Über globale und europäische Wanderungstrends, Integrationspolitik, die langsam Fuß fasst und die Möglichkeiten der Steuerung von Migration haben die beiden Experten Heinz Faßmann von der Universität Wien und Steffen Angenendt von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin bei der Veranstaltungsreihe AM PULS des Wissenschaftsfonds FWF diskutiert.

Dr. Steffen Angenendt, Moderatorin Mag.a Birgit Dalheimer, Prof. Dr. Heinz Faßmann

Für redaktionelle Zwecke bei Nennung der Quelle kostenfrei. © FWF/Michèle Pauty

 

Österreich ist und war immer schon ein beliebtes Einwanderungsland. „Europaweit zählen wir mit Platz drei zur Spitzengruppe“ der Länder mit Zuwanderung, nennt der Migrationsforscher Heinz Faßmann zunächst einige Fakten bei dem Podiumsgespräch am 27. September 2017 im ausgebuchten Theater Akzent in Wien. Rund 1,9 Millionen Menschen in Österreich haben aktuell Migrationshintergrund, das sind zirka 22 Prozent der Bevölkerung. In den vergangenen beiden Jahren hat das Land einen besonders hohen Zuwachs erlebt. Im Schnitt betrug die Nettowanderung, das heißt Zuwanderung minus Abwanderung, laut Faßmann 89.000 Personen pro Jahr. „Das ist mehr als ein Prozent der Bevölkerung, und das ist schon erheblich“, betont der Experte.

Zuwanderung bleibt notwendig

Mehr als die Hälfte davon entfällt aktuell auf die Zuwanderung von Asylwerbern, gefolgt von innereuropäischer Arbeitsmigration, studentischer Zuwanderung und Familiennachzug. Dass hier seitens der Politik reagiert werden müsse, steht für den Vorsitzenden des Expertenrats für Integration außer Zweifel, gleichzeitig betont Faßmann, bleibe Zuwanderung aber notwendig und verweist auf weitere Zahlen, die der Wissenschafter erhoben hat:  Ab 2020 werden die Baby-Boom-Jahrgänge (1963/64) aus dem Erwerbsleben schrittweise ausscheiden. Um etwa alleine die Einwohnerzahl stabil  zu halten, braucht es daher eine Zuwanderung von 21.600 Personen pro Jahr bis 2050, 44.000 Personen, um die Zahl der Erwerbsfähigen zu stabilisieren, und ein ausgewogenes Verhältnis von Jung und Alt wäre erst dann erreicht, wenn bis 2030 jährlich 225.000 Personen ins Land kommen.

Wanderungsgründe vermischen sich

Die Fluchtbewegung ist daher nur ein Teil des Phänomens von Migration, wie auch Steffen Angenendt, der Leiter der Forschungsgruppe „Globale Fragen“ in der Stiftung Wissenschaft und Politik, mit Blick auf die globalen Wanderungsbewegungen bei der Veranstaltung in Wien demonstriert. Insgesamt nehmen internationale Wanderungen zu, dennoch sind es nach wie vor relativ wenige Menschen, die außerhalb ihres Heimatlandes leben: 2015 waren das 244 Millionen, das entspricht 3,3 Prozent der Weltbevölkerung. Die Zahl der Binnenvertriebenen nimmt dagegen besonders in Afrika zu. Hier sind es 30 Prozent im Vergleich zu 17 Prozent in Europa. Auch die Flüchtlingsbewegung ist von Süden nach Süden stärker als etwa die viel zitierte Wanderung von Süden nach Norden, wie Angenendt in seinem Vortrag veranschaulicht.

Dass es für Flüchtlinge und Migranten nur begrenzte legale Zuwanderungsmöglichkeiten gibt und immer weniger Flüchtlinge unter den Schutz der Genfer Konvention fallen, betrachtet der Experte als eine große Lücke im Management von Migration. Politische, ökonomische und ökologische Wanderungsursachen vermischen sich zunehmend, erklärt der Experte. Das verursache ambivalente Tendenzen in der Steuerung von Wanderung, wie einerseits die Schließung der Grenzen für Flüchtlinge und niedrig Qualifizierte, gegenüber der Öffnung für Fachkräfte und hoch Qualifizierte. „Es gibt eine Tendenz zu symbolischer Politik, die nicht zur Problemlösung beiträgt.“ Steffen Angenendt, der unter anderem als Berater für die deutsche Regierung tätig war, wünscht sich insgesamt einen stärker faktenbasierten Zugang im Bereich der Integrationspolitik.

