Reinigungskraft mit Kübel und Putzzeug in Büro
Außerhalb der üblichen Arbeitszeiten tätig zu sein, hat für die Betroffenen viele Nachteile. Forschende zeigen Alternativen aus Norwegen und Schweden auf. © unsplash+

Wenn Büroangestellte morgens früh um neun Uhr an ihren Arbeitsplatz kommen, ist schon alles blitzblank. Stunden früher, oder vielleicht sogar noch nach Büroschluss am Abend davor, rückten die Beschäftigten eines Reinigungsdienstes an, um Böden zu wischen und Mistkübel zu entleeren. Meist sind es Frauen, oft Migrantinnen. Die Löhne sind niedrig. Sie verrichten ihre Dienste zu den Randzeiten auch deshalb, um in den vollen Büros tagsüber niemandem in die Quere zu kommen. Sie müssen unsichtbar bleiben.

Diese Praxis hat zur Folge, dass die Arbeitszeiten der Reinigungskräfte oft als geteilte Dienste organisiert sind – beispielsweise von 6 bis 9 Uhr in der Früh und von 17 bis 20 Uhr am Abend. Aus dieser Fragmentierung der Tagesabläufe entstehen für die Betroffenen zahlreiche Nachteile. Die Soziologin Karin Sardadvar von der Wirtschaftsuniversität Wien hat die Problematik, die bisher kaum in den Fokus wissenschaftlicher, medialer oder arbeitsrechtlicher Diskurse gerückt wurde, erstmals in das Zentrum einer umfassenden Forschungsarbeit gestellt.

Im Rahmen des Projekts „Fragmentierungen des Arbeitslebens durch geteilte Dienste (SPLITWORK)“, das im Rahmen des Richter-Programms des Wissenschaftsfonds FWF unterstützt wird, untersucht sie mit Kolleg:innen die Problematik der geteilten Arbeitszeiten in der Reinigungsbranche und in der Pflege aus mehreren Perspektiven. Dabei erfasst sie nicht nur Auswirkungen auf das Leben der betroffenen Beschäftigten, sondern auch die unternehmerischen Entwicklungen und regulativen Rahmenbedingungen, die diese Arbeitsform ermöglichen und befördern.

Fragmentierung der Arbeit

Den Ursprung der heutigen Praxis der geteilten Dienste verortet Sardadvar in den 1980er- und 1990er-Jahren. „Die Unternehmen begannen damals, Reinigungsarbeiten auszulagern. Durch die neue Dynamik am Arbeitsmarkt entstanden viele Teilzeitjobs und vermehrt geteilte Dienste“, sagt die Soziologin. „In der Pflege ist die Fragmentierung dagegen oft dem Tagesablauf der Patient:innen geschuldet, in dem am Morgen und am späten Nachmittag und Abend besonders viele Tätigkeiten zu verrichten sind.“

Trotz der hohen Verbreitung von geteilten Diensten – auch im Gastgewerbe oder im öffentlichen Verkehr sind sie üblich – gibt es bis heute keine belastbaren Zahlen dazu. „Aus einer großen Erhebung wissen wir lediglich, dass zwölf Prozent der Arbeitskräfte Dienstzeiten mit einer Unterbrechung von mehr als einer Stunde haben“, erklärt Sardadvar. „Die Zahl umfasst aber auch andere Beschäftigungsformen, etwa Lehrer:innen, die Freistunden haben, oder Selbstständige, die ihren Tag selbst strukturieren.“

Keine richtige Freizeit

Aus Sicht der Betroffenen bedeuten die geteilten Dienste insbesondere eines: eine Einschränkung ihres Privat-, Sozial- und Familienlebens: „Die Beschäftigten werden abseits üblicher gesellschaftlicher Zeitrhythmen eingesetzt. Partnerschaften, Kinderbetreuung und Freundschaftspflege leiden“, fasst Sardadvar Erkenntnisse zusammen, die aus qualitativen Interviews mit den Betroffenen stammen.

Gleichzeitig wird die Zeit zwischen den Diensten nicht als erholsam, nicht als „richtige“ Freizeit erlebt. „Durch die Rückkehr in die Arbeit noch am selben Tag entsteht ein Druck, der als einschränkend empfunden wird“, so die Soziologin. Betroffene erzählen etwa von der Mühe, viermal täglich den Arbeitsweg zurücklegen zu müssen, von der Hektik der Hausarbeit in der Pause und von der Belastung, wenn man die Kinder im Schulalter nur am Wochenende zu Gesicht bekommt. Sardadvar betont, dass bei einer Untersuchung dieser Art jedenfalls ein erweiterter Arbeitsbegriff anzuwenden sei, der über den Erwerb hinausgeht: „Meist geht es hier um Frauen, die auch einen Großteil der unbezahlten Arbeit im Haushalt erledigen. Das muss miteinbezogen werden.“

