Meinrad Busslinger & Jan-Michael Peters

© IMP
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Meinrad BusslingerJan-Michael Peters
Professor, Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie IMPForschungsinstitut für Molekulare Pathologie IMP
Stellvertretender Wissenschaftlicher Direktor Wissenschaftlicher Direktor
Wittgenstein-Preisträger Wittgenstein-Preisträger
ERC-Advanced-Grant-Preisträger

 

Offener Brief vom 07.04.2014

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Faymann,
sehr geehrter Herr Vizekanzler Spindelegger,
sehr geehrter Herr Minister Mitterlehner,

Vor dreißig Jahren befand sich in Sankt Marx das Fleischzentrum Wiens mit Inlandsschlachthof, Auslandsschlachthof und Zentralviehmarkt. Daneben stand das ehemalige Hornyphon-Werk der Firma Philips leer. Ausgedehnte Brachflächen wucherten zwischen Überresten der alten Stadtbefestigung.

Heute befindet sich an diesem Standort der Campus Vienna Biocenter, Österreichs größtes Zentrum für biomedizinische Grundlagenforschung mit rund 1400 Wissenschaftlern und 700 Studierenden aus 40 Nationen. Der Startschuss für diese dynamische Entwicklung fiel mit der Ansiedlung des privaten Forschungsinstituts für Molekulare Pathologie (IMP), das zum Unternehmensverband Boehringer Ingelheim gehört, dem größten privaten Financier für Grundlagenforschung in Österreich. Die Entscheidung, das IMP gerade hier in Wien zu etablieren, war das Ergebnis einer gemeinsamen Vision von Industrie, Wissenschaft und Politik, die es in dieser Form nur sehr selten gibt. Sie markierte gleichzeitig den Beginn einer aktiven Biotechnologiepolitik in Österreich.

Niemand hätte 1988, als das IMP im umgebauten Hornyphonwerk neben Rinderhallen eröffnet wurde, voraussagen oder auch nur ahnen können, wohin die Entwicklung führen würde und in welcher Weise das Institut die wissenschaftliche Landschaft Österreichs beleben würde. Es gab jedoch einen einhelligen Konsens, dass in exzellente Infrastruktur und internationale Spitzenforscher investierte Mittel mit Sicherheit gut eingesetzt seien und Früchte abwerfen, von denen die Gesellschaft als Ganzes profitiert.

Der Campus Vienna Biocenter führt diese Strategie bis heute fort und ist mit neuen Spin-off Firmen ein Wirtschaftsfaktor geworden, der Arbeitsplätze schafft und zur Stadtentwicklung beiträgt. Die Qualität der Forschung und Ausbildung zeigt sich nicht zuletzt in den 23 eingeworbenen ERC-Grants (mit 7 ERC-Grants allein im Jahr 2013). Mit einer Erfolgsrate von 100 Prozent der beantragten ERCFörderungen stechen IMP und IMBA auch international heraus. Die starke Publikationstätigkeit und der hohe Impakt durch Veröffentlichungen in den anerkanntesten Zeitschriften Nature, Cell und Science werden auch durch die Unterstützung des FWF ermöglicht.

Neben dem Campus Vienna Biocenter sind in den letzten Jahren weitere hochkarätige Forschungseinrichtungen in Wien und Umgebung erblüht. Das Institute of Science and Technology Austria in Klosterneuburg, das Zentrum für Molekulare Medizin der österreichischen Akademie der Wissenschaften am Wiener AKH und die Biotechnologie-Institute der Universität für Bodenkultur in der Muthgasse sind nur einige davon. Der Aufbau solcher Zentren ist ein langer Prozess und erfordert Weitsicht, Initiative und Mut. Ein Abgleiten in Mittelmäßigkeit bei Austrocknung der öffentlichen Fördermittel erfolgt allerdings rasch. Gerade Spitzenforscher weisen ein hohes Maß an Mobilität auf und wandern konsequent dorthin ab, wo sie für ihre Forschung die besten Bedingungen vorfinden. Eine Kürzung des österreichischen Forschungsbudgets würde deshalb ein verheerendes Signal an die internationale Wissenschaftsgemeinschaft senden. Ein solcher Schritt würde in kürzester Zeit weltweit kommuniziert werden und sich folgenschwer nicht zuletzt auf die Möglichkeit der Rekrutierung anerkannter Spitzenforscher auswirken.

Wo gute Forscher wirken, kommen gute Nachwuchsforscher hinzu. Im Rahmen des internationalen Doktorandenprogramms des Campus Vienna Biocenter bewerben sich jährlich etwa 1000 Studenten für rund 40 Forschungsstellen. Für die internationale Summer School melden sich fast 2000 Studenten. Die jungen Wissenschaftler werden in diesen Programmen hervorragend ausgebildet. Sollten sie danach keine entsprechende Förderung vorfinden, so würden sie in Österreich zwar ein einwandfreies Rüstzeug erhalten, ihre Karriere aber im Ausland fortsetzen. Dieser vielzitierte "brain-drain" bedeutet viel mehr, als dass einige Menschen abwandern. Er bewirkt einen Verlust an Innovationspotenzial, der alle Universitäten und unsere Gesellschaft schmerzlich trifft – wenn auch erst in einigen Jahren.

Grundlagenforschung ist kein elitäres Hobby einiger weniger Auserwählter. Der Wert der biomedizinischen Forschung lässt sich messen, ganz plakativ zum Beispiel in gewonnenen Lebensjahren. Positive Veränderungen werden sehr rasch zum selbstverständlichen Standard, doch sollten wir nicht vergessen: innovative Ansätze in der Medizin haben unsere Lebenserwartung im letzten Jahrhundert um ein Viertel ansteigen lassen. Schlaganfall und Herzinfarkt sind dank gentechnisch hergestellter Medikamente von tödlichen Bedrohungen zu behandelbaren Ereignissen geworden. Menschen leben dank fortschrittlicher Therapie jahrzehntelang mit Diabetes, Parkinson oder Multipler Sklerose. All diese Fortschritte basieren auf intensiver Grundlagenforschung. Auch österreichische Wissenschaftler haben mit zahlreichen Forschungserfolgen zu diesen Leistungen beigetragen. Zudem ist die langfristige Sicherung hochwertiger Arbeitsplätze in einer Wissensgesellschaft ohne Investitionen in die Grundlagenforschung undenkbar.

Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Krise gibt es keinen sinnvolleren Einsatz für die Zukunft als Investitionen in Forschung. Wir appellieren daher an die österreichische Regierung, durch antizyklisches Denken Weitsicht zu beweisen und durch adäquate Dotierung der Fördergeber die Grundlagen für eine zukunftsfeste Gesellschaft heute und in Zukunft zu sichern.

Hochachtungsvoll,  

Prof. Dr. Meinrad Busslinger                                   
Stellvertretender Wissenschaftlicher Direktor

Dr. Jan-Michael Peters
Wissenschaftlicher Direktor


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