Da Multiple Sklerose verschiedene Stellen des Zentralen Nervensystems betrifft, ist ihr Erscheinungsbild vielfältig. Das macht die Diagnose nicht immer einfach. Über diagnostische Verfahren, Therapiemöglichkeiten und den Beitrag der Grundlagenforschung zur Aufklärung dieser komplexen Erkrankung berichteten Barbara Bajer-Kornek und Hans Lassmann von der Medizinischen Universität Wien bei der Veranstaltungsreihe AM PULS des Wissenschaftsfonds FWF in Wien.

Prof. Dr. Hans Lassmann und Prof. Dr. Barbara Bajer-Kornek im Gespräch mit Moderatorin Mag.a Birgit Dalheimer

Für redaktionelle Zwecke bei Nennung der Quelle kostenfrei. © FWF/Michèle Pauty

 

Rund 12.000 Menschen leiden in Österreich an Multipler Sklerose, etwa 2,5 Millionen sind weltweit betroffen. Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Zentralen Nervensystems. Heute ist vieles über die Entstehung und den Verlauf der Erkrankung geklärt, und es stehen wirksame Therapien zur Verfügung, die die Lebensqualität der Betroffenen günstig beeinflussen. Vor allem im Frühstadium ist MS gut behandelbar. Noch vor 20 Jahren zeigte sich ein ganz anderes Bild. Therapiemöglichkeiten gab es so gut wie keine. Die Diagnose MS wurde damals mit einem Leben im Rollstuhl verbunden. Das erste Mittel, Beta-Interferon, das 1996 zum Einsatz kam, war eine Zufallsentdeckung. Ursprünglich wurde es gegen Viruserkrankungen eingesetzt. Da es auch bei MS wirkte, entstand die Hypothese, dass die Krankheit durch Viren ausgelöst wird. Ganz geklärt ist das bis heute nicht. Doch inzwischen geht man von einer Autoimmunerkrankung aus.

Forschungserfolge und aktuelle Herausforderungen

Dass die schubhafte Multiple Sklerose heute gut behandelbar ist, ist der Grundlagenforschung zu verdanken. Der Neurologe Hans Lassmann von der Medizinischen Universität Wien ist einer jener Forscherinnen und Forscher, der wesentlich zu diesem Erfolg beigetragen hat. Lassmann leitet das Zentrum für Hirnforschung, das bei der Erforschung der MS als weltweit führend gilt. Bei  der Veranstaltungsreihe AM PULS am 4. April 2017 berichtete der Experte über die Entwicklung der Forschung in diesem Bereich. Dabei verwies Lassmann auf die komplexe Entstehungsgeschichte der Krankheit, die entsteht, lange bevor man Veränderungen bemerkt. Dabei kommen verschiedene Faktoren zum Tragen: Auf der genetischen Ebene seien bis zu 150 Gene involviert, wie Lassmann erklärte. Weitere Risikofaktoren sind Vitamin-D-Mangel, Infektionen oder etwa Störungen des Haut- und Darm-Mikrobioms. „In der Grundlagenforschung sehen wir uns an, wo man eingreifen kann, wenn sich MS entwickelt und untersuchen in experimentellen Modellen, was da passiert“, berichtete Lassmann mehr als 400 Zuhörerinnen und Zuhörern im Wiener Theater Akzent. „Heute haben wir ein gutes Bild über die Entstehung und Entwicklung der Erkrankung.“ Im Frühstadium kann das Fortschreiten um bis zu 95 Prozent gehemmt werden. Problematisch sei jedoch, so der Experte, dass die hohe Wirksamkeit mit mehr Nebenwirkungen und anderen potenziellen Gefahren einhergehe. Der Entzündungsprozess, der sich im Frühstadium gut behandeln lässt, nimmt mit dem Alter ab, dafür nehmen aber neurodegenerative Schädigungen hinzu. Lassmann spricht von „Amplifikationsmechanismen“, die dann in Gang gesetzt werden. Das heißt, die Schädigungen werden vervielfacht. Das ist eine der großen Herausforderungen, vor der die Forschung derzeit steht: Die Verlaufsformen der fortschreitenden (progredienten) MS zu beeinflussen.

Symptome, Diagnostik und Therapien

Multiple Sklerose tritt am häufigsten zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auf. Frauen sind aufgrund der Geschlechtshormone deutlich häufiger betroffen. „Typische Symptome sind Sehstörungen, Gefühlsstörungen in den Armen und Beinen – wie Kribbeln und Taubheitsgefühl – oder Müdigkeit“, erklärte Barbara Bajer-Kornek im Gespräch mit dem Publikum bei AM PULS. Die Fachärztin hat sich auf Multiple Sklerose mit Schwerpunkt auf das Kindes- und Jugendalter spezialisiert. Seit vielen Jahren begleitet sie Patientinnen und Patienten medizinisch und kennt die Herausforderungen der Diagnostik und Therapie. „Es gibt keine Marker bei MS, wie zum Beispiel bei Allergien“, betonte die Neurologin. Die Diagnose stützt sich daher vor allem auf Bildgebungsverfahren und andere Untersuchungen wie die des „Liquor“ – des Nervenwassers aus dem Rückenmarkkanal. „Nicht alle Erkrankungen, die wie MS aussehen, sind auch MS. Wir müssen daher sehr genau sein“, so die Expertin. Grundsätzlich gilt, je früher die Diagnose gestellt werden kann, umso besser ist der Behandlungserfolg. Auch Bajer-Kornek bestätigte, dass die frühe Phase derzeit sehr gut behandelt werden könne. Als Hoffnungsträger für die Therapie der fortgeschrittenen MS verweist die Medizinerin auf die aktuelle Forschung zu Biotin, einem Vitamin B-Komplex. Die ersten Studien dazu sind erfolgversprechend. Biotin verbessert die Markscheidenbildung, die Schutzschicht der Nervenfasern, und die Energieproduktion der angegriffenen Nervenfasern bei MS. Bevor es zur Zulassung gelangt, sind allerdings noch weitere Untersuchungen notwendig.

 

Im Dialog mit der Öffentlichkeit

Die Veranstaltungsreihe AM PULS ist eine Initiative des Wissenschaftsfonds FWF. Das Wissenschaftsformat lädt seit 2007 die Bevölkerung zum Dialog mit der Wissenschaft. Renommierte Forscherinnen und Forscher berichten bei AM PULS aus ihrem Arbeitsalltag, über neue Methoden und Erkenntnisse und vermitteln dabei die Bedeutung der Wissenschaft für die Gesellschaft. Die Themen der Reihe spiegeln die Vielfalt der vom FWF geförderten Projekte aus der Grundlagenforschung wider und reichen von der Weltraumforschung über Krebstherapie bis zu Datenschutz und Archäologie.

 

Terminvorschau

Die nächste AM-PULS-Veranstaltung zum Thema „Populismus – Die neue politische Macht“ findet am 7. Juni 2017 im Theater Akzent in Wien statt. Der Eintritt ist frei. Anmeldungen an schlicker(at)prd.at.

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