|
Neuere Entwicklungen des Open Access
Im November 2003 hat der FWF die Berlin
Declaration on Open Access to Knowledge in the Sciences and Humanities
unterzeichnet, die sich für den freien Zugang zu wissenschaftlichen
Publikationen einsetzt. Nach sechs Jahres ist es also an der Zeit, zu
reflektieren, was seit dem passiert ist.
Warum Open Access ?
Die Open-Access-Bewegung legitimiert sich zunächst einmal aus ihren
Argumenten:
- "Öffentliches Gut" Wissenschaft: Es gehört
zur beruflichen wie auch zur ethischen Verpflichtung der öffentlich
geförderten Wissenschaften ihre Erkenntnisse nicht nur zu publizieren,
sondern auch der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen.
- Wettbewerb der Ideen: Erst ein freier Zugang zu den Ergebnissen
der Wissenschaft, an denen alle Interessenten teilhaben können,
gewährleistet eine stetige Weiterentwicklung und auch Diffundierung
in die Gesellschaften.
- Vitalisierung des Publikationsmarktes: Open-Access-Publikationsmodelle
können helfen, den vorhandenen Markt mit seinen wenigen sehr großen
Anbietern aufzubrechen und damit die Anschaffungskosten für wissenschaftliche
Publikationen zu stabilisieren.
www.jisc.ac.uk/publications/reports/2009/economicpublishingmodelsfinalreport.aspx
www.rin.ac.uk/system/files/attachments/sarah/Activities-costs-flows-summary.pdf
- Revolution der wissenschaftlichen Kommunikation: Mit Open-Access-Publikationsmodellen
lassen sich völlig neue Darstellungsformen (u.a. Visualisierungen,
Verlinkungen, Datenintegration) wie auch neue Formen der Qualitätssicherung
(z.B. open oder dynamic peer review) realisieren.
Was konnte bisher mit Open-Access erreicht werden?
Im Bereich von Open-Access konnten in den letzten Jahren einige spektakuläre
Erfolge erzielt werden. Einige Fakten in aller Kürze:
- "Gold Road": Von ca. 25.000 Fachzeitschriften veröffentlichen
über 4.800 nach dem Open-Access-Modell (sogenannte "Gold Road").
Als "Gold Road" wird die primäre Veröffentlichung
des wissenschaftlichen Textes in einem Open-Access-Medium bezeichnet.
Offenkundig eröffnen sich damit also auch wieder Nischen auf einem
Markt, der von einer Handvoll Großanbieter dominiert ist: www.doaj.org/
- "Green Road": Die Mehrzahl aller Verlage (inkl. aller
Großverlage) erlauben mittlerweile eine zeitgleiche oder zeitnahe
frei zugängliche Selbstarchivierung der elektronische Kopien (postprint)
eines Artikels, der in einer konventionellen Zeitschrift erschienen
ist (sogenannte "Green Road"): romeo.eprints.org/stats.php
- Freikaufoption: Alle internationalen Großverlage bieten
mittlerweile für alle oder einen Teil ihrer Zeitschriften eine
"Freikaufoption" an, d.h. der Artikel kann gegen Bezahlung
(i.d.R. durch Förderorganisationen wie dem FWF) mit der Publikation
frei zugänglich gemacht werden: www.sherpa.ac.uk/romeo/PaidOA.html
- Open Access Policies: Über 40 Förderorganisationen
weltweit (darunter der FWF) haben Mandate zu Open Access für ihre
Förderungen formuliert: www.eprints.org/openaccess/policysignup/
- Repositorien: Fast 1.500 Ablagearchive (Repositorien) für
Open Access Publikationen wurden weltweit eingerichtet, darunter für
die Naturwissenschaften arXiv,
für die Sozial-und Geisteswissenschaften das Social
Science Research Network (SSRN), für den Bereich der Lebenswissenschaften
PubMedCentral,
jenen der Wirtschaftswissenschaften Research
Paper in Economics (Repec) oder den Computerwissenschaften CiteSeer.
- Zitationsvorteile: Mehrere Studien konnten mittlerweile zeigen,
dass Publikationen, die frei zugänglich sind, einen signifikant
höheren Wahrnehmungsgrad haben.
Wo liegen die Herausforderungen für Open-Access?
- Komplexität: Die vielen unterschiedlichen Politiken der
Verlage, was in Bezug auf Open Access erlaubt ist, ist zeitraubend.