Kundenorientierung und Machtverhältnisse

Ein Hintergrund, warum Unternehmen geteilte Dienste einführen, ist schlicht der Kundenwunsch. „Man erwartet einfach, dass die Reinigung zu Beginn der Bürozeiten erledigt ist“, sagt Sardadvar. Dabei werde übersehen, dass es mit der Tagesreinigung während der üblichen Bürozeiten durchaus auch eine Alternative gibt, die in den meisten Fällen gut anwendbar wäre. Die Störungen, die Büroangestellte bei ihrer Arbeit fürchten, stellen sich in der Praxis meist als wenig relevant heraus, sagt die Soziologin. Die Erfahrung erster Umsetzungen zeige, dass das Nebeneinander von Büro- und Reinigungsjobs durchaus koordinierbar sei.

Allerdings würde die Tagesreinigung für viele Beschäftigte auch als unangenehm empfundene Aspekte mitbringen. Die Verdrängung an die Randzeiten ist auch Ausdruck eines Machtverhältnisses, das durch die Rückkehr zur Tagesarbeitszeit offenbar wird. „Viele der Betroffenen sind nicht darauf vorbereitet, Kontakt mit Kund:innen zu haben“, beschreibt die Soziologin. „Zudem spiegelt sich die soziale Ungleichheit oft in den Interaktionen wieder.“ Interviews und teilnehmende Beobachtung der Forschenden zeigten, dass Reinigungskräfte oft ignoriert oder abwertend behandelt werden.

Einen Kulturwechsel anstoßen

Vorbild für die Etablierung der Tagesreinigung ist Norwegen, wo Sardadvar zu diesem Thema geforscht hat. „An der Situation in Norwegen zeigt sich etwa, wie wichtig es ist, dass die öffentliche Hand mit ihren Organisationen vorangeht und einen Kulturwechsel anstößt“, sagt die Soziologin. „Aber auch hier ist die Umstellung auf die Reinigung zu Bürozeiten ein langer Prozess.“ Sowohl Büroangestellte als auch Reinigungskräfte müssten ihre Einstellungen und Verhaltensweisen anpassen.

In der Pflege hingegen resultiert die Problematik, dass die Tagesrhythmen der Patient:innen zu geteilten Diensten führen, auch aus einem überzogenen Effizienzanspruch. „Das Pflegesystem finanziert Tätigkeiten wie Waschen oder die Essensausgabe, nicht aber menschliche Bedürfnisse sozialer Natur wie Plaudern, Spielen oder Spazierengehen“,  betont Sardadvar. Die Untersuchung zu neuen Arbeitsmodellen für die Pflege führte die Soziologin nach Schweden, wo vorwiegend mit geblockten Diensten gearbeitet wird. Anstelle der geteilten Dienste arbeitet das Pflegepersonal also längere Zeit am Stück, was sowohl einer flexibleren Aufteilung der Tätigkeiten über den Tag hinweg als auch einer sozialen Beschäftigung mit den Patient:innen entgegenkommt.

Während in der Pflege die Zahl der geteilten Dienste oft vertraglich limitiert ist, fehlen solche Regulierungen in der Reinigungsbranche weitgehend. Ein Ansatzpunkt für den Wandel sind also auch Kollektivverträge und sozialpartnerschaftliche Übereinkommen, betont die Wissenschaftlerin. Beispielsweise könnten die Zeiten, in denen Aufschläge bezahlt werden, ausgedehnt werden, um Anreize für die Tagesreinigung zu geben. Sardadvar: „Basis für jede Veränderung ist allerdings, dass das Phänomen der geteilten Dienste mehr Aufmerksamkeit bekommt und tatsächlich als Teil einer strukturellen Benachteiligung erkannt wird, die besonders Frauen und Migrantinnen trifft.“

Zur Person

Karin Sardadvar ist Wissenschaftlerin am Institut für Soziologie und Empirische Sozialforschung der Wirtschaftsuniversität Wien. Sie unterrichtet in den Bereichen qualitative Forschungsmethoden, Arbeit und Geschlecht sowie zukunftsfähiges Wirtschaften. Das von 2018 bis 2024 laufende Projekt „Fragmentierungen des Arbeitslebens durch geteilte Dienste (SPLITWORK)“ wurde im Rahmen des Elise-Richter-Programms des Wissenschaftsfonds FWF mit 332.000 Euro gefördert. Im Studienjahr 2024/25 ist Sardadvar Gastprofessorin für interdisziplinäre Geschlechterforschung an der Universität Potsdam.

Publikationen

Sardadvar K., Reiter C.: Von den Tagesrändern zu den Geschäftszeiten: Potenziale und Herausforderungen einer Umstellung auf Tagreinigung, in: Zeitschrift für Arbeitswissenschaft Vol. 78, 2024

Sardadvar K., Reiter C.: Neither work nor leisure: temporalities and life world realities of split shift work in the Austrian care sector, in: Culture and Organization 2023
 

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