist das Gefühl für eine „normale Portion“ abhandengekommen. Doch das ist durch ernährungstherapeutische Maßnahmen wieder erlernbar. Psychotherapie und die Behandlung von psychiatrischen Begleiterkrankungen sind ebenfalls zu empfehlen, um der Patientin bzw. dem Patienten herauszuhelfen. Christina Tretter, Fachärztin für Psychiatrie leitet das Kompetenzzentrum www.sowhat.at für Menschen mit Essstörungen mit Standorten in Wien, Mödling und St. Pölten. Gemeinsam mit dem Psychologen Jens Blechert, dem Leiter des Eating Behaviour Laboratory an der Paris Lodron Universität Salzburg, hat Tretter im Rahmen der Veranstaltungsreihe AM PULS des FWF am 17. April 2018 die Ursachen und Behandlung von Essstörungen und Adipositas mit dem Publikum diskutiert.

Nicht was, sondern wie

Bei Essstörungen handelt es sich laut Tretter stets um Störungen des Essverhaltens. Die permanente Zügelung ist für Anorexie charakteristisch. Werden Essattacken hingegen durch extreme Maßnahmen wie Erbrechen, Abführmittel oder exzessiven Sport kompensiert, ist die Rede von der Ess-Brech-Sucht oder Bulimia nervosa. Jene, die Essattacken weder verhindern, noch ausgleichen wollen, leiden an der Binge-Eating-Störung. Sie sind die Einzigen, die sich gewichtsmäßig in Richtung Übergewicht bewegen. Magersucht führt zu Gewichtsabnahme, während das Gewicht bei Bulimie meist im Normalbereich bleibt. Adipositas ist keine Essstörung. Zu dem starken Übergewicht kommt es zwar auch, weil mehrere Faktoren zusammenspielen, aber hier sind Lebensstil sowie Über- bzw. Fehlernährung hauptverantwortlich. Deshalb sollte die Behandlung schwerpunktmäßig auf eine langfristige Ernährungsumstellung abzielen. Was dieser Vergleich zeigt: Die Auswirkungen eines gestörten Essverhaltens auf Gewicht, Psyche und Gesundheitszustand sind vielfältig. Dasselbe gilt für die Ursachen.

Keine eindeutigen Anzeichen

Heute weiß man, dass für die Entstehung einer Essstörung nicht bloß ein Faktor allein verantwortlich ist, wie etwa das familiäre Umfeld oder ein Anlass wie eine Trennung. Vielmehr ist es eine Mischung aus sozialen, biologischen und psychischen Faktoren.  Auf dieser Erkenntnis baut das „bio-psycho-soziale Störungsmodell“ auf, woran sich viele Expertinnen und Experten orientieren. Die Fachärztin für Psychiatrie klärt darüber hinaus auf, dass bei Betroffenen meist Risikofaktoren zusammen mit einem akuten Auslöser zur Erkrankung führen: „Eine Diät allein mündet nicht zwingend in einer Essstörung. Hat die Person aber einen problematischem Selbstwert oder ist sie sehr perfektionistisch, kann diese Kombination schon ein Einstieg in die Erkrankung sein.“ Als Risikofaktoren gelten etwa das erlernte Essverhalten, Frustrationstoleranz, familiäre Dispositionen, das Geschlecht, der Einfluss von Medien und gesellschaftliche Schlankheitsideale. 

Früh gelernte Kritik

Wieviel Einfluss gesellschaftliche Ideale auf das individuelle Essverhalten haben, hängt auch mit dem Verhältnis zum eigenen Körper zusammen. Wie gut oder schlecht dieses ist, wird durch vielerlei geprägt und entwickelt sich früh. Unzufriedenheit wurzelt oft schon in der Kindheit: Rund ein Drittel der heimischen Zehnjährigen hat laut Tretter bereits Diäterfahrung und etwa die Hälfte der 13- bis 14-Jährigen wäre gerne dünner. Was das Essverhalten betrifft, haben in dieser Lebensphase die Schule und die Familie großen Einfluss. Wie wird mit dem Thema Ernährung umgegangen? Welches Essverhalten wird vorgelebt, wie und wann Essen zubereitet? Gleichzeitig dringt das idealisierte, schlanke Körperbild via Werbung, Spielzeug und Lebensmittel permanent bis in die Kinderzimmer vor. Als Beispiel wird bei der Veranstaltung auf beliebte Figuren wie die – heute deutlich abgemagerte – Biene Maja verwiesen, die auch auf Verpackungen von Süßigkeiten prangt. Langfristig kann all dies zusammen zu einem überkritischen Verhältnis zum Körper führen.

