Das Zukunftskolleg iStOMPS wird geleitet von Valentina Shumakova, Hongtao Hu und Sebastian Mai (v.l.n.r.) und verwendet Laser-basierte Experimente (o.l.) und Computer-Simulationen (o.r.) zur Entwicklung einer neuen Spektroskopie, die spezifisch Wechselwirkungen mit dem magnetischen Feld von Licht misst. Mit diesem neuen Tool wären in Zukunft völlig neue wissenschaftliche Entdeckungen möglich. © TU Wien, Markus Oppel, Sebastian Mai

Eine Sonderdotierung der Nationalstiftung ermöglichte in den letzten Jahren die Finanzierung von Zukunftskollegs – jener Förderschiene des FWF, die interdisziplinären Teams von Postdocs in den Anfängen ihrer wissenschaftlichen Karriere ermöglicht, selbstständige Forschung aufzubauen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist diese Dotierung ausgelaufen und die Fortführung des Programms 2021 und in den Folgejahren ungesichert. Ein Blick auf zwei aktuell bewilligte Projekte zeigt, welcher Mehrwert sich gerade durch die Interdisziplinarität ergeben kann. 

Die Zukunftskollegs spielten innerhalb des FWF-Portfolios eine besondere Rolle: Neben der Förderung von Postdocs liegt der Fokus auf Interdisziplinarität. Junge Forschende nehmen sich Themen an, die gerade aus der kooperativen Forschung und den unterschiedlichen Ansätzen der jeweiligen Disziplinen neue und fruchtbare Impulse für die Zukunft bringen können. Kamen die Themen der ersten beiden Calls vor allem aus den Lifesciences, so wurden nun zwei Zukunftskollegs aus den Bereichen Kunst/Philosophie und Physik/Chemie bewilligt.   

Spektroskopie neu entdeckt

Licht besteht aus elektromagnetischen Wellen. Das sichtbare Licht nimmt dabei nur einen kleinen Teil des gesamten elektromagnetischen Bereichs ein. Unterschiedliche Materialien reagieren zudem sehr unterschiedlich auf Licht. Die Spektroskopie macht sich diese Wechselwirkung zwischen Licht und Materie zunutze. Mittlerweile ist sie eines der Hauptinstrumente in Chemie und Physik zur Untersuchung der Eigenschaften von Materialien, Molekülen und Atomen. Die Wechselwirkungen von Materie mit elektrischen Komponenten der elektromagnetischen Lichtwellen sind dabei mehrere hundert Mal stärker als mit den magnetischen. „Deshalb misst man normalerweise in der Spektroskopie den Einfluss des elektrischen Feldes. Wir möchten aber nun den Einfluss des magnetischen Feldes untersuchen“, erklärt Sebastian Mai, Koordinator dieses Zukunftskollegs. Insbesondere bei Materialien, bei denen einige Quantenübergänge gar nicht auf das elektrische Feld reagieren, sollen so ganz neue Erkenntnisse gewonnen werden. Die große Herausforderung für das Team aus Postdocs vom Institut für Photonik der TU Wien und vom Institut für Theoretische Chemie der Universität Wien besteht in der „Ausblendung“ des stark überstrahlenden elektrischen Feldes. Komplizierte Versuchsanordnungen und Techniken sollen dafür sorgen, dass nur das magnetische Feld wechselwirkt. „Wir entwickeln mit unserer Arbeit das Tool, mit dem andere in Zukunft Neues entdecken können“, so Sebastian Mai. Diese Arbeit bildet die Basis für neue Erkenntnisse – etwa in der chemischen Analytik, der Photochemie und der Materialforschung und -entwicklung.

Das Wechselspiel zwischen Improvisation und Ethik

Wie verstehen sich Musikerinnen und Musiker in der Improvisation? Welche sozialen Beziehungen entstehen dabei? Und welche Rolle spielt Ethik in der Improvisation – auch jenseits der Musik? Dieses innovative Zukunftskolleg spannt einen ganzheitlichen konzeptuellen Rahmen auf. Es vereint die praktische musikalische Technik der Improvisation mit den neuesten theoretischen Arbeiten in den Geistes- und Naturwissenschaften: Kunst, Anthropologie und Philosophie suchen gemeinsam eine Antwort auf die Frage: Welche Bedeutung spielt Ethik in der Improvisation – in der Musik, aber auch darüber hinaus im sozialen Leben? Dabei legen die Forschenden ein flexibles Bild der Ethik zugrunde. „Menschen gehen gewöhnlich davon aus, dass sie sich bewusst und rational an ethische Normen als mehr oder weniger feste Regeln halten. Dieses Projekt zielt auf ein alternatives Verständnis ethischer Prozesse ab“, erklärt der Koordinator des Zukunftskollegs Christopher Williams von der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz. Improvisation und Ethik haben viel gemein: Ethische Fragen stellen sich in unserem Leben überall und jederzeit. Ebenso improvisieren wir in unserem Alltag stets in der Bewältigung unserer Herausforderungen. Beides geschieht so selbstverständlich, dass es meist unbemerkt bleibt. Bei diesem Zukunftskolleg wird eine praktische Anwendung untersucht, wo gerade diese beiden Komponenten unverkennbar im Vordergrund stehen: die experimentelle, improvisierte Musik. In sieben Begegnungen mit führenden improvisierenden Musikensembles werden die Forschenden experimentieren und analysieren. So soll eine neue Perspektive auf die ethische Bedeutung der Improvisation im sozialen Leben auch jenseits von Musik und Kunst gelegt werden.

Der Komponist und Kontrabassist Christopher Williams der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz untersucht in einem interdisziplinären Team mit der Anthropologin Caroline Gatt der Universität Graz und dem Philosophen Joshua Bergamin der Universität Wien die Frage, welche ethische Bedeutung Improvisation im sozialen Leben hat – dabei legt er den Fokus auf eine praktische Anwendung: die Improvisation in Musikensembles.

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