Den Traum, andere Planeten zu besiedeln, teilen viele. Ein Realitäts-Check zeigt jedoch, dass die Menschheit davon noch meilenweit entfernt ist. Gleichzeitig rückt eine permanente Präsenz auf dem Mond in greifbare Nähe. Bei der Veranstaltung AM PULS des Wissenschaftsfonds FWF warfen Geophysiker Günter Kargl und Kosmonaut Franz Viehböck einen genauen Blick auf den Ist-Zustand und die technologischen Grenzen.

Für redaktionelle Zwecke bei Nennung der Quelle kostenfrei. © FWF/Christine Mies

Vermutlich konnte sich 1961 nur ein Bruchteil der Menschheit vorstellen, dass acht Jahre später mit Neil Armstrong und Buzz Aldrin die ersten Astronauten den Mond betreten sollten. Heute verhält es sich mit den Fragen wo, wie und wann die ersten Menschen ihre Zelte auf einem anderen Himmelskörper aufschlagen werden sehr ähnlich. Die entsprechenden Ideen und Anstrengungen reichen vom nahen Mond, über den weit entfernten und lebensfeindlichen Mars bis zu noch unerforschten Exoplaneten. Das Ziel, auf „unserem“ Mond eine dauerhafte, bemannte Forschungsstation zu errichten, könnte tatsächlich in naher Zukunft Realität werden. Einen zentralen Schritt in diese Richtung markiert die Einrichtung einer Raumstation in der Mondumlaufbahn, die „Lunar Gateway“. Die NASA ist dabei federführend, kooperiert aber in punkto Entwicklung und Realisierung eng mit verschiedenen Weltraumorganisationen, wie etwa der Europäischen Weltraumorganisation ESA.

„Wissenschaftlich gesehen ist die Installierung der Raumstation der nächste logische Schritt. Das langfristige Ziel sieht ja vor, eine dauerhaft besetzte Forschungsstation am Mond einzurichten. Für den Lunar Gateway, also eine Art Weltraumbahnhof in der Mondumlaufbahn, sind die Planungen schon sehr konkret und auch die heimische Forschung ist mit Messinstrumenten beteiligt“, erklärt der Geophysiker und Planetologe Günter Kargl vom Institut für Weltraumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Graz. Im restlos ausverkauften Theater Akzent sprachen er und der österreichische Kosmonaut Franz Viehböck auf Einladung des Wissenschaftsfonds FWF zum Thema „50 Jahre Mondlandung und die Besiedelung von Planeten“ über ihre Erfahrungen und Einschätzungen, wie es in Zukunft weitergehen könnte.

Der Mond: Mehr als ein Zwischenstopp

Auch der ehemalige Kosmonaut Franz Viehböck, der 1991 im Rahmen der Mission „Austromir-91“ acht Tage im Weltall verbrachte, kann sich vorstellen, dass schon in wenigen Jahren der nächste Schritt hin zu einer bemannten Forschungsstation am Mond gelingt. Für beide Experten hat der Mond bis heute, wie für viele, nichts an Faszination eingebüßt: So betonte etwa Kargl, der schwerpunktmäßig die Oberflächenbeschaffenheit von Planeten erforscht, „dass die Menschen noch weit davon entfernt sind, alle Hausaufgaben in punkto Mond gemacht zu haben.“ Als Geophysiker hob er zudem hervor, dass das Erde-Mond-System eine einzigartige Konstellation, und