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Presseaussendung

Wittgenstein-Preise 2009 an Jürgen Knoblich und Gerhard Widmer

Sechs Spitzen-NachwuchsforscherInnen in das prestigeträchtige START-Programm aufgenommen.

Wissenschaftsminister Johannes Hahn gab heute im Rahmen einer Pressekonferenz die diesjährigen Wittgenstein- und START-PreisträgerInnen bekannt. Insgesamt werden in den kommenden fünf bzw. sechs Jahren den acht ForscherInnen rund 9,8 Mio. EUR für ihre wissenschaftlichen Arbeiten zur Verfügung stehen.

Bereits zum 14. Mal wurden heuer die START- und Wittgenstein-Preise vergeben und der Kreis der im Rahmen dieser Programme ausgezeichneten WissenschafterInnen wurde um acht Personen erweitert. Die beiden Wittgenstein-Preisträger sind Jürgen Knoblich, Institut für Molekulare Biotechnologie, Wien, und Gerhard Widmer, Johannes-Kepler-Universität.

Jürgen Knoblich ist seit Anfang 2004 Senior Scientist am Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und wurde Anfang 2005 zum stellvertretenden wissenschaftlichen Leiter des IMBA ernannt. Jürgen Knoblich, geboren 1963 in Memmingen (Bayern), arbeitet seit 1997 in Österreich. Nach seinem Studium der Biochemie an der Universität Tübingen und Molekularbiologie am University College London ging Jürgen Knoblich zunächst an das Max-Plack-Institut für Entwicklungsbiologie und wechselte 1990 an das Friedrich-Miescher-Labor der Max-Plack-Gesellschaft (beides in Tübingen). Von 1994 bis 1997 war er annähernd vier Jahre als EMBO- und Howard Hughes Medical Institute Post-Doc-Fellow an der University of California (San Fancisco) tätig. Im September 1997 kehrte er als Gruppenleiter an das Institut für Molekulare Pathologie (IMP) nach Europa zurück. Das IMP war seine wissenschaftliche Heimstätte bis Ende 2003.

Jürgen Knoblich beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit dem Phänomen der asymmetrischen Zellteilung. Die Zellteilung (Mitose) wird allgemein als symmetrischer Prozess beschrieben, aus dem zwei Zellen mit im Wesentlichen identem Zellinhalt hervorgehen. Stammzellen jedoch teilen sich asymmetrisch, wobei eine Zelle Stammzelle bleibt während die andere sich spezialisiert und genau definierte Aufgaben im Organismus zu erfüllen hat. Wie die seit Jahren an sich bekannte asymmetrische Zellteilung in molekularer aber auch mechanischer Hinsicht bei Stammzellen abläuft, war hingegen unbekannt. Dieses Rätsel hat Jürgen Knoblich mit seiner weltweit anerkannten Arbeit gelöst. Anhand des Modellorganismus Drosophila melanogaster (die Fruchtfliege) zeigte Jürgen Knoblich konkret, wie Proteine mit der Bezeichnung "Numb" und "Brat" die asymmetrische Zellteilung auslösen und wie die Steuerungsmechanismen auf molekularer Ebene ablaufen. Von besonderer Bedeutung war dabei die Entdeckung, dass Gendefekte in Numb und Brat Stammzellen in sogenannte Tumorstammzellen verwandeln und zur Ausbildung von Tumoren im Fliegengehirn führen.

Jüngste Arbeiten von Jürgen Knoblich und seiner Gruppe an Mausmodellen legen den Schluss nahe, dass jene Erkenntnisse, die am Modellorganismus Drosophila melanogaster gewonnen wurden, wahrscheinlich für das gesamte Tierreich - insbesondere für höhere Lebewesen - von großer Relevanz sind. Damit eröffnen sich neue Perspektiven im Bereich der Stammzellenbiologie im Allgemeinen und zukünftig möglicher medizinische Anwendungen, insbesondere im Bereich der Tumorforschung.

Gerhard Widmer ist seit 2004 Professor für Computational Perception an der Johannes-Kepler-Universität in Linz und leitet die Abteilung für Intelligent Music Processing and Machine Learning am Österreichischen Forschungsinstitut für Artificial Intelligence (OFAI) in Wien. Gerhard Widmer beendete 1984 sein Diplomstudium Informatik an der Technischen Universität Wien und ging unmittelbar danach für zwei Jahre als Fulbright Stipendiat an die University of Wisconsin, USA. Mit einem Master's degree in Computer Science kehrte er 1986 nach Wien zurück, promovierte an der Technischen Universität Wien 1989 und habilitierte sich 1995 ebenda. Ab 1991 bis 1997 war Gerhard Widmer Universitätsassistent, und von 1997 bis 2004 a. Univ.-Prof. am Institut für Medizinische Kybernetik und Artificial Intelligence der Universität Wien. Gerhard Widmer ist nach Ferenc Krausz und Markus Arndt der dritte Wittgenstein-Preisträger, dem das Kunststück gelungen ist, nach der Aufnahme in das START-Programm (1998) auch den begehrten Wittgenstein-Preis zugesprochen zu erhalten.

