Über das Missverständnis der Wissensgesellschaft, Kommunikationsprobleme und den Wunsch nach Beteiligung haben der Medienwissenschafter Josef Seethaler und der Philosoph Thomas Grundmann zum Thema „Postfaktische Gesellschaft“ bei der Veranstaltungsreihe AM PULS des Wissenschaftsfonds FWF diskutiert.

Dr. Josef Seethaler, Moderatorin Mag.a Birgit Dalheimer, Prof. Dr. Thomas Grundmann

Für redaktionelle Zwecke bei Nennung der Quelle kostenfrei. © FWF/Michèle Pauty

 

2016 wurde es zum Wort des Jahres gekürt: „postfaktisch“. Und spätestens seit der Angelobung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump Anfang 2017 sind die „alternativen Fakten“ wieder salonfähig geworden. Längst akzeptierte Zusammenhänge, wie etwa jener, dass der Klimawandel entscheidend durch den Menschen mitverursacht wird, werden heute öffentlich hinterfragt. – Kurzum, es sind schwierige Zeiten für die Wissenschaft. Erklärungsversuche für das schwindende Vertrauen in Fakten, in einer Welt, deren Fortschritt auf Forschung und Innovationen fußt, haben die beiden Experten Josef Seethaler und Thomas Grundmann auf Einladung des Wissenschaftsfonds FWF unternommen.

Wertewandel und Vertrauensverlust

Die Gesellschaft befindet sich in einem Wertewandel. „Dahinter stehen ökonomische Veränderungen, aus denen eine Fülle an Herausforderungen erwachsen, auf die die Politik aber eher hilflos reagiert“, erklärt Josef Seethaler bei der Veranstaltung am 30. November 2017 in Wien. Der Medienwissenschafter forscht an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften unter anderem zu Wissenschaftskommunikation und der Rolle der Medien. Was Seethaler anhand sozialwissenschaftlicher Untersuchungen in der Politik ortet, betreffe auch die Wissenschaft, betont der Experte. Denn wenn Inhalte auf der Strecke bleiben, erschüttert das das Vertrauen und das rüttelt an den Grundfesten der Demokratie.“

Partizipation fördert Verständnis

Laut den Ergebnissen der aktuellen Europäischen Wertestudie sind 35 bis 45 Prozent der österreichischen Bevölkerung der Ansicht, dass Bürgerinnen und Bürger mehr Verantwortung für sich selbst übernehmen sollten. Der Wunsch nach Beteiligung ist da und muss laut Seethaler auch ernstgenommen werden: „Partizipation ist wichtig und möglich, auch in der Wissenschaft.“ Der Wissenschafter hat etwa gute Erfahrungen mit Citizen-Science-Projekten gemacht, wie er dem Publikum im Theater Akzent erklärt. Die Einbindung ermögliche das Aufklären über Spielregeln, sie schaffe Vertrauen und Verständnis für die Seite des anderen. – Und schließlich lerne man auch voneinander, berichtet Josef Seethaler.

Dass ein mehr an Informationen alleine nicht ausreicht, auch das belegen Untersuchungen, die etwa am Beispiel des Klimawandels in den USA durchgeführt wurden: Hier ist die Skepsis an der Veränderung des Klimas sogar gewachsen, je mehr Informationen die Menschen darüber hatten. „Das haben auch viele Medien nicht erkannt“, resümiert Seethaler, „nämlich dass es auch Orientierung und Einbindung braucht.“

Medienkritik und Sachlichkeit

„Die Wahrheit ist oft langweilig“, sagt Thomas Grundmann in Anspielung auf die Logik der Medien, wo Zuspitzung im Buhlen um Aufmerksamkeit zum Handwerk zählt. Der Philosoph der Universität Köln betrachtet die mediale Übersteigung kritisch, so wie auch das Bemühen der Medien um Ausgewogenheit von Pro und Kontra. Um beim Beispiel Klimawandel zu bleiben: „Den Dissens darüber gibt es in der Wissenschaft nicht, das sind nur ein paar wenige kritische Stimmen“, betont Grundmann und weiter: „In der Wissenschaft ist es wichtig, Diversität zu pflegen, aber der Mehrheitsmeinung zu folgen ist rational.“ Dass es Experten braucht ist aus Sicht des Philosophen ebenso klar wie vermittelbar. Auch Grundmann plädiert hier für eine Kommunikation im Sinn der Aufklärung, aus der Vertrauen erwächst. Letzteres ist wichtig, um zu akzeptieren, dass es durchaus Sinn macht, zu delegieren.

Akzeptanz des Expertentums

„Die Maßstäbe von Wissenschaft und Demokratie sind unterschiedlich“, betont Grundmann diesbezüglich. Das Expertensystem sei das Beste, das es gebe. „Es funktioniert als selbstregulierendes System, in dem sich die einzelnen Personen beweisen müssen.“ Ein wichtiger zusätzlicher Faktor für Vertrauen in Fakten und Wissen ist die Unabhängigkeit der Forschung. Wissenschaftliche Eliten seien daher auch nicht mit Macht-Eliten gleichzusetzen, sondern sollten vielmehr unterstützt werden, fordert der Experte für Wissenschaftstheorie und Logik, dessen Buch „Philosophische Wahrheitstheorien“ in Kürze im Verlag Reclam erscheinen wird.

 

Im Dialog mit der Öffentlichkeit

Die Veranstaltungsreihe AM PULS ist eine Initiative des Wissenschaftsfonds FWF. Das Wissenschaftsformat lädt seit 2007 die Bevölkerung zum Dialog mit der Wissenschaft. Renommierte Forscherinnen und Forscher berichten bei AM PULS aus ihrem Arbeitsalltag, über neue Methoden und Erkenntnisse und vermitteln dabei die Bedeutung der Wissenschaft für die Gesellschaft. Die Themen der Reihe spiegeln die Vielfalt der vom FWF geförderten Projekte aus der Grundlagenforschung wider und reichen von der Weltraumforschung über Krebstherapie bis zu Datenschutz und Archäologie.

 

Terminvorschau

Die nächste AM-PULS-Veranstaltung zum Thema „Habsburgs letzter Krieg“ findet am 27. Februar 2018 im Theater Akzent in Wien statt. Der Eintritt ist frei. Anmeldungen an schlicker(at)prd.at.

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