Monika FLUDERNIK

Monika FLUDERNIK

Titel/akad. Grad
Prof. Dr.

Website
http://www.anglistik.uni-freiburg.de/seminar/abteilungen/literaturwissenschaft/ls_fludernik  

Schrödinger-Stipendium
J 0197, von 1987 bis 1988, 1991

Ort des Schrödinger-Stipendiums
USA Cambridge, MA und Research Triangle Park, NC

Forschungsstätte des Schrödinger-Stipendiums
Harvard und National Humanities Center  

Erinnerungen an das Schrödinger-Stipendium
Was mache ich heute
Persönliches / Mein "Credo"

Erinnerungen an das Schrödinger-Stipendium

Mein Schrödinger Auslandsjahr in Harvard stellt sich in der Erinnerung als verklärt dar. Ich besuchte viele Vorlesungen und Seminare, erkundete Boston und Cambridge, MA, lernte viele Kollegen und Kolleginnen kennen, die noch jetzt meine guten Freunde sind, und genoß die Zeit in vollen Zügen.

Meine Betreuerin kümmerte sich sehr nett um mich. Daneben hatte ich aber auch noch einen Professor von der Tufts University, der im Fach Maschinenbau tätig ist, und der sich um mich und um einen japanischen Austauschwissenschaftler rührend bemühte. So nahm er uns jedes Wochenende zum Heartland Supermarkt mit, fuhr uns mit unseren Einkäufen heim (wir hatten beide kein Auto). Außerdem gingen wir oft spazieren gemeinsam. Am meisten Leute lernte ich in Vorlesungen, Seminaren und Gastvorträgen kennen. Da ich zur Zeit des Stipendiums erst 30 Jahre alt war, waren die DissertandInnen, mit denen ich Kurse besuchte, gleichaltrig, so daß hier ein sehr intensiver Austausch erfolgte. Unter den Damen und Herren, die ich in Harvard auf diese Weise kennenlernte, war auch eine Japanerin, über die ich später sehr intensive Kontakte nach Japan knüpfen konnte.

Wissenschaftlich war dieses Jahr für mich sehr wichtig, weil ich an viel Literatur herankam dank der vorzüglichen Ausstattung der Bibliotheken in Harvard, und weil ich viele neue Theorien aufsog. So besuchte ich die Vorlesungen über Dekonstruktivismus bei Barbara Johnson, die mir eine völlig neue Sicht auf Dekonstruktivismus und Lacan vermittelte.

Ich habe zwar im Jahr in Cambridge, MA nicht viel an meiner Habilitation gearbeitet, weil ich erst in der Konzeptionsphase war und sich vieles angesichts der zahlreichen Eindrücke und neuen Theorien an der Struktur der geplanten Arbeit änderte. Trotzdem war das Jahr äußerst produktiv, da es für mehrere Jahre Forschungsmaterial bereitstellte. Zwei Jahre später, als ich dann am National Humanities Center in North Carolina war, konnte ich - auch auf Grund der Vorarbeiten in Harvard - meine Habilitation in eine Rohfassung bringen und ein Jahr später in Wien einreichen.

Das Jahr in Harvard war für mich ein Meilenstein in meiner wissenschaftlichen und persönlichen Entwicklung. Es lief aber nicht alles so ganz glatt, und auch dies war sehr wichtig für meine spätere Entwicklung. So lernte ich angesichts verschiedener unangenehmer Erfahrungen, meine vornehme Zurückhaltung aufzugeben und mir meine Rechte zu erstreiten. (Beispielfall war das Abschleppen meines Mietwagens, den ich, wie ich dachte, richtig abgeliefert hatte, aus der Einfahrt vor einem Hotel, in dem man den Schlüssel der Leihwägen abgab. Dank der Hilfe meiner amerikanischen Freunde - die Ehefrau war Juristin und gab mir die relevante Seite aus dem Gesetzbuch von Massachusetts, worin die Höchst-Abschleppgebühren vermerkt standen - gelang es mir, der Leihfirma nachzuweisen, daß sie nur ein Drittel des von ihnen geforderten Betrages fürs Abschleppen einkassieren dürften. Glücklicherweise hatte ich mit Kreditkarte gezahlt, und so stritt sich die Rechtsabteilung der Kreditkartenfirma mit dem Leihwagen-Unternehmen.)

