Welche Bedeutung kommt dem Erinnern in einer Gesellschaft zu und wie wirkt sich die NS-Vergangenheit auf die Nachkommen von Opfern und TäterInnen in Österreich aus? Darüber diskutierten die Holocaust-Überlebende Helga Feldner-Busztin und die Wissenschafterin Maria Pohn-Lauggas bei der Veranstaltungsreihe AM PULS des Wissenschaftsfonds FWF in Wien.

Dr. Maria Pohn-Lauggas und Dr. Helga Feldner-Busztin - Für redaktionelle Zwecke bei Nennung der Quelle kostenfrei / Use of these photos for editorial purposes is free of charge, subject to attribution. © FWF / Michèle Pauty

 

Was und wie erinnert wird, hänge von vielen Faktoren ab, sagt die Soziologin Maria Pohn-Lauggas vorweg bei der Veranstaltung AM PULS am 22. Februar 2017 im ausgebuchten Theater Akzent in Wien. Die Wissenschafterin geht der Frage nach, wie die nationalsozialistische Vergangenheit auf nachfolgende Generationen wirkt. Für ihre Analysen an der Universität Wien führt Pohn-Lauggas Interviews mit Nachfahren durch und arbeitet deren Lebensverläufe auf; sie sammelt Bildmaterial und Dokumente, um die Bedeutung des Erinnerns sowohl für die Gesellschaft als kollektives Gedächtnis als auch für die eigene Lebensgeschichte aufzuzeigen.

Je mehr Zugang Nachfahren zu einem kollektiven Gedächtnis haben, zum Beispiel in Form von Opferverbänden, umso besser gelingt die Einordnung und Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte, wie Pohn-Lauggas am Beispiel ihrer Untersuchungen zu Nachfahren von Widerstandskämpferinnen und -kämpfern zeigen konnte. Denn der bis zur Waldheim-Affäre herrschende Diskurs von Österreich als Opfer habe beispielsweise verhindert, dass Widerstand ein Teil des nationalen Gedächtnisses wurde. Stattdessen wurde er in den Familienerzählungen entpolitisiert, und insgesamt herrschte ohnedies kollektives Schweigen vor. Auf Seite der Täterschaft aus Selbstschutz, auf Seite der Opfer aus Schutz vor dem Umfeld und den Nachkommen. „Erinnerung in Österreich ist davon geprägt“, so Pohn-Lauggas, „die NS-Beteiligung von Familienmitgliedern zu verschleiern.“

Shoa – das Erlebte weitergeben

„Wir hatten keine Geheimnisse vor den Kindern und haben ihnen, als sie sich dafür interessierten, stückweise unsere Geschichte erzählt“, so Helga Feldner-Busztin, Mutter von vier Kindern und Überlebende des KZ Theresienstadt. Die Zeitzeugin des Holocaust schilderte dem Publikum bei AM PULS ihre bewegte Geschichte und wie sie die Kindheit in der NS-Zeit als „Mischling zweiten Grades“ erlebte. Wut und Hunger hätten ihre Jahre als junges Mädchen geprägt. Zufälle, Glück und eine Handvoll mutige Menschen ermöglichten schließlich das Überleben im KZ und die Rückkehr nach Wien, wo Feldner-Busztin ihren bereits tot geglaubten Vater wiedertraf und später Karriere als Internistin machte.

Gesellschaftliche Verantwortung

Zunächst habe sie nur im kleinen Kreis über das Erlebte gesprochen. Heute ist die 88-Jährige regelmäßig zu Gast an Schulen und bei Veranstaltungen. Denn, so Feldner-Busztin, es gebe auch heute noch den Antisemitismus und zudem verstärkt wieder globale Verurteilungen wie damals. Dagegen wolle sie ankämpfen und den nächsten Generationen ihre Geschichte mit Bezug auf die Gegenwart mitgeben. „Wenn man das erlebt hat, was ich erlebte, dann hilft man einfach“, sagt Feldner-Busztin etwa vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingserfahrungen. In diesem Zusammenhang plädiert sie nachdrücklich für mehr Toleranz und Respekt den anderen gegenüber. „Dann merkt man oft auch, dass die gar nicht so anders sind“, wie sie besonders den jungen Menschen zu erklären versuche.

Politische Bildung und Offenheit

Bildung und öffentliche Räume, wie zum Beispiel Erzählcafés, seien zentral, um sich mit seiner eigenen Familiengeschichte auseinandersetzen zu können, unterstreicht Pohn-Lauggas. Es brauche gesellschaftliche Rahmenbedingungen und das offizielle Bemühen um das Erinnern, damit das eigene Leben im Schatten der Familiengeschichte eingeordnet werden könne. Gerade auch für junge Menschen ist es wesentlich, aus der Vergangenheit den Bezug zur Gegenwart herzustellen und sich mit der eigenen Biografie in Hinblick auf Brüche und Kontinuitäten auseinanderzusetzen. Nicht zuletzt sitzen jüngere Ereignisse wie die Kriege im ehemaligen Jugoslawien noch tief im kollektiven und individuellen Gedächtnis vieler Zeitgenossinnen und Zeitgenossen. Erinnern bedeutet damit immer auch, (Zeit)-Geschichte als einen Teil der eigenen Biografie zu begreifen.

 




Im Dialog mit der Öffentlichkeit

Die Veranstaltungsreihe AM PULS ist eine Initiative des Wissenschaftsfonds FWF. Das Wissenschaftsformat lädt seit 2007 die Bevölkerung zum Dialog mit der Wissenschaft. Renommierte Forscherinnen und Forscher berichten bei AM PULS aus ihrem Arbeitsalltag, über neue Methoden und Erkenntnisse und vermitteln dabei die Bedeutung der Wissenschaft für die Gesellschaft. Die Themen der Reihe spiegeln die Vielfalt der vom FWF geförderten Projekte aus der Grundlagenforschung wider und reichen von der Weltraumforschung über Krebstherapie bis zu Datenschutz und Archäologie.

 




Terminvorschau

Die nächste AM-PULS-Veranstaltung zum Thema „Multiple Sklerose – Ursachen, Symptome und Therapien“ findet am 4. April 2017 im Theater Akzent in Wien statt. Der Eintritt ist frei. Anmeldungen an schnell(at)prd.at

Mehr zum Thema

Deutungskämpfe um die Vergangenheit – Maria Pohn-Lauggas im Video

"Das Vermächtnis" - Die ZeitzeugInnen – www.erinnern.at

Zurück zur Übersicht