Achtsam beobachten

Das verdeutlicht: Psyche und Essverhalten sind eng verknüpft. Essstörungen werden oft von psychischen Erkrankungen wie Depression, Angst- oder Zwangsstörungen bis zu Suchtmittelmissbrauch begleitet. Trotz dieser Fülle an Merkmalen ist es schwierig, eine Essstörung früh zu erkennen. Eindeutige Anzeichen gibt es laut Tretter und Blechert keine. Bei Verdacht auf längerfristigen Missbrauch von Abführ- oder Entwässerungsmitteln oder bei sozialem Rückzug ist Achtsamkeit und gegebenenfalls sanftes Nachhaken gefragt. Feingefühl ist wichtig, weil alle Essstörungen mit Schamgefühlen verbunden sind. Sei es in Bezug auf den Körper, das unkontrollierte Essen oder das Erbrechen. „Menschen mit Anorexie haben außerdem starke Einsichtsprobleme. Sie nehmen sich nicht als krank oder untergewichtig wahr und sind somit schwer erreichbar“, sagt Psychologe Blechert. Eine Ursache dürfte die so genannte „Körperschemastörung“ sein. Betroffene richten ihre Aufmerksamkeit dabei auf eine Körperzone, wie zum Beispiel ihren Bauch. Den wollen sie optimieren, verlieren dabei aber das Gesamtbild und alarmierende Zeichen wie deutlich sichtbare Rippen aus dem Blick.

 

Gutes Essverhalten ist erlernbar

Diese dauerhafte, extreme Zügelung ist für Menschen mit Anorexie charakteristisch. Was das langfristig im menschlichen Gehirn bewirkt und wie Stress, Emotionen und Essverhalten generell zusammenhängen, untersucht Jens Blechert derzeit in einem großen, durch die EU geförderten Forschungsprojekt. Eine wesentliche Rolle spiele auch die Ernährungsumgebung bzw. die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln: Erste Ergebnisse auf Basis von MRT-Verfahren führen Blechert zur Empfehlung, im öffentlichen wie privaten Raum „die Präsenz von gesunden Lebensmitteln zu steigern und Hochkalorisches zu reduzieren.“ Die Entwicklung und Aufrechterhaltung eines gesunden, genussvollen Essverhaltens beugt dem Entstehen einer Essstörung oder Adipositas jedenfalls vor. Oder: Statt dem Buffet mit knurrendem Magen den Rücken zuzudrehen, ist eine gute Auswahl, verbunden mit viel Genuss, wohl die bessere Strategie.

Im Dialog mit der Öffentlichkeit

Die Veranstaltungsreihe AM PULS ist eine Initiative des Wissenschaftsfonds FWF. Das Wissenschaftsformat lädt seit 2007 die Bevölkerung zum Dialog mit der Wissenschaft. Renommierte Forscherinnen und Forscher berichten bei AM PULS aus ihrem Arbeitsalltag, über neue Methoden und Erkenntnisse und vermitteln dabei die Bedeutung der Wissenschaft für die Gesellschaft. Die Themen der Reihe spiegeln die Vielfalt der vom FWF geförderten Projekte aus der Grundlagenforschung wider und reichen von der Weltraumforschung über Krebstherapie bis zu Datenschutz und Archäologie.

 

Terminvorschau

Die nächste AM-PULS-Veranstaltung zum Thema (De-)Radikalisierung – Die Rolle der Frauen findet am 19. Juni 2018 im Theater Akzent in Wien statt. Der Eintritt ist frei. Anmeldungen an ficsor(at)prd.at.

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