FWF-Kunstpreis 2011

FWF-Kunstpreis 2011:
"Silent Scream", Serie Silent Scream, c-print on plastic, 70 x 50 cm, 2003

Elke Krystufek

Ausgangspunkt für "Silent Scream" war Günter Brus´ "Wiener Spaziergang" von 1965. In der Nachbearbeitung des Wiener Aktionismus interessiert mich als Künstlerin insbesondere, wie weibliche und männliche Rollen der AkteurInnen verteilt waren.

"Silent Scream" hat aber aus seinem europäischen Kontext herausgenommen auch eine andere Form angenommen als Performance in New York 2002, als ich mit weiß bemaltem Gesicht und Körper das Publikum aufforderte, auf meinen Körper als Leinwand zu schreiben oder zu zeichnen, was im New Yorker Kontext natürlich auch als rassistisch aufgefasst wurde, da das "White Face" eine offensichtliche Nähe zum "Black Face" hatte und somit nicht nur als Körper, als Leinwandersatz wahrgenommen wurde.

Die Verwendung englischer Sprache auf dem Gesicht setzt die Arbeit eindeutig in einen in Österreich erst ca. in den 90er-Jahren beginnenden Kontext, als Schrift im Bild nicht mehr nur vornehmlich in der Nationalsprache verwendet wurde, sondern eine ganze Flut von auf Englisch arbeitenden KünstlerInnen nach sich gezogen hat.

Mich interessieren Kunstwerke in erster Linie in Zusammenhängen von Jahrhunderten und auch im Vergleich aller verfügbarer Geographien, so ist die Körperbemalung auch ein Ausdruck sogenannter primitiver Kulturen und Stammeskunst. Das Gesicht als Maske im Dialog mit der Funktion von Masken auf Gesichtern überhaupt, die eine Person unter anderem entpersönlichen, aber auch überhöhen oder neutralisieren können, indem eine Person mit Maske eine andere, unter Umständen auch eine einer Allgemeinheit dienenden Funktion einnimmt.

In weiterer Recherche bin ich auch auf die Arbeiten von Ketty La Rocca aus Italien in den späten 60er- sowie 70er-Jahren gestoßen, die bereits damals Schrift auf Gesicht und Körper in ihren Fotos einsetzte, wobei mich insbesondere die Arbeit mit Röntgenbildern ihres eigenen Schädels interessierte. Eines dieser Schädelfotos habe ich ca. 2003 erworben und es ist Teil meiner Kunstsammlung und im Katalog "Nackt und Mobil" zur gleichnamigen Ausstellung in der Sammlung Essl abgebildet, wo sich auch einige Collagen von Akten mit Schleier sowie weiß und in den verschiedensten Farben bemalte Versionen meines Gesichts verbinden. Aktuell ist auch gerade eine hölzerne Schädelskulptur von Elisabeth Von Samsonow für mich von Interesse, die quasi ein Portrait ihres Gehirns darstellt, wo das blaugemalte Innere des Schädels mit weiß geschriebenen KünstlerInnennamen gefüllt ist (ausgestellt in der Gruppenausstellung "Wiener Innen Aussen" im Wonderloch Kellerland in Berlin, 3. bis 19.3.2011).

Der den kleinen Kopf im großen Kopf in meiner Arbeit bedeckende Schleier ist aber auch eine einfachste Form von Vereinigung, wenn Leinwand als Stoff und KünstlerInnenkörper sich einander annähern. Der nicht zugeschnittene Stoff erzeugt als naheliegende Geste den Wunsch, den Körper darin einzuhüllen, als nahestehende Verbindung von Leben und Kunst. Das Kopftuch ist außer in der arabisch-muslimischen Konnotation auch als Bekleidungselement im ländlichen Raum durchaus vertraut. Es schützt die Frisur davor, bei der Arbeit ins Gesicht zu fallen, ist somit auch Arbeitskleidung. Ein Theoretiker hat den Wiener Aktionisten einmal vorgeworfen, dass ihre Kunst aus einem Unwohlbefinden vom Lande kommender Personen im städtischen Raum entstanden ist, die eben nicht wussten, wie die Verhaltensnormen in der Stadt funktionieren, und aus dem heraus diese "unstädtischen" Formen entwickelt haben. Ein städtischer Körper hätte sich also nie in gleicher Weise einem Material gleichgesetzt oder festgelegte Grenzen von privaten und öffentlichen Räumen verletzt.

Im arabischen Raum fasziniert mich in diesem Zusammenhang die noch verstärkter gelebte Weise einer Trennung von öffentlichen und privaten Räumen, insbesondere die Bindung von Frau und Familie an den Ort des Hauses, das in immer weiter fortschreitender Globalisierung außer in den Kommunikationsmaschinen natürlich nur mehr im eigenen mobilen Körper gefunden werden kann.

Der eigene nackte Körper findet somit eine Art Zuhause im Größeren des Globalkörpers, der vor allem über Bilder und Texte kommuniziert, bei "Silent Scream" dann eben in der Mundöffnung, die als Vaginasymbol sowohl in einem Schöpfungszusammenhang steht, als auch im Altgriechischen in der Figur des Chronos, des Gottes der Zeit, der seine Kinder frisst, gesehen werden kann. Der geöffnete Mund im weiß neutralisierten Gesicht ist, wie der Titel außerdem nahelegt, nicht zuletzt dem unendlichen langen stummen Schrei Edward Munchs entlehnt. 
(Elke Krystufek)