Christian Krattenthaler

© Weltstadt Wien

Professor, Fakultät für Mathematik, Universität Wien
Wittgenstein-Preisträger  


Offener Brief vom 31.03.2014


Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Faymann!
Sehr geehrter Herr Vizekanzler Spindelegger!
Sehr geehrter Herr Minister Mitterlehner!

Die österreichische Wissenschafts- und Forschungslandschaft hat insbesondere während der 2000-er-Jahre einen enormen Aufschwung erlebt, der sich darin wiederspiegelte, dass einzelne Forschungsbereiche in Österreich zu Weltgeltung aufstiegen. Ermöglicht wurde das unter anderem durch verstärkte Anstrengungen, Österreichs Forschungsbudget im Verhältnis auf das Niveau führender Forschungsnationen heranzuführen. Die Konsequenz war, dass Österreich allmählich zu einem für internationale Spitzenforscher attraktiven Standort wurde, und auch international in einigen Bereichen als hervorragende Ausbildungsstätte wahrgenommen wurde.

Seit den Krisenjahren 2007/2008 hat diese Aufwärtsentwicklung jedoch einen empfindliche Dämpfer bekommen. Universitäten, Akademie der Wissenschaften, Forschungsförderungsagenturen wie der FWF, usw. sind mit eingefrorenen (und damit real immer mehr reduzierten) oder überhaupt reduzierten Budgets konfrontiert. Wie oft hat man in den letzten Jahren von Politikseite gehört, wie wichtig Bildung und Forschung für den Wirtschaftsstandort Österreich im internationalen Wettbewerb sind, und dass Grundlagenforschung als der Motor und Ideenspender aller Forschung und Entwicklung gestärkt werden muss. Man kann dem nur beipflichten. In den letzten Jahren hatte man als Forscher jedoch nicht den Eindruck, dass tatsächlich viel Interesse bestand, hier wirklich zu investieren. Immer wieder war es etwa innerhalb von Universitäten notwendig, Sparszenarien zu planen. Die Bewilligungsquoten beim FWF sind derzeit (notgedrungen) so niedrig, dass auch hervorragend evaluierte Projekte abgelehnt werden müssen.

Die Regierungsvereinbarung der neuen Koalitionsregierung gab jedoch Hoffnung, dass die langfristigen Ziele nicht aus den Augen verloren wurden und nun wieder angegangen werden. Ich kann deshalb die derzeit kursierenden Gerüchte von Horrorszenarien für Wissenschaft und Forschung im Rahmen der derzeit laufenden Budgetverhandlungen (die Minister Mitterlehner am Sonntag in der Sendung ,,Im Zentrum" zu bestätigen schien) nicht glauben. Denkt man tatsächlich daran, die Budgets von Forschungsträgern und Forschungsförderungsagenturen weiter zu beschneiden? Wie oben beschrieben, haben diese in den letzten Jahren bereits nach Möglichkeit gespart. Da gibt es keinen weiteren Spielraum. Eine Budgetreduktion bedeutet Reduktion: bei den Forschungsträgern Reduktion von Personal und Ausstattung, bei denForschungsförderungsagenturen, dass sie nur noch einen verschwindend kleinen Teil von Spitzenforschung unterstützen werden können, was in erster Konsequenz zu einer Reduktion von Ausbildungsstellen für angehende junge Forscherinnen und Forscher führt und in weiterer Folge zu einem Exodus von Spitzenforscherinnen und -forschern aus Österreich, da sie hier nicht ausreichend Möglichkeiten vorfinden werden, ihre Forschung zu finanzieren und damit durchzuführen.

Man mag argumentieren, dass in Zeiten der finanziellen Schwierigkeiten jeder Bereich zur Sanierung beitragen muss. Dass wir uns (leider – die Gründe werden hier besser nicht erörtert) in solchen Zeiten befinden, ist nicht zu leugnen. Jedoch müssen in solchen Zeiten geeignete Maßnahmen gesetzt werden. Wie viele Länder (wie die USA, Deutschland, Schweiz, Belgien, Schweden, Finnland, Norwegen) vorzeigen, ist es notwendig, gerade in Zeiten der Krise verstärkte Anstrengungen in der Forschung zu unternehmen, da Forschung langfristig angelegt ist. Forschung lässt sich nicht wie eine Maschine herunterfahren, dann wird einige Zeit lang weniger produziert, und wenn es dann finanziell wieder besser geht, dann wird das wieder in die Höhe gefahren. Es hat Jahrzehnte gebraucht, Österreichs Forschungslandschaft - wie eingangs beschrieben - international an die Spitze heranzubewegen. Der unmittelbare Schaden, der in kürzester Zeit durch Reduktion angerichtet werden würde, ist in vielen Jahren nicht aufholbar.

Ich vertraue also darauf, dass die Gerüchte doch aus der Luft gegriffen sind. Wenn Österreich ein internationaler Innovationsführer sein will, dann bedarf es verstärkter Anstrengungen, den Wissenschafts- und Forschungsstandort Österreich im internationalen Wettbewerb nach Jahren der Stagnation wieder weiter nach vorne zu bringen. Den Universitäten muss es ermöglicht werden, sowohl für internationale Spitzenforscher als auch herausragende Studierende attraktiv zu sein. Dies bedingt nicht nur, aber auch eine ausreichende finanzielle Ausstattung, die zuletzt in Gefahr war. Von größter Wichtigkeit ist es, den FWF, den Garanten dafür, dass in Österreich Forschungsmittel kompetitiv unter internationaler Begutachtung vergeben werden, zu stärken. Wenn das die tatsächlichen Pläne der Regierung sind, dann ist Österreich auf einem guten Weg.

Hochachtungsvoll,

Christian Krattenthaler
(Univ.Prof. Christian Krattenthaler, Wittgensteinpreisträger 2007)


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