Alles in allem also sehr positive Erinnerungen, die sich immer mehr vergolden, je älter ich werde!

Was mache ich heute

Meine Ausbildung war die einer Narratologin (Schülerin von Franz Karl Stanzel in Graz). Dieser Forschungsrichtung bin ich immer noch treu, nachdem ich mal kurzfristig in die postcolonial studies fremdgegangen war. Seit einigen Jahren betreibe ich ein großes Projekt, in dem ich diachron die Entwicklung von Erzählstrukturen zwischen Mittelalter und 18. Jh. untersuche und dies detailliert für einzelne Gattungen analysiere.

Daneben habe ich aber auch einen Forschungsschwerpunkt in den postcolonial studies entwickelt, im Rahmen dessen ich mich mit Hybridität, Multikulturalismus und mit Diasporafragen beschäftigte, und zwar im Rahmen der indischen (Exil)Literatur in englischer Sprache.

Außerdem besteht weiterhin großes Interesse an ästhetischen und kulturwissenchaftlichen Belangen des 18. Jahrhunderts (Arbeiten über das Erhabene und Godwin), und ich plane mittelfristig eine längere Arbeit über Edmund Burke zu schreiben. Sehr interessant finde ich auch fragen von Schauspiel und Inszenierung im 18. Jahrhundert.

Seit vier Jahren bin ich auch in einer interdisziplinären Forschergruppe eingebunden, die sich mit Kriminalisierungsprozessen im Zusammenhang mit ethischen Fragen befaßt. Dieses Projekt "Recht, Norm, Kriminalisierung" wird in Zusammenarbeit mit dem Max- Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg und mit dem Institut für Philosophie in Freiburg durchgeführt. Das anglistische Teilprojekt befaßt sich mit der Darstellung des Gefängnisses in der englischen Literatur, mit Metaphorik in Texten, die von Gefängnis und Kriminalität handeln oder diese bildlich evozieren, und mit der Entstehung von kriminologischen Diskursen aus Klischees, die in Alltagsvorstellungen von Kriminalität kursieren. Weitere Information über meine Forschung findet sich in meiner Homepage: http://www.anglistik.uni-freiburg.de/institut/lsfludernik/index.html

Persönliches / Mein "Credo"

Ich bin mir nicht sicher, was genau in diesem Abschnitt erwartet wird, möchte aber vielleicht hier die Dinge ansprechen, die mir wissenschaftlich am Herzen liegen.

Zunächst möchte ich ein Bekenntnis für die Einheit von Forschung und Lehre ablegen. Ich habe sehr viel gelernt dadurch, daß ich über viele verschiedene Bereiche unterrichte. Dies hat mich oft auf neue Fragestellungen gebracht, und die Tatsache, daß ich viele verschiedene Epochen und Gattungen unterrichte, bedeutet auch, daß viele epochenübergreifende Erkenntnisse möglich wurden. Meinen Studenten und Studentinnen bin ich sehr dankbar für anregende Diskussionen, die oft noch bis in die Forschung hinein nachwirken, und meine Dissertanden haben mir viele anregende Oberseminarsitzungen geschenkt, die mein Interesse an Literatur und theoretischen Fragestellungen intensivierten und den Sitzungs- und Verwaltungsalltag kurz ausblenden halfen.

Was für die Geisteswissenschaften wirklich zählt. Heute ist im Rahmen der Ökonomisierung der Universitäten der Blick vieler Politiker und Ministerien darauf verloren gegangen, wozu die Universität wirklich da ist. Die oft geäußerten Wünsche, daß 50 % der Bevölkerung einen BA haben sollen, und die absurde Erwartung, daß deutschsprachige Universitäten Harvard und Yale replizieren könnten, markieren entgegengesetzte Endpunkte einer Skala von Universitätspraxis, die sich nur im Mittelmaß auf einen Nenner bringen läßt. Es wird vergessen, daß Elite mit geringen Zahlen zu tun hat und daß bei Weitererhalt von hoher Qualität absolut notwendig ist, daß hohe Ansprüche an die Studierenden gestellt werden. Dies widerspricht total der Forderung, daß auf das niedrige Niveau vieler Studierender eingegangen werden soll und viel mehr Abschlüsse zu produzieren seien.