Sie führen ebenso zur Überforderungen wie zum Entstehen redundanter
Ablagearchive.
- Lobbying: Zwar fehlt es nicht an Bekenntnissen der Wissenschaftsorganisationen
zu Open Access, jedoch aber insbesondere auf internationaler Ebene aber
an gemeinsamen Stellungnahmen und Initiativen gegenüber den Großverlagen
und der Politik.
- Kulturunterschiede: Die Open-Access-Bewegung hat sich bisher
v.a. auf Disziplinen konzentriert, in denen Zeitschriftenpublikationen
vorherrschend sind. Bereiche aber wo Bücher oder Sammelbandbeiträge
dominant sind, werden kaum berücksichtigt.
- Forschungsdaten: Viele wissenschaftliche Erkenntnisse sind
ohne zugrundliegende Forschungsdaten nicht denkbar. Allerdings fehlt
es an Politiken und disziplinenspezifischen Standards, dass und wie
diese frei zugänglich gemacht werden sollen.
- Systemwechsel: Die Vision, dass letztlich alle wissenschaftliche
Publikationen frei zugänglich sind, lässt sich nur verwirklichen,
wenn ein neues Finanzierungsmodell etabliert wird. Das heißt,
wenn nicht mehr für Subskriptionen gezahlt wird, sondern für
jede einzelne Publikation ("Gold Road"). Dafür fehlt
es jedoch noch an ausreichenden Fördermodellen.
Was bleibt zu tun und wie reagiert der FWF ?
Seit der Unterzeichnung der "Berlin Declaration" ist sich der
FWF darüber bewusst, dass Open Access zunächst kein Kosteneinsparungsprogramm
sein kann, sondern in der Übergangsphase sogar Mehrkosten verursachen
wird. So wurden dann auch seit Anfang 2004 die Kosten für Open Access
bei Zeitschriftenpublikationen übernommen und mittlerweile auf alle
Programme des FWF ausgedehnt. Dies ist eine Grundvoraussetzung, reicht
aber allein nicht aus, um den angeführten Herausforderungen von Open
Access zu begegnen. Daher hat der FWF wie auch andere Wissenschaftsorganisationen
eine Reihe weiterer Maßnahmen für die Zukunft gesetzt:
a) Valide Ablagesysteme - Die PubMed-Initiative
Der Erfolg von Open Access hängt auch davon ab, dass Publikationen
auffindbar, verknüpfbar und auswertbar sind. Hier haben einige fachspezifische
Repositorien wie Arxiv, RePeg, CiteSeer, SSRN oder PubMedCentral Standards
gesetzt. Während die ersteren aber im Wesentlichen Preprints archivieren,
besteht die revolutionäre Leistung von PubMed und dem Unterrepositorium
PubMedCentral in der frei zugänglichen Volltextarchivierung von referierten
Publikationen.
Momentan sind über PubMed ca. 19 Mio. bibliographische Angaben zugänglich,
fast 2 Mio. davon sind über PubMedCentral als Volltext frei verfügbar.
Dadurch hat PubMed in den Lebenswissenschaften faktisch den Status "der"
bibliographischen Datenbank erlangt. Möglich wurde dies u.a. durch
die Unterstützung des National Institute of Health (NIH) und aller
relevanten britischen Förderorganisationen in den Lebenswissenschaften
(u.a. Wellcome Trust, BBSRC, MRC). Zentrales Anliegen dieser Organisationen
ist es, den Volltextanteil der Publikationen in PubMedCentral signifikant
zu heben. Daher verpflichten das NIH und die britischen Förderorganisationen
die FördernehmerInnen, ihre Publikationen via PubMedCentral (bzw.
UKPMC) frei zugänglich zu archivieren und stellen dafür die
entsprechenden Mittel zur Verfügung. So werden für die FördernehmerInnen
Projektkonten eingerichtet, über die die Publikationen archiviert
werden können. Darüber hinaus sind Verknüpfungen zu Gene-,
Protein- und chemischen Datenbanken wie auch zu Forschungsdaten und Patendatenbanken
möglich. Schließlich sind für alle Publikationen bibliometrische
Abfragen via Web of Science, Scopus und PubMed vorgesehen.
