Was sind die Ursachen für den wachsenden Populismus in Österreich und Deutschland? Welche Rolle spielt die Sprache in der Politik und welche Motive stecken hinter der neuen „Solidarität“ von rechts? Über diese Fragen diskutierten der Soziologe Jörg Flecker sowie Autor und Journalist Stephan Hebel bei der Veranstaltungsreihe AM PULS des Wissenschaftsfonds FWF in Wien.

Soziologe Jörg Flecker, Journalist Stephan Hebel und Moderatorin Birgit Dahlheimer

 

Politik soll rational und berechenbar sein, auf Fakten basierend. Emotionen waren auf diesem Gebiet, insbesondere im deutschsprachigen Raum, lange Zeit eher nicht gefragt. Doch nach Jahren anhaltender Wirtschaftskrisen und wachsender Migration lässt sich heute ein zunehmendes Verlangen nach mehr „Persönlichkeit“ in der Politik beobachten.  – Gefühl ist wieder en vogue. Allerdings zeigt sich dieses vor allem in seiner negativen Ausprägung: In markigen Sprüchen, launischen Kommentaren und bösen Diffamierungen. Die Sehnsucht der Menschen nach neuen Volkshelden à la Donald Trump habe durchaus reale Gründe, erklärten der Soziologe Jörg Flecker von der Universität Wien und der deutsche Autor Stephan Hebel bei der Veranstaltungsreihe AM PULS am 7. Juni 2017. Auf Einladung des Wissenschaftsfonds FWF haben die beiden Experten über den „Populismus als neue politische Macht“ im Theater Akzent in Wien diskutiert.

Gesellschaftliche Ursachen

Ein Blick auf Verteilungsprozesse offenbart laut Jörg Flecker eine „populistische Lücke“, in die der Rechtspopulismus in Österreich vorgedrungen ist. Die gesellschaftlichen Ursachen dafür gründen im sozio-ökonomischen Wandel und vor allem in Umbrüchen in der Arbeitswelt. Abstiegsgefährdung trotz Arbeit und Vollzeitbeschäftigung wirke sich auf die politische Gesinnung aus, nennt Flecker ein Beispiel. Der Soziologe verfolgt seit mehr als zehn Jahren die Entwicklung des Rechtspopulismus und die Motive seiner Wählerinnen und Wähler. Pessimisten wählen eher rechte Parteien, weiß die Wissenschaft. Und zudem seien die Themen der Rechten längst in der Mitte angekommen. Fleckers Untersuchungen zeigen, dass Verteilungskämpfe wie die Umverteilung nach „oben“ und die stärkere Durchsetzung von Marktkräften in eine moralische Empörung münden, die jedoch auf einer Problemverschiebung beruht, denn soziale werden nun zu nationalen Fragen. Es kommt zu einer sogenannten „konformistischen Rebellion“ gegen die Eliten und politische Korrektheiten, nicht aber gegen Ungleichheit. Die Rebellion kommt aber nicht nur von „unten“. Es zeige sich, dass auch die obere Schicht anfällig für Rechtspopulismus sei, erläutert Flecker bei AM PULS, was von einer übersteigerten Leistungsorientierung und dem sogenannten „Wettbewerbsnationalismus“ herrühre.

Konzepte von Solidarität

Aktuell ist Flecker in dem FWF-Projekt „Solidarität in Zeiten der Krise SOCRIS“ unterschiedlichen Konzepten von Solidarität auf der Spur. Denn auch die Rechte beansprucht den Begriff immer häufiger für sich. Wenn der ungarische Premier Victor Orbán angesichts der Einschränkung der Flüchtlingsbewegung von einem „Akt europäischer Solidarität“ spreche oder die FPÖ die soziale Heimatpartei proklamiere, handle es sich um eine Solidarität, die andere ausschließt, so der Wiener Soziologe. Dieser Art von Solidarität würde aber keine nach innen folgen. Denn Sozialpolitik sei nur Mittel zum Zweck, die auf eine Schwächung des Wohlfahrtsstaates ziele.

Die Rolle der Sprache

„Die Sprache der Politik dient zur Verfälschung der Realität“, greift Stephan Hebel die Beispiele Jörg Fleckers in der politischen Auseinandersetzung auf. Hebel nennt es die Ikea-Sprache: „Jede Floskel ist ein vorgefertigter Bausatz.“ Manipulative Sprüche seien kein Alleinstellungsmerkmal der Rechtspopulisten, bestätigt der Autor seinen Diskussionspartner bei der Veranstaltung in Wien. In seinem Buch „Deutschland im Tiefschlaf – Wie wir unsere Zukunft verspielen“  rechnet Stephan Hebel, langjähriger Redakteur der Frankfurter Rundschau, mit der großen Koalition ab. Das Establishment biete keine Lösungen an für die sozialen Brüche der vergangenen Jahre. Wenn die eigenen Lebensverhältnisse in der öffentlichen Diskussion nicht mehr vorkommen, führt das zur Entfremdung zwischen denen „da oben“ und „da unten“. Die Linken hätten die soziale Frage den Rechten überlassen, analysiert der Journalist. Sie würden versuchen, so Hebel, den Rechtspopulismus zu bekämpfen, indem sie deren Sprache übernehmen, doch das funktioniere nicht, betont der Publizist. Stephan Hebel plädiert stattdessen dafür, den manipulativen Phrasen der Politik inhaltliche Argumente entgegenzusetzen. „Wir brauchen wieder eine Anerkennungskultur, die Hinterfragen erlaubt und Haltung bewahrt – das gelte auch bis weit in seriöse Medien hinein, so Hebel.

 

Im Dialog mit der Öffentlichkeit

Die Veranstaltungsreihe AM PULS ist eine Initiative des Wissenschaftsfonds FWF. Das Wissenschaftsformat lädt seit 2007 die Bevölkerung zum Dialog mit der Wissenschaft. Renommierte Forscherinnen und Forscher berichten bei AM PULS aus ihrem Arbeitsalltag, über neue Methoden und Erkenntnisse und vermitteln dabei die Bedeutung der Wissenschaft für die Gesellschaft. Die Themen der Reihe spiegeln die Vielfalt der vom FWF geförderten Projekte aus der Grundlagenforschung wider und reichen von der Weltraumforschung über Krebstherapie bis zu Datenschutz und Archäologie.

 

Terminvorschau

Die nächste AM-PULS-Veranstaltung zum Thema „Migration“ findet am 27. September 2017 im Theater Akzent in Wien statt. Der Eintritt ist frei. Anmeldungen an schlicker(at)prd.at

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