FIX the Knowledge zum Thema "Gender in der wissenschaftlichen Forschung"

Die Schwerpunkt- und Doktoratsprogramme repräsentieren die Flaggschiffe im FWF Portfolio und finanzieren langfristige und umfangreiche Forschungs- und Ausbildungsvorhaben in der wissenschaftlichen Forschung in Österreich. Sie produzieren einerseits hervorragende international sichtbare Ergebnisse1, andererseits haben sie das Potential durch die finanzielle Verpflichtung der Forschungsstätten auch strukturelle Effekte an jenen Forschungsstätten und Universitäten zu induzieren, an denen sie angesiedelt sind.

Diese Forschungs- und Ausbildungszentren eröffnen damit beste Rahmenbedingungen für international sichtbare ForscherInnen aller Karrierestufen in Österreich. Der FWF hat mit diesen Programmen mit Vorbildwirkung im Bereich der wissenschaftlichen Produktivität ein Förderungsmodell etabliert, das durch Vorgaben in den Richtlinien zur Antragstellung auch die Aspekte einer ausgewogenen Zusammensetzung der Forschungsteams und der Gender-Dimension in der Forschung berücksichtigt. Damit folgt der FWF dem internationalen Diskurs und adressiert in diesen Förderungsprogrammen beide Dimensionen der Gleichberechtigung der Geschlechter im Forschungsbereich: Chancengleichheit und Integration der Gender- Dimension in der Forschung. Warum die Integration dieser Aspekte auch in der wissenschaftlichen Forschung so wichtig ist, soll nachfolgend erläutert werden.

Seit mehr als 50 Jahren verfolgt die EU das politische Ziel der Gleichberechtigung von Frauen und Männern (Vertrag von Rom 1957). In der Arbeitswelt Forschung gibt es daher gesetzliche Grundlagen wie z.B. das Bundesgleichbehandlungsgesetz und die Frauenförderpläne die Gleichberechtigung und Chancengleichheit durchsetzen sollen 2. Dennoch sind Frauen in der Forschung in Führungspositionen, in Planungs-, Entscheidungs- und Begutachtungsgremien immer noch unterrepräsentiert, wie viele Studien belegen 3. Tradierte Rollen- und Wertvorstellungen, gleichstellungshemmende Organisationskulturen bis hin zur ungleichen Verteilung von Familien- und Berufsarbeit zwischen Frauen und Männern tragen dazu bei 4 - 8.

Das heißt die Unterschiede zwischen Frauen und Männern bzw. die Ungleichheit im Forschungssystem ist nach wie vor zu überwinden und es braucht gleichberechtigte Karrierechancen für Frauen. Gemischte Teams arbeiten nachgewiesenermaßen effizienter und Arbeitskulturen, die es Frauen und Männern erlauben, erfüllende Karrieren in der Forschungswelt aufzubauen, ermöglichen die Ausschöpfung des vorhandenen Talente Pools. Der FWF gibt daher schon seit 2010 in beiden Programmen eine Zielquote von 30 % Frauen als Projektleiterinnen / Faculty Members vor, die bei Nichterreichung begründet werden muss. Diese Maßnahme unterstützt nach ersten Hinweisen die aktive Rekrutierung von Frauen aus österreichischen Universitäten und Forschungsstätten in diese Programme.

Der erste Schritt auf dem Weg zur Integration der Gender-Dimension in den Forschungsansatz ist, sich mit den relevanten Begrifflichkeiten und ihrer jeweiligen Bedeutung vertraut zu machen.

