Institut für Molekulare Biowissenschaften, Karl-Franzens-Universität Graz

© Karl-Franzens-Universität Graz
Kai-Uwe FröhlichKarl Gruber
Sepp KohlweinChristoph Kratky
Frank MadeoJoachim Reidl
Rudolf Zechner

Professoren, Institut für Molekulare Biowissenschaften, Karl-Franzens-Universität Graz  

Offener Brief vom 03.04.2014


Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
sehr geehrter Herr Vizekanzler,
sehr geehrter Herr Wissenschaftsminister,

mit großer Sorge entnehmen wir den Medien, dass die langfristige Finanzierung des Wissenschaftsfonds FWF insofern gefährdet ist, als ab 2016 lediglich der Bundesvoranschlag in der Größenordnung von ca. 100 Millionen Euro gesichert ist. Das bedeutet, dass die dem FWF zur Verfügung stehenden Mittel gegenüber dem letztjährigen Budget faktisch halbiert würden. Namens unserer Kolleginnen und Kollegen am Grazer Zentrum für Molekulare Biowissenschaften (ZMB) fordern wir Sie nachdrücklich auf, das zu verhindern und für eine nachhaltige und steigende Finanzierung des Wissenschaftsfonds Sorge zu tragen.

Wir dürfen Sie daran erinnern, dass noch in den 60-er Jahren des letzten Jahrhunderts das Wort von der "Ghana-Klasse" die Runde gemacht hat, da unser Land damals eine gleich hohe Forschungsquote wie Ghana aufzuweisen hatte. Seitdem gab es aber – nicht nur in der Forschung – dank weitsichtiger Politik eine erstaunliche Entwicklung, die unser Land in die Nähe der innovativsten Länder der Welt geführt hat. Hand in Hand mit steigenden Aufwendungen für die Universitäten gingen steigende Budgets für den 1968 gegründeten Wissenschaftsfonds, die seit den 1970-er Jahren praktisch kontinuierlich um ca. 9% pro Jahr wuchsen. Dies führte zu einer dramatischen Verbesserung der Forschungsproduktivität Österreichs. Dennoch sind wir – bezogen auf die Größe des Landes – in der Grundlagenforschung gegenüber Spitzenländern wie der Schweiz, Dänemark, Schweden, den Niederlanden oder Israel immer noch um mindestens den Faktor 2 im Rückstand.

xIn der Aufholjagd unseres Landes während der letzten Jahrzehnte hat der FWF eine immens wichtige Rolle gespielt. In dieser Zeit sind an mehreren unserer Universitäten international sichtbare Forschungsschwerpunkte entstanden – in aller Bescheidenheit zählen wir auch das Zentrum für Molekulare Biowissenschaften (ZMB) der Universität Graz dazu. Die Basis aller Leuchttürme österreichischer Spitzenforschung bildet eine solide Drittmittelfinanzierung durch den FWF. Bestehende und neu entstehende Leuchttürme benötigen auch weiterhin einen starken FWF, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Auch am ZMB Graz ist der überwiegende Teil des wissenschaftlichen Nachwuchses vom FWF finanziert – das Menetekel einer Reduktion des FWF-Budgets stellt daher für uns eine essentielle Bedrohung dar. Wir stehen vor dem Dilemma, dass wir den vielen talentierten jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eigentlich raten müssten, sich eine Stelle in einem der benachbarten Länder zu suchen. Bereits jetzt sind unsere Absolventinnen und Absolventen ob ihrer guten Grundausbildung in internationalen Spitzenforschungseinrichtungen sehr willkommen.

In seinen Entscheidungen, welche der eingereichten Forschungsprojekte finanziert werden sollen, verwendet der FWF ausschließlich ein kompromissloses System der Qualitätssicherung durch ausländische Gutachterinnen und Gutachter. 80% des FWFBudgets werden zur Finanzierung von fast 4000 Nachwuchsstellen (für Dissertanten, Dissertantinnen und PostDocs) verwendet. Beides – Qualitätssicherung und Nachwuchsförderung – sind absolut unverzichtbare Säulen des österreichischen Wissenschaftssystems. Jedes der oben angeführten Spitzenländer verfügt über ein starkes "Research Council" à la FWF – allerdings mit wesentlich höheren Budgets.

Im Jahre 2011 hat die damalige Bundesregierung – unterschrieben u.a. von Bundeskanzler Faymann und Wirtschaftsminister Mitterlehner – eine Forschungsstrategie beschlossen, die explizit eine "Steigerung der Investitionen in die Grundlagenforschung bis 2020 auf das Niveau führender Forschungsnationen", "Steigende Dotation der Grundlagenforschung bei gleichzeitig steigendem Anteil jener Mittel, die im Wettbewerb vergeben werden" sowie einen "Ausbau der Drittmittelforschung der Hochschulforschung über im Wettbewerb evaluierte Projekte des Wissenschaftsfonds FWF mit pauschalierter Abdeckung der Overheads in der Höhe von 20%" ankündigte. Die Notwendigkeit dieser Maßnahmen wurde seither sowohl vom Rat für Forschung und Technologieentwicklung sowie vom Wissenschaftsrat nachdrücklich bekräftigt. Da sich seit dem Beschluss dieser FTI Strategie die internationalen Rahmenbedingungen kaum verändert haben, wäre ein sinkendes FWFBudget nur durch eine dramatisch veränderte Prioritätensetzung seitens der Bundesregierung erklärbar, die im derzeit geltenden Regierungsprogramm so nicht ersichtlich ist.

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, sehr geehrter Herr Vizekanzler, sehr geehrter Herr Wissenschaftsminister! Natürlich verstehen wir die Sachzwänge unserer Zeit. Dennoch möchten auch wir uns dem Chor jener anschließen, die auf die Bedeutung der Grundlagenforschung für die Zukunft des Landes hinweisen. Wir betrachten es als überaus fahrlässig, wenn man in Krisenzeiten gerade die langfristigen strukturellen Notwendigkeiten vernachlässigt: dazu gehören Investitionen in Bildung und Wissenschaft allemal. Es ist ein wichtiges Merkmal aller führenden Länder, dass solche Investitionen politisch außer Streit stehen und in guten wie in weniger guten Zeiten getätigt werden. Ein besonders eindrückliches Beispiel ist Israel: dieses Land sieht sich bekanntlich seit seiner Gründung einer permanenten existentiellen Bedrohung ausgesetzt, welche immense militärische Aufwendungen erforderlich machen. Dennoch wendet Israel einen um 50% höheren Anteil seines BIP für die Grundlagenforschung auf als das in tiefstem Frieden lebende Österreich.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Die Professoren des Biozentrums Grau

Univ.Prof. Dr. Kai-Uwe Fröhlich
Univ.Prof. Dr. Karl Gruber            
Univ.Prof. Dr. Sepp Kohlwein
Univ.Prof. Dr. Christop Kratky                
Univ.Prof. Dr. Frank Madeo
Univ.Prof. Dr. Joachim Reidl                   
Univ.Prof. Dr. Rudolf Zechner


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