Bronzezeit - österreichische Siedlungen als Handelszentren

Weltoffenheit und Wohlstand - das repräsentierten österreichische Siedlungen des Donauraumes in der Bronzezeit. Dies belegen neue Untersuchungen von ForscherInnen der Prähistorischen Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Im Mittelpunkt des vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projektes stand die Analyse von Fundmaterial aus Grabungen am Oberleiserberg in Niederösterreich. Dabei entdeckten die WissenschafterInnen Spuren eines regen Handels und Relikte einer einstmals blühenden Handwerkskultur.

Luftbildaufnahme des Oberleiserberges im Nord-Osten Österreichs. Das offene aber doch geschützte Plateau bot Siedlern mehrerer Zeitalter attraktiven Raum für Handel & Kultur. © Für redaktionelle Zwecke bei Nennung des Copyrights kostenfrei: Luftbildarchiv, Institut für Ur- und Frühgeschichte, Wien.

Der Grabungsort Oberleiserberg ist eine der markantesten Erhebungen in Niederösterreich. Dort wurde mit sieben Hektar Fläche eine der größten befestigten Siedlungsflächen der Bronzezeit (2300 bis 800 v. Chr.) in Zentraleuropa freigelegt. Die seit 1976 durchgeführten Grabungen liefern ein reichhaltiges Spektrum an Funden aus der Bronzezeit, der Spätlatènezeit, der Spätantike und der Zeit der Völkerwanderung. Während jenes Material, das aus der Spätantike und der Völkerwanderungszeit stammt, bereits sehr gut aufgearbeitet wurde, gelang es jetzt, im Rahmen des vom FWF unterstützten Projektes, auch die bronzezeitlichen Fundstücke genau zu erschließen.


Handel über Zeit und Raum

Die Auswertung der Fundstücke belegt deutlich, dass die erste großflächige Besiedelung der Region Oberleiserberg bereits in der Frühen Bronzezeit (2300 bis 1600 v. Chr.) erfolgte. Zu dieser Zeit war im nördlichen Donauraum die mährisch-österreichische Gruppe der Aunjetitz-Kultur vorherrschend. Charakteristisch für die Aunjetitz-Kultur waren große, regelmäßig angeordnete Gräberfelder und vielfältige Grabbeigaben aus Bronze.

Innerhalb dieser Gruppe herrschte ein reger Austausch von Gütern, vor allem von Rohstoffen. So wurde insbesondere auch Feuerstein aus Mähren in der Frühen Bronzezeit von den Siedlern am Oberleiserberg zur Herstellung verschiedenster Geräte, beispielsweise Klingen und Pfeilspitzen, genutzt. "Bei der mineralogischen Analyse des Feuersteines und seiner Typenzugehörigkeit kamen wir zu dem überraschenden Ergebnis, dass die am Oberleiserberg vorhandenen Steintypen durchwegs in der Frühen Bronzezeit hergestellt und verwendet wurden.

Bisher hatte man diese Geräte generell der Steinzeit zugeordnet. Zusätzlich stammt der Feuerstein großteils aus dem weit entfernten mährischen Raum. Ein starkes Indiz für den Güteraustausch zwischen den Siedlungen des Donauraumes", erklärt Dr. Michaela Lochner von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Diese Phase des intensiven Warenaustausches fand am Oberleiserberg ein abruptes Ende, als die Siedlung nach einer Brandkatastrophe aufgegeben wurde.


Die Lage macht's!


Zu einer neuerlichen Besiedelung kam es erst wieder am Ende der älteren Phase der mitteldonauländischen Urnenfelderkultur (um 1000 v. Chr.), benannt nach der bevorzugten Bestattungsart: Die Toten wurden verbrannt und in Urnen beigesetzt. Die Auswertung der Fundstücke aus dieser Zeit belegt, dass die geschützte Situation auf dem Berg und die verkehrsgünstige Lage ein Aufblühen der damaligen Siedlung erlaubte. "Bei den Ausgrabungen wurden z. B. zahlreiche Gebrauchsgegenstände für die Textilherstellung, wie Webgewichte und Spinnwirtel, entdeckt. Das lässt auf ein reges handwerkliches und handelspolitisches Leben schließen, mit dem Wohlstand einherging.

Diesen belegen auch bronzene Gewandnadeln mit aufwändig gestalteten Nadelköpfen in Vasenkopf- oder Spindelform, die als Kleidungsschmuck Verwendung fanden", erläutert Dr. Lochner. Hergestellt wurden diese Objekte in Gussformen aus Stein oder Ton, die gemeinsam mit Herd- beziehungsweise Ofenplatten bis heute erhalten geblieben sind. Auch die Keramiken des Oberleiserberges belegen die hohe handwerkliche Entwicklung. Bemerkenswert sind dabei sehr dünnwandige Schalen, die innen reich mit neuartigen
Linien-, Rhomben- und Kreisdekors verziert wurden.

Die Analyse und Auswertung des Fundmaterials gibt neue Einblicke in die bronzezeitlichen Siedlungsverhältnisse im Donauraum. Der Oberleiserberg war in der Bronzezeit eine Hochburg der Kultur und förderte den Austausch von Kreativität und Innovation - ein Ziel, ganz im Sinne des FWF.


Wissenschaftlicher Kontakt

Dr. Michaela Lochner
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Wien, 26. April 2004