Die britischen Förderorganisationen haben nun ihre europäische
Partner eingeladen, sich am weiteren Ausbau zu beteiligen. Der FWF hat
das als einer der ersten Förderorganisationen aufgegriffen und wird
ab März 2010 Partner des Konsortiums. Das bedeutet, dass noch im
März allen FWF-Projekten, deren Ende nicht mehr als 3 Jahre zurück
liegt, ein Projektkonto bei UKPMC angeboten wird, in dem alle aus dem
Projekt hervorgegangen Publikationen archiviert werden können. Der
FWF hat bereits detaillierte Informationen an die die betreffende Community
gesendet.
Für Details siehe auch: www.fwf.ac.at/de/public_relations/oai/pubmed.pdf
b) Lobbying gegenüber Politik und Verlagen - Der Europäische
Forschungsraum
Nationale Open-Access-Initiativen sind begrüßenswert und notwendig,
zumal sich hierzu in Österreich bisher noch sehr wenige Wissenschaftsorganisationen
durchringen konnten. Erwähnenswert ist aber, dass der Rat für
Forschung- und Technologieentwicklung (RFTE) in seiner Strategie 2020
empfohlen hat, dass bis 2020 "
alle öffentlichen Forschungs-ergebnisse
in Österreich (vor allem Publikationen, Forschungsprimärdaten
etc.) frei im Internet zugänglich
" sein sollen.
Angesichts einer internationalisierten Wissenschaft und globalisierter
Großverlage werden nationale Initiativen jedoch nicht ausreichend
sein. Daher haben die Dachorganisationen der europäischen Fördergeber
(EUROHORC's und ESF) in ihrem Strategiepapier "Vision on a Globally
Competitive ERA and their Road Map for Actions" eine gemeinsame Open
Access Policy als eines der 10 wichtigsten Ziele für den Europäischen
Forschungsraum definiert. Der FWF wird sich hier sehr aktiv einbringen.
Vorstellbar wäre z.B., einigen hochrangigen Publikationsorganen durch
Übergangsförderungen den Einstieg in ein langfristig tragfähiges
Open-Access-Modell zu ermöglichen und damit Rollenmodelle für
andere Zeitschriften zu etablieren.
c) Kulturunterschiede - Open Access auch für Bücher
Da vor allem die geisteswissenschaftlichen Publikationsformen wie Bücher,
Sammelbände oder Proceedings bisher im Rahmen der Open-Access-Politiken
vernachlässigt wurden, hat der FWF seit Oktober 2009 zwei neue Fördermodelle
initiiert. Zum einen können nun alle Publikationsformen also auch
Monographien, Sammelbände und Proceedings, die bis 3 Jahren nach
Ende aus FWF-Projekten hervorgehen und ein Peer-Review-Verfahren aufweisen,
Kosten für Open Access beantragen. Zum anderen zahlt der FWF im Programm
Selbstständige Publikationen den Verlagen einen Open-Access-Zuschuss,
wenn sie gewährleisten, dass die Publikation auch im Internet frei
zugänglich gemacht wird.
d) Forschungsdaten
Forschungsdaten, die mit FWF-Mitteln erhoben und/oder ausgewertet werden,
sollen - soweit rechtlich möglich - nach der Erstverwertung durch
die ProjektleiterInnen und ProjektmitarbeiterInnen gemäß disziplinspezifischen
Standards spätestens 2 Jahren nach Projektende in disziplinspezifischen
oder institutionellen Repositorien frei zugänglich gemacht werden.
Diese Maßnahmen sollen helfen, den Systemwechsel schrittweise weiter
voranzutreiben. Es ist klar, dass dies die knappen Ressourcen Zeit und
Geld strapazieren wird. Letztendlich profitieren vom Gewinn aber alle:
die WissenschafterInnen, weil die Informationsflüsse vereinfacht
und transparenter gestaltet werden können, die Öffentlichkeit,
weil ihre Teilhabe an der ihr finanzierten Wissenschaft ermöglicht
wird und auch das Verlagswesen, weil der Wettbewerb am Publikationsmarkt
belebt wird.
Für weitere Informationen, siehe auch:
Open Access Policy des FWF: www.fwf.ac.at/de/public_relations/oai/index.html
Hintergrundinformationen: www.fwf.ac.at/de/public_relations/oai/informationen_oa.html
Informationsquellen: www.fwf.ac.at/de/public_relations/oai/informationsquellen_oa.html
Kontakt
Dr. Falk Reckling
nach oben
|