Mit dem Begriff Geschlecht werden im Alltag meist biologisch fixierte Unterschiede assoziiert, die im Englischen im Gegensatz zu Gender als "sex" bezeichnet werden. Was genau Geschlecht in Medizin und Biologie bedeutet, hat sich historisch vielfach geändert und ist immer abhängig von gesellschaftlichen Normen. Heute wird Geschlecht mehrdimensional verstanden. Das biologische Geschlecht ist also nicht die Grundlage von Gender, sondern ein Teil davon. Der Begriff Gender vermeidet eine Fixierung auf Biologie und signalisiert vielmehr, dass Geschlecht keine 'natürliche' Gegebenheit ist. Gender markiert das Zusammenspiel aus biologischen Faktoren wie dem Chromosomensatz, historischen und sozialen Faktoren wie der geschlechtlichen Arbeitsteilung, kulturellen Faktoren wie Kleidung, Haarschnitt oder die Art, Menschen anzusprechen, und rechtlichen bzw. politischen Faktoren wie die Namensgebung, die eine eindeutige Zuordnung zu einem Geschlecht erzwingt. Gender bringt auch zum Ausdruck, dass es nicht "die Männer" und "die Frauen" als einheitliche Gruppen gibt 9 - 11.

Gender Equality (Gleichstellung) ist eine Situation, in der alle Mitglieder einer Gesellschaft ihre persönlichen Fähigkeiten frei entwickeln und freie Entscheidungen treffen können, ohne durch strikte geschlechtsspezifische Rollenmuster eingeschränkt zu werden, und in der die unterschiedlichen Verhaltensweisen, die unterschiedlichen Ziele und die unterschiedlichen Bedürfnisse von Frauen in gleicher Weise berücksichtigt, anerkannt und gefördert werden wie jene der Männer 12.

Equal Opportunities of Women and Men (Chancengleichheit von Frauen und Männern) ist gegeben, wenn es keine geschlechtsbedingten Barrieren gibt, die einer gleichberechtigten Teilnahme einer Person am wirtschaftlichen, politischen und sozialen Leben im Wege stehen 13.

Gender-sensitive research (geschlechtersensible Forschung) bezieht die Gender-Dimension während des gesamten Forschungsverlaufs mit ein. Zusammenhänge und Wechselwirkungen von Gender mit zentralen Analysefragen und –kategorien werden ebenso wie potenzielle Diskriminierungsstrukturen kontinuierlich wahrgenommen, reflektiert und im Forschungsprozess berücksichtigt.

Gender-specific research (geschlechtsspezifische Forschung) stellt demgegenüber Gender bzw. die Geschlechterverhältnisse und deren Charakteristika in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses.

Gender-blind research (Gender-Blindheit) ist Forschung ohne Reflexion auf Gender. Die Gender-Dimension wird dabei aufgrund der oftmals unzutreffenden Annahme außer Acht gelassen, nämlich dass diese für die Forschungsfragen und Analysen irrelevant ist und/oder die Forschung keinerlei Wirkung auf Personen zeitigt 14.

Dies kann möglicherweise zu einem Gender Bias führen. Dieser bezeichnet geschlechtsbezogene Verzerrungen, die dadurch zustande kommen, dass Geschlechterunterschiede nicht oder nicht angemessen berücksichtigt werden. Neben Auswirkungen auf den Forschungsprozess können diese auch Einfluss auf die Validität der Forschungsergebnisse haben 15.

Geschlechtersensible Forschung stellt also im Rahmen des Forschungsdesigns die Frage, wie Gender in das wissenschaftliche Wissen integriert und ob die Kategorie Geschlecht bei der Entwicklung von Wissen systematisch berücksichtigt wird. Dadurch entstehen Forschungsergebnisse von höherer Qualität, die insbesondere spezifische Unterschiede und Bedürfnisse systematisch berücksichtigt haben. Gleichzeitig unterstützt geschlechtersensible Forschung auch die Entwicklung und Präzisierung von wissenschaftlichen Fragestellungen und dient in ihrer Differenziertheit in weiterer Folge auch einer größeren Gruppe von Personen zur Weiterentwicklung der eigenen wissenschaftlichen Agenden.

