Ruth Wodak

© Lancaster University

Professorin, Department of Linguistics and English Language, Lancaster University
Wittgenstein-Preisträgerin    


Offener Brief vom 26.03.2014


Sehr geehrter Herr Bundeskanzler!

Darf ich mich heute mit einer dringenden Bitte an Sie wenden:

Obwohl ich derzeit als Davis Chair for Interdisciplinary Studies an der Georgetown University, Washington DC weile, erreichen mich auch hier die heftigen und berechtigten Klagen meiner österreichischen KollegInnen und des FWF: Mit Bestürzung lese ich, dass daran gedacht wird, die Gelder für Forschungsförderung massiv zu kürzen und damit die Wissenschaft in Österreich zum Stagnieren, wenn nicht sogar zum Absturz zu bringen.

Mir ist natürlich völlig bewusst, dass wir in Krisenzeiten leben, in Europa und auch in den USA. Und dass wir selbstverständlich nicht amerikanische private Ivy?League Universitäten wie Harvard, Stanford oder Princeton als Maßstab und Modell heranziehen können oder dürfen.

Dennoch ist es offensichtlich, dass Budgetkürzungen gerade nicht im Bereich der Bildung (Schule, Hochschule, Forschungsförderung) stattfinden dürfen; denn ohne Forschung und Innovation, ohne Investition in Universitäten und Bildung bieten wir jungen talentierten ausgezeichneten AbsolventInnen keine Chancen im Inland. Ein Brain?Drain ist vorhersehbar. Gerade in Krisenzeiten, denke ich, sind mittel- und langfristige Strategien notwendig; daher muss in Ausbildung, Forschung und Entwicklung investiert werden. Nicht nur aus ökonomischen Gründen; auch um Jugendlichen eine Perspektive zu geben. Denn leider bietet die EU viele Beispiele, wohin sich demokratische Länder entwickeln, wenn Arbeitslosigkeit steigt, auch Akademikerarbeitslosigkeit.

Ich selbst habe in meiner Laufbahn sehr von Projektförderungen (FWF, ÖNB, Ministerium) profitiert; und letztlich als erste Wittgenstein?Preisträgern 1996 tatsächlich einen ‚Quantensprung' in die internationale Forschungslandschaft und Academic Community machen dürfen. Eine tolle Chance! Die großzügige Förderung ermöglichte im Weiteren, dass ich durch Headhunting an den sehr renommierten Diskursforschungslehrstuhl nach Lancaster, Großbritannien geholt wurde und wesentliche weitere Entwicklungen in der Kommunikationsforschung mitbeeinflussen konnte, auch durch Gastprofessuren in Schweden und den USA. Ich kehre jetzt nach Österreich zurück, weil mich die dortige Forschungslandschaft wieder hinzieht, wie auch die Möglichkeiten – so dachte ich jedenfalls – weiter an Projekten zu arbeiten und meine internationalen Erfahrungen wieder in Österreich einbringen zu können. Es wäre sehr schade, wenn solche Wege verschlossen würden. Und wenn eine tatsächlich blühende Forschungslandschaft nach so vielen Impulsen und nach vielen Bemühungen wieder zerstört würde.

Daher ersuche auch ich Sie, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, die richtigen Prioritäten zu setzen. Wir leben in einer ‚Wissensgesellschaft', daher müssen wir in diese auch investieren! Wie erwähnt, ich verstehe natürlich, dass es heutzutage ein genaues Budgetmanagement geben muss. In jedem Fall sollten dadurch aber nicht die Perspektiven für Innovation, Kreativität, Ausbildung und Förderung der Jugend beschnitten werden. Bitte setzen Sie sich dafür ein, dass der FWF und auch andere wichtige Bildungsinstitutionen großzügig weiter gefördert werden!

Herzlichen Dank für Ihr Bemühen,

Hochachtungsvoll

Ruth Wodak

Professor Dr Dr h.c. Ruth Wodak, AcSS
Distinguished Professor
Chair in Discourse Studies
Department of Linguistics and English Language
Lancaster University
Lancaster LA1 4YT, UK
www.ling.lancs.ac.uk/profiles/265
www.lancaster.academia.edu/RuthWodak
www.wittgenstein-club.at

Royden B. Davis, S.J., Chair in Interdisciplinary Studies for Spring 2014 Department of Linguistics, Georgetown University, Washington, DC


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