Dieter Imboden

© Dieter Imboden

Professor emerit. für Umweltphysik, ETH Zürich
Aufsichtsratsvorsitzender des FWF  


Offener Brief vom 20.03.2014


Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
Sehr geehrter Herr Vizekanzler,

Als Nichtösterreicher kommt mir die Ehre zu, den Aufsichtsrat des Österreichischen Forschungsfonds (FWF) zu präsidieren. In schwierigen Situationen beinhaltet Ehre auch Verpflichtung. Tatsächlich befindet sich der FWF und mit ihm die Grundlagenforschung in Österreich in einer äusserst schwierigen, ja dramatischen Situation, sollte der Finanzrahmen, wie er mir anlässlich eines kürzlichen Gespräches von Herrn Bundesminister Mitterlehner dargelegt worden ist, so beschlossen werden.

Wenn ich mich in dieser Situation heute direkt an Sie wende, dann bin ich mir durchaus bewusst, dass Sie als oberste Verantwortliche für die Finanzen von Österreich immer auch die Situation des Landes als Ganzes im Auge haben müssen. Auch gehe ich davon aus, dass Sie die Folgen der geplanten Kürzung der Mittel des FWF ab dem Jahr 2016 kennen, so den sofortigen vollständigen Stopp aller Bewilligungen für Forschungsprojekte und die gravierenden Auswirkungen auf den Forschungsnachwuchs. Ich möchte an dieser Stelle mit Nachdruck darauf hinweisen, dass die jüngsten Erfahrungen aus Ländern mit wirklich grossen Finanzproblemen wie Griechenland, Spanien und Italien zeigen, dass für die Forschung schon wenige 'Hungerjahre' genügen, um eine ganze Generation von Jungforschern an andere berufliche Tätigkeiten oder durch Abwanderung in andere Länder unwiderruflich zu verlieren. Im Gegensatz zu andern Branchen ist es kaum möglich, diese für die Forschung zurückzugewinnen, sollten sich die finanziellen Bedingungen wieder verbessern.

Forschungsförderung ist eine langfristige Aufgabe, welche Stetigkeit und Budgetverlässlichkeit erfordert. Ich sage das aufgrund meiner Erfahrung mit meinem eigenen Land, der Schweiz, wo ich während acht Jahren als Präsident für den Schweizerischen Nationalfonds (SNF), der Schwesterorganisation des FWF, verantwortlich gewesen bin. Österreichs Forschung könnte sich, was die Qualität und das Potenzial der Forschenden anbetrifft, mit der Schweizer Forschung sehr gut messen, und doch schneidet die Schweiz in sämtlichen Vergleichen, vom Universitätsranking bis zum Innovationsindex, deutlich besser ab. Die Gründe liegen allein bei der Stabilität der Finanzierung: Hat der SNF schon heute ein dreimal grösseres Budget als der FWF, was den Nachholbedarf der österreichischen Forschung dokumentiert, so würde der geplante Finanzrahmen das Land in die hinteren europäischen Ränge verbannen. Die geplanten Kürzungen in einer Situation, die in Nichts mit derjenigen der oben erwähnten Länder zu vergleichen ist, wäre für die österreichische Forschung ein bedauerlicher, aber eigentlich vermeidbarer Kollateralschaden.

Bitte verzeihen Sie mir als Schweizer die Einmischung in die inneren Angelegenheiten von Österreich. Aber wenn schon der Aufsichtsrat des FWF mehrere ausländische Mitglieder zählt und durch einen Nichtösterreicher präsidiert wird, verstehe ich dies als eine Aufforderung zu einer Aussensicht auf Österreichs Forschung. Die vielen ausgezeichneten Forschenden in diesem Land haben Besseres verdient.

Für Fragen stehe ich jederzeit gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen,

Dieter Imboden
Vorsitzender des Aufsichtsrates des FWF


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