Die Mitglieder des Rates der Europäischen Union sitzen am runden Tisch bei einer Tagung im Europagebäude.
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Der am Freitag bei der Sondertagung des Europäischen Rates am Tisch liegende Plan für den neuen langfristigen EU-Haushalt enthält eine Enttäuschung für die europäische Spitzenforschung: der Haushaltsvorschlag des Präsidenten des Europäischen Rates, Charles Michel, sieht vor, dass das Kernbudget für Forschung und somit für Innovation zum ersten Mal nicht erhöht wird.

Von den ursprünglichen Ambitionen von 120 Milliarden Euro im Lamy-Bericht 20171, den 94 Milliarden Euro für Forschung und Innovation im Vorschlag der EU-Kommission aus 2018 bleiben im aktuellen Haushaltsvorschlag des Präsidenten des Europäischen Rates aktuell 86 Milliarden Euro übrig. Beim Wissenschaftsfonds FWF stößt der vorliegende Haushaltsvorschlag auf Unverständnis. „Während sich Politik und Gesellschaft auf das Engagement und die Fähigkeiten der Forschenden in ganz Europa verlassen, um die globale Pandemie in den Griff zu kriegen und Europa auf unerwartete künftige Herausforderungen vorbereiten, dämpft der Vorschlag das Zukunftspotenzial Europas,“ so FWF-Präsident Klement Tockner. Und das in einer Phase, in der sich Europa in einem grundlegenden Transformationsprozess in Richtung Digitalisierung und Nachhaltigkeit befindet. Schon jetzt kann eine beträchtliche Anzahl herausragender Forschungsprojekte sowohl national und als auch auf europäischer Ebene nicht umgesetzt werden. Schlagen die Europäischen Staats- und Regierungschefs den nun am Tisch liegenden Weg ein, schränken sie Europas Möglichkeiten, weltweit eine Führungsposition in der Spitzenforschung einzunehmen, deutlich ein.

Forschung und Innovation benötigen eine ausgewogene Unterstützung. Neben kurzfristig notwendigen Ergebnissen liegt eine besondere Verantwortung in der Forschungspolitik, schon heute für künftige Herausforderungen vorzubauen und der nächsten Generation von Forschenden vielversprechende Perspektiven zu geben. Gerade Schlüsseltechnologien, die Europas Wirtschaft ankurbeln und die gesellschaftliche Transformation begleiten, sind das Ergebnis einer langfristig ausgerichteten, öffentlich finanzierten Grundlagen- und Spitzenforschung. Die Tatsache, dass so viele Behandlungsmethoden und potenzielle Impfstoffe für Covid-19 jetzt weltweit in Rekordtempo entwickelt werden, ist Ergebnis der Grundlagenarbeit von Generationen von Forschenden. Mit dem vorliegenden Haushaltsvorschlag würde Europa die Gelegenheit verpassen, diese Erfolgsgeschichte fortzuschreiben. 

Die Förderungsmittel der Europäischen Union zählen neben den Mitteln des Wissenschaftsfonds FWF zu den Grundpfeilern in der Finanzierung der nationalen Spitzenforschung. Österreich strebt an, zu den führenden Innovationsländern Europas wie der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark oder Schweden aufzuschließen2.  Daher setzt sich der Wissenschaftsfonds FWF gemeinsam mit seinen europäischen Partnerorganisationen dafür ein, nicht nur die nationalen, sondern auch das europäische Forschungsförderungssystem weiter auszubauen. Nur so kann Europa weiterhin eine führende Rolle in Wissenschaft und Innovation in der Welt einnehmen und somit langfristig unseren Wohlstand und unser Wohlergehen sichern.

1 Im Jahr 2017 empfahl eine unabhängige hochrangige Expert/innen-Gruppe die Verdoppelung des Budgets für das Forschungs- und Innovationsprogramm der EU nach 2020 als "die beste Investition, die die EU tätigen kann". Der Bericht stellte fest, dass das Programm mindestens "ein Siebenjahresbudget von mindestens 120 Milliarden Euro" haben sollte, http://ec.europa.eu/research/evaluations/pdf/archive/other_reports_studies_and_documents/hlg_2017_report.pdf

2 Wie der jüngste Bericht zur wissenschaftlichen und technologischen Leistungsfähigkeit Österreichs 2020 des Rates für Forschung- und Technologieentwicklung (RFTE) zeigt, investieren diese Länder ein Mehrfaches in die wettbewerbliche Grundlagenforschung als Österreich.

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