Was die Integration der Gender-Dimension für den Forschungsansatz nun konkret bedeuten kann, soll an Hand eines Ausschnittes aus einem Vortrag von Prof. Susanne Baer verdeutlicht werden. Diese merkte in der Konferenz "Gender in der Forschung" in Berlin 2007 an, dass Forschung ohne Reflexion auf Gender defizitär ist 16. Sie brachte dazu die drei folgenden Beispiele:
" Die Medizin, das haben wir gehört, riskiert ernsthafte Behandlungsfehler, solange sie paradigmatisch am männlichen, mittelalten usf. Patienten orientiert arbeitet. Die Kindermedikation ist in der Öffentlichkeit mittlerweile Thema. Die Mädchenmedikation ist dann die Verdoppelung desselben Problems; ein Bias, weil über Gender nicht nachgedacht wird.
In den Ingenieurwissenschaften ist - nicht zuletzt dank des Fraunhofer Institutes und bmbf-Projektes "Discover Gender" - mittlerweile relativ bekannt, dass u.a. Märkte verfehlt werden, wenn systematisch ausgeblendet wird, dass für Frauen und Männer - eben nicht zwei Gruppen, die man mal kurz mit einbaut - sehr unterschiedliche, statistisch auch nicht ganz einfach zu erfassende Lebenssituationen reflektiert werden müssen. Menschen nutzen und benötigen Technik unterschiedlich.
In den Geisteswissenschaften - im Jahr 2007 zwingend Thema - gibt es wie in den Sozialwissenschaften riesige Problemfelder wie die Entwicklung des Wohlfahrtstaates, das Problem der neuen Kriege, Fragen der Gerechtigkeit usw. usf., die nur partiell behandelt werden, solange die Dimension Geschlecht außen vor bleibt. Und ganz deutlich: es geht hier nicht um das weibliche Denken, es geht um Forschung im Hinblick auf die Dimension Geschlecht. Und das beruhigt mich", schließt sie ab, "auch immer ungemein. So differenziert denken, können Frauen und Männer, wirklich ganz toll!"

Die Ausführungen machen deutlich, wie wichtig die Reflexion auf Geschlecht als Dimension in der Forschung für die Qualität der Ergebnisse ist. Sie zeigen aber auch, dass nach wie vor ein Mangel an geschlechterspezifischer Forschung besteht, einem Forschungsansatz also, der Gender in möglichst allen Fragestellungen, Methoden, Analysen und Ergebnissen, anspricht. Zwar gibt es im Hinblick auf die Repräsentanz von Frauen sowie den Umfang geschlechtersensibler Forschung Unterschiede zwischen einzelnen Disziplinen, wie etwa der technisch-naturwissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Forschung, dieser grundsätzliche Befund gilt jedoch für alle Fächer. Wie die Integration der Gender-Dimension umgesetzt werden kann, soll nun beispielhaft für den Forschungszyklus – "von der Idee bis zur Veröffentlichung der Ergebnisse" – ausgeführt werden. Der Prozess lässt sich dabei in vier Stufen einteilen, die nachfolgend schematisch dargestellt sind, um die einzelnen Aspekte der Gender-Dimension, die dabei zum Tragen kommen können, besser sichtbar zu machen.

Wie wird Forschung gendersensibel? (pdf, 390KB)
Checklist for Gender in Research(pdf, 99KB)


https://genderedinnovations.stanford.edu/
http://www.geschlecht-und-innovation.at/home/

1 Evaluation ResearchNetworks

2 Auszüge aus dem Toolkit von yellowwindow

3 She Figures 2009

4 Wie kommt gender in die Forschung

5 Gendera

6 "10 Jahre Women in Science" der Europäischen Kommission (1999-2009)

7 SNF – Schweizer Nationalfonds / Geschlecht und Forschungsförderung

8 Beyond Bias and Barriers – Fulfilling the potential of Women in Academic Science and Engineering

9 Genderkompetenz 2003 - 2010

10 Was ist Genderkompetenz

11 Lust auf Gender

12 Angela Wroblewski et al. (2007), Wirkungsanalyse frauenfördernder Maßnahmen im bm:bwk, Materialien zur Förderung von Frauen in der Wissenschaft, Band 21

13 Gender-Glossar

14 Genderleitfaden

15 Koordinationsstelle für Gleichstellung

16 "Qualitätsoffensive für die deutsche Wissenschaft" Vortrag Prof. Susanne Baer, in Gender in der Forschung - Innovation durch Chancengleichheit (Konferenzdokumentation); gesis  IZ, cews.publik.no11, 2007

17 Gendered Innovations: Concepts, Priorities

18 Gendered Innovations: Questions