Spirituelle ÖsterreicherInnen - Religion im Leben der ÖsterreicherInnen von 1970 bis 2000

Wien (FWF) - Die Religion befindet sich inmitten eines Transformationsprozesses. So lässt sich das Ergebnis einer repräsentativen Langzeitstudie zur Bedeutung der Religion im Leben der Österreicher zusammenfassen. Paul Zulehner vom Institut für Pastoraltheologie der Universität Wien, unterstützt durch den FWF, ist der Frage nach der Religiosität der Österreicher nachgegangen und hat die aktuellen Trends erfasst. Die bemerkenswerten Ergebnisse geben den Blick frei auf einige interessante Entwicklungen der Religionskultur in Österreich.

"Kehrt die Religion wieder?" - So betitelt das ökumenische Forschungsteam rund um Paul Zulehner den ersten Band der Ergebnisse aus der Langzeitstudie zur Religion in Österreich. Und die Frage ist berechtigt: Denn die Annahme einiger Experten, dass mit zunehmender Säkularisierung der Menschen deren Religiosität abnehme, hat sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil: Je moderner, je säkularer eine Gesellschaft ist, desto spiritueller sind die Menschen.

Wenn das so ist, dann stellt sich allerdings die Frage: Warum schrumpfen die Kirchen, wenn gleichzeitig die spirituelle Sehnsucht boomt? "Die Annahme, dass die Kirchen generell an Bedeutung verlieren, hat sich nicht bestätigt. Zu beobachten ist ein Stadt-/Land-Gefälle. Während die Kirchen in der Stadt, z.B. in Wien, wieder wichtiger werden, verlieren sie am Land weiterhin an Bedeutung", erklärt Zulehner.

Die Kirchen sind heute herausgefordert, eine Wandlung Richtung Re-Spiritualisierung zu beginnen. Dominierten in den 70er Jahren vor allem moralische Themen die Kirchen, so geht der Trend nun deutlich über zur Auseinandersetzung mit spirituellen Fragen.


Konsequenzen für Religions- und Kirchenpolitik

Die zunehmende Individualisierung der Religiosität der Menschen, ihr Religionsverständnis und ihre Erwartungen an die institutionellen Kirchen stellen die moderne Religions- und Kirchenpolitik vor gänzlich neue Herausforderungen. "Es wird künftig freiere Formen der Allianz zwischen einzelnen Personen und den religiösen Institutionen geben, als dies bislang üblich war", sagt Zulehner. Diese Situation ist für die christlichen Kirchen eine große Chance.

Der zweite, in Kürze erscheinende Band der Ergebnis-zusammenfassung beschäftigt sich daher mit zukunftsträchtigen Modellen der Religionspolitik, der Kirchenpolitik und der individuellen Lebensführung. Zulehner: "Ein Ergebnis unserer Studie liegt auf der Hand: Die Menschen in Österreich prüfen die religiösen Bewegungen und deren Institutionen sehr genau und gehen kritisch mit deren Vertrauenswürdigkeit um. Überzeugen kann nur eine Religion mit authentisch gelebter Spiritualität."


Wissenschaftlicher Kontakt
Paul Zulehner
Institut für Pastoraltheologie, Universität Wien
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Aussender
CLOOS + PARTNER, Agentur für Öffentlichkeitsarbeit
T +43 1 710 85 99

Wien, am 17. Oktober 2002