Gerhard Widmer forscht im Schnittbereich zwischen Informatik, künstlicher Intelligenz und Musik, einem Gebiet, das er maßgeblich mitbegründet und geprägt hat. Seine und die Arbeiten seines Teams spannen einen weiten Bogen von rein erkenntnisorientierter Grundlagenforschung - zum Beispiel der quantitativen computerbasierten Analyse und Modellierung so subtiler Phänomene wie ausdrucksvolle künstlerische Musikinterpretation - bis hin zur Entwicklung von musikalisch intelligenten Algorithmen mit hoher und kommerzieller Relevanz - zum Beispiel Programmen, die Aspekte der menschlichen Musikwahrnehmung simulieren und dadurch z.B. riesige digitale Musiksammlungen nach musikalischen Klangkriterien durchsuchen und ordnen können. Letztere haben vor kurzem sogar Eingang in die erste musikalisch intelligente digitale Stereoanlage gefunden. Es handelt sich hier um hochgradig interdisziplinäre Forschung, die so unterschiedliche Disziplinen wie Artificial Intelligence, maschinelles Lernen, Audiosignalverarbeitung, Music Information Retrieval und Musikwissenschaften verbindet. Widmer wird international als Pionier im Bereich Artifical Intelligence und Musik wahrgenommen und sein Forschungsteam wird in diesem Gebiet zu den leistungsfähigsten Gruppen weltweit gezählt.

Zukünftige Herausforderungen, denen sich Gerhard Widmer und seine Teams in Linz und Wien stellen werden, zielen darauf ab, substanzielles Musikverständnis auf maschineller Basis zu realisieren, um sinnvolle und nützliche musikalische Interaktion zwischen Computer und Mensch möglich zu machen.

Der Wittgenstein-Preis ist Österreichs höchstdotierter und prestigeträchtigster Wissenschaftspreis, der im Auftrag des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung jährlich seit 1996 durch den FWF vergeben wird. Der Preisträgerin/dem Preisträger stehen für ihre/seine weitere wissenschaftliche Arbeit bis zu 1,5 Mio. EUR für die Dauer von fünf Jahren zur Verfügung. Der Wittgenstein-Preis ist ein so genannter "Dry prize", das heißt, die Gelder stehen ausschließlich für die intendierte Forschung und hier insbesondere für junge WissenschafterInnen, die im Wittgenstein-Projekt mitarbeiten werden, zur Verfügung.

Der Entscheidungsvorschlag - basierend auf Fachgutachten ausländischer ExpertInnen - wurde von der Internationalen START- und Wittgenstein-Jury zusammengestellt. Die Jury setzt sich aus renommierten WissenschafterInnen aus dem Ausland zusammen, um eine bestmögliche Objektivierung der Entscheidung sicherzustellen. Die Jury tagte Ende letzter Woche unter der Vorsitzführung von Sheila Jasanoff, Professorin an der Kennedy School of Government, Harvard University.

Neben dem Wittgenstein-Preis wurden sechs Spitzen-NachwuchsforscherInnen aus 49 Bewerbungen in das START-Programm aufgenommen. Die START-Auszeichnung ist die höchstdotierte und anerkannteste Förderung für NachwuchsforscherInnen, die aufgrund ihrer bisher geleisteten wissenschaftlichen Arbeit die Chance erhalten sollen, in den nächsten sechs Jahren finanziell weitgehend abgesichert, ihre Forschungsarbeiten zu planen und eine eigene Arbeitsgruppe aufzubauen. Nach drei Jahren haben sie sich einer Zwischen-evaluierung zu stellen. Die START-Preise sind mit jeweils bis zu 1,2 Mio. EUR dotiert.

Die neu in das START-Programm aufgenommenen WissenschafterInnen - in alphabetischer Reihenfolge - sind:

Francesca FERLAINO
"Ultrakalte Erbium-Atome: exotische quantenentartete Gase"
Institut für Experimentalphysik,
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
francesca.ferlaino@uibk.ac.at

Ilse FISCHER
"Kompakte Abzählformeln für verallgemeinerte Partitionen"
Institut für Mathematik
Universität Wien
ilse.fischer@univie.ac.at

Arthur KASER
"Rolle von ER Stress und XBP1 für die Schleimhautfunktion"
Univ.-Klinik für Innere Medizin II - Gastroenterologie & Hepatologie
Medizinische Universität Innsbruck
arthur.kaser@i-med.ac.at

Manuel KAUERS
"Schnelle Computeralgebra für Spezielle Funktionen"
Research Institute for Symbolic Computation
Johannes-Kepler-Universität Linz
manuel@kauers.de

Thorsten SCHUMM
"Kernphysik mit einem Laser: 229Thorium"
Atominstitut
Technische Universität Wien
schumm@atomchip.org

David TEIS
"'ESCRT'-Service für Rezeptoren an der Zelloberfläche"
Biocenter
Medizinische Universität Innsbruck
dt272@cornell.edu

Sowohl das START-Programm als auch der Wittgenstein-Preis sind für alle wissenschaftlichen Disziplinen offen. Die Programme werden vom FWF im Auftrag des Wissenschaftsministeriums (BMWF) seit 1996 durchgeführt.

Rückfragen
Mag. Stefan Bernhardt, MBA
Tel.: +43 1 5056740 DW 8111
stefan.bernhardt@fwf.ac.at

Wien, am 19. Oktober 2009

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Wittgenstein-Preisträger 2009 Jürgen Knoblich und Gerhard Widmer

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