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Presseaussendung Multikulti belebt den Glauben in Brasilien Gläubige in Brasilien können aus einer Vielzahl an Religionen wählen. Die Ursachen für dieses reiche Angebot liegen vor allem in der Kolonialgeschichte des Landes und seiner aktuellen sozio-ökonomischen Entwicklung. Dies ist die zentrale Aussage eines jetzt abgeschlossenen Projekts des Wissenschaftsfonds FWF, in dem analysiert wurde, warum gerade in Brasilien der Glauben so großen Zulauf erhält. Die letzte Papstwahl zog Millionen Europäer in ihren Bann, tatsächlich verlieren die Religionen in Europa aber an Bedeutung. Warum das in anderen Regionen der Erde anders ist, hat nun Prof. Franz Höllinger, Institut für Soziologie, Universität Graz am Beispiel von Brasilien herausgefunden. Kolonialer Katholizismus Zwar wurde die gesamte Bevölkerung auf Grund der Machtkonzentration bei den Portugiesen zum Katholizismus konvertiert, doch gab es zur effektiven Kontrolle der Religion fernab des Mutterlandes zu wenige Ressourcen." So gab es selbst noch im Jahr 1890 in Brasilien nur einen Vertreter der Kirche für je 4.000 Einwohner. Zum Vergleich: in der k. u. k. Monarchie waren es damals achtmal soviel. Die Folge war, dass der Einfluss der katholischen Kirche auf die religiösen Verhaltensstandards sehr begrenzt war. Diese Lücke wurde von charismatischen Laien gefüllt, denen die Gemeinschaft besondere spirituelle und magische Fähigkeiten zuschrieb. Als Konsequenz blieb die Christianisierung oberflächlich und traditionelle magisch-spiritistische Riten und Gebräuche wurden weiter gepflegt. Pick 'n Mix Zu diesem umfassenden Angebot führt Prof. Höllinger aus: "Dieses breite Angebot ist aber nur ein Grund, warum in Brasilien Religionen en vogue sind. Religionen unterliegen dem Marktgesetz von Angebot und Nachfrage. Für einen florierenden religiösen Markt braucht es daher auch einer entsprechenden Nachfrage. In Brasilien ist infolge der sozio-ökonomischen Entwicklung diese Nachfrage sehr groß." Dabei ist das allgemein zu beobachtende Phänomen, dass Armut den Glauben fördert, nur teilweise für das Interesse an Religionen in Brasilien verantwortlich. Denn auch der Mittelstand kommt religiösen Ritualen eifrig nach: 69% von ihnen beten täglich, 34% gehen wöchentlich zur Messe. Zahlen, die nur marginal von denen der unteren sozialen Schichten abweichen. Laut Prof. Höllinger lässt sich dies so erklären: In einem Staat, der infolge der extremen sozialen Ungleichheit und der prekären Lebensbedingungen breiter Bevölkerungsschichten eine der höchsten Verbrechensraten der Welt aufweist, müssen nicht nur die Armen, sondern auch die Reichen ständig um ihre Sicherheit bangen. Da bietet der Glaube die Möglichkeit, Ängste und Sorgen zu verarbeiten. Die Verbindungen zwischen solchen aktuellen Entwicklungen und dem historischen
Erbe können nun dank der Analyse von Prof. Höllinger erstmals
die aktuelle Blüte der Religiosität in Brasilien erklären.
Damit liefert das vom Wissenschaftsfonds FWF unterstütze Projekt
aber auch neue Denkansätze für die von einem schleichenden Popularitätsverlust
bedrohten europäischen Kirchen. Wissenschaftlicher Kontakt Der Wissenschaftsfonds FWF Wien, 19. Juli 2005 |
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