Business-Ladies im Mittelalter - die Geschäftsgebaren jüdischer Frauen im Mittelalter

St. Pölten/Wien (FWF) - Bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts war der Geldhandel, die den Juden zugedachte Tätigkeit, hauptsächlich Männersache. Erst ab dann scheinen immer häufiger jüdische Frauen als Darlehensgeberinnen in den Quellen auf. Martha Keil vom St. Pöltener Institut für Geschichte der Juden in Österreich ist durch ihre Untersuchung der jüdischen Frau im Mittelalter, unterstützt durch den Wissenschaftsfonds, zu erstaunlichen Erkenntnissen gekommen. Sie belegt, dass mit der zunehmenden Geschäftstätigkeit der Jüdinnen und ihrer verbesserten Rechtsstellung eine Ausgrenzung aus der Synagoge einherging.

Kreditgeberin war, neben dem der Dienerin, der häufigste Beruf der jüdischen Frau im Mittelalter. Bis zu einem Viertel aller Darlehen wurden von Frauen vergeben, hauptsächlich von Witwen. "Besitz- und Rechtsfähigkeit, Mobilität, Lesen und Schreiben, gute Umgangsformen und vor allem ein starkes Selbstbewusstsein waren die Voraussetzungen für die Geschäftstätigkeit der jüdischen Frauen", erläutert Keil. Ehefrauen konnten ihr Eigentum immer öfter selbst verwalten, Witwen erhielten häufig das Verfügungsrecht über das Familienvermögen. Die zunehmende Geschäftsaktivität brachte den Frauen eine Besserstellung im christlichen Rechtssystem, innerhalb dessen Geschäftskonflikte zwischen Juden und Christen ausgetragen wurden.


Weibliche Steuereintreiberin

"Frauen unterlagen selbstverständlich auch der Steuerpflicht. Die Judensteuer wurde kollektiv eingehoben und durch Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft eingetrieben. Dieses ‚Gemeindeamt' hatten prinzipiell nur Männer inne. Einzig Selda von Radkersburg nahm 1338 gegenüber ihrer Gemeinde Pflichten auf sich, die sie als Steuereinheberin ausweisen - eine Ausnahme im österreichischen Mittelalter", betont Keil. Die Geschäftskontakte mit Christen führten zu einer Beeinflussung der jüdischen Gesellschaft durch die christliche Umgebung. Ähnlich dem christlich-patriarchalischen System wurden jüdische Frauen sukzessive aus dem Synagogenraum gedrängt.

Vom Ende des 13. Jahrhunderts an lässt sich dieser Ausgrenzungsprozess aus Gottesdienst, Gemeindegebet und Ritualen nachweisen. Je aktiver Jüdinnen in der christlich-jüdischen Öffentlichkeit auftraten, desto unsichtbarer wurden sie in Synagoge und Gemeinde. So war z.B. für die Geschäftspraxis das Ablegen eines Eides unabdingbar: "Gültig wurde der Eid erst durch das Berühren der Torarolle im Synagogenraum. Da Frauen die ,Männerschul' nicht betreten durften, fanden die Rabbiner des 15. Jahrhunderts einen Kompromiss: Sie legten der Eidesleisterin am Eingang zur Synagoge die Torarolle in den Arm."




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Wien, am 5. November 2001