Das Wichtigste für die Wissenschaft ist meiner Ansicht nach Ruhe und Zeit zum Lesen und Nachdenken. Genau diese Ressource wird aber im modernen Universitätsbetrieb systematisch abgetötet. Nicht nur, daß bei neun Unterrichtsstunden (mithin 5-6 Kursen im Semester) allein die Unterrichtsvorbereitung, so sie auf dem aktuellen Forschungsstand basieren soll, mehr Zeit verschlingt als die 40 % der Arbeitszeit, die eigentlich für Lehre vorgesehen sein sollten, besonders wenn man noch von hohen Studierendenzahlen ausgeht. Darüber hinaus ist der Verwaltungsaufwand in den letzten Jahren so erheblich gestiegen und auch die Gutachtertätigkeit, daß für tatsächliche Forschung und besonders für intensives Lesen und für die Weiterbildung nicht mehr genügend Zeit übrigbleibt. Literaturwissenschaftler forschen nachweislich nur mehr in ihrer Freizeit nach der 60. Wochenarbeitsstunde, und das bereits aufs Jahr gerechnet. Wen wundert es, wenn viele Kollegen die Familie vorziehen und das Forschen nach ihrer Berufung sein lassen, da sie es zu ungunsten ihrer Familien tun müßten? Unter diesen Bedingungen scheint es wie Hohn, daß Minister und Politiker überhaupt von deutschsprachigen Universitäten Nobelpreise möchten. Bei den vorhandenen Arbeitsbedingungen ist gute Qualität kaum zu haben.

Zwei Dinge liegen derzeit in der Universitätslandschaft stark im argen. Einerseits muß dringend erkannt werden, daß auch Wissenschaftler sich regenerieren können müssen, daß Kreativität Freiräume und Zeit zum Nachdenken braucht, und daß die Auflastung von immer neuen zeitintensiven Arbeiten (nunmehr BA Studiengänge, in denen ständig kurzfristige Termine für Korrekturen von Studienleistungen auch innerhalb der Semesterferien laufen) nur zu einem führen kann: der massiven Beeinträchtigung von innovativer Forschung. Zweitens muß an deutschen Universitäten endlich organisatorisch und ausstattungsmäßig der Zustand erreicht werden, daß wirklich forschungsaktive Wissenschaftler von Aufgaben entlastet werden, um sich den zusätzlichen Aufgaben widmen zu können, die mit Rang und Namen in der Wissenschaft auf sie zukommen. An deutschen Universitäten werden engagierte KollegInnen bestraft. Wer internationalen Ruhm erlangt und wegen seiner Qualität der Forschung geachtet wird, erhält die dreifache Arbeit zugeschanzt: er/sie sitzt in mehr Kommissionen, wird für vergleichende Gutachten angesprochen, für DFG Begehungen, für die Evaluation von Manuskripten für Zeitschriften und Verlage, für Forschungspreise etc. etc. Diese zusätzlichen Arbeiten, die alle ehrenamtlich sind und nicht einmal einen Zusatzverdienst mit sich bringen, treffen nur die besten Forscher in jedem Fachbereich. Dafür erhalten sie aber, im Gegensatz zu den USA oder Kanada, keinerlei Entlastung bei ihrer Lehre, Verwaltung oder sonstigen Agenden. Als Resultat sind genau die besten Köpfe auch diejenigen, die dann für das, wozu sie am besten geeignet sind, nämlich innovativ zu forschen, keine Zeit mehr haben.

Daher plädiere ich sehr dafür, daß über die regulären Forschungssemester hinaus innovative WissenschaftlerInnen sich für 3-4 Jahre freistellen lassen können, um sich größeren Forschungsarbeiten zu widmen. In dieser Zeit sollten sie außer der Betreuung von Dissertanden und einer Lehrveranstaltung im Jahr keinerlei Verpflichtungen ihrer Universität gegenüber haben, also auch keine Staatsexamina prüfen müssen, keine Magisterkandidaten betreuen und keine administrativen Aufgaben übernehmen müssen.
Nur wenn solche Arbeitsbedingungen gewährleistet werden, wird die Geisteswissenschaft wieder international kompetitiv sein können.