Zahlreiche Handlungsfelder

Zu tun gibt es vieles, und auch die Handlungsfelder sind bekannt, wie beispielsweise: bessere Zusammenarbeit der Institutionen und Ressorts, einheitliche EU-Definition der sicheren Herkunftsländer, Migrationsprogramme entwicklungspolitisch gestalten, weg von kurzfristigen und selektiven Ansätzen, hin zu multidimensionalen und längerfristigen Programmen, die die Aufnahmekommunen einbeziehen oder etwa die stärkere Einbeziehung von Unternehmen in die Arbeitsmarktintegration. Neben diesen strukturellen Maßnahmen ist es laut dem Migrationsexperten aber auch besonders wichtig, das zivilgesellschaftliche Engagement zu erhalten und zu fördern. Man müsse die Einheimischen miteinbeziehen, vor dem Hintergrund, dass beide Seiten davon profitieren.

Migration gemeinsam gestalten

Eine geordnete Migration, wie sie erstmals von den UN-Staaten beschlossen wurde, steht letztlich für Entwicklung. Viele Herkunftsländer wie etwa die Philippinen, Armenien oder auch Tadschikistan, wo Leute speziell ausgebildet werden, um im Ausland arbeiten zu können, haben großes Interesse daran. Rücküberweisungen betragen fast das Vierfache der weltweiten Entwicklungshilfe. All diese Faktoren müsste ein gezieltes Migrationsmanagement berücksichtigen. „Wir dürfen Migration nicht unterbinden, sondern müssen sie gestalten“, betont Angenendt. Die Ideen auf EU-Ebene gibt es, aber die Mitgliedsstatten müssten mitziehen, damit Migrationspolitik für alle Beteiligten langfristig funktionieren kann, darin sind sich die Experten einig. „Das geht nur gemeinsam mit Europa“, betont etwa Faßmann und ergänzt: „Manchmal herrscht eine politische Illusion über die nationale Steuerbarkeit der Zuwanderung. Das bewegt sich aber lediglich im Bereich von fünf Prozent.“

Auf nationaler Ebene hebt Heinz Faßmann den hohen Stellenwert von Bildung und Qualifizierungsmaßnahmen in der Asylmigration hervor, die im Rahmen der strukturellen Maßnahmen der vergangenen Jahre „nach Jahrzehnten politischer Abstinenz“ nun in Österreich langsam Fuß fassen. Aber, betonte der Experte, das gehe nicht von heute auf morgen, und die Menschen müssten auch wollen. Langfristig gelte es weniger in die Autonomie einzugreifen, wie zum Beispiel von Religionsgemeinschaften, als den neuen gesellschaftlichen Kontext zu akzeptieren. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist die soziale und ethnische Durchmischung – ganz nach dem Motto: voneinander lernen.

 

Im Dialog mit der Öffentlichkeit

Die Veranstaltungsreihe AM PULS ist eine Initiative des Wissenschaftsfonds FWF. Das Wissenschaftsformat lädt seit 2007 die Bevölkerung zum Dialog mit der Wissenschaft. Renommierte Forscherinnen und Forscher berichten bei AM PULS aus ihrem Arbeitsalltag, über neue Methoden und Erkenntnisse und vermitteln dabei die Bedeutung der Wissenschaft für die Gesellschaft. Die Themen der Reihe spiegeln die Vielfalt der vom FWF geförderten Projekte aus der Grundlagenforschung wider und reichen von der Weltraumforschung über Krebstherapie bis zu Datenschutz und Archäologie.

 

Terminvorschau

Die nächste AM-PULS-Veranstaltung zum Thema „Postfaktische Gesellschaft – Wenn Wissenschaft zur Glaubensfrage wird“ findet am 30. November 2017 im Theater Akzent in Wien statt. Der Eintritt ist frei. Anmeldungen an schlicker(at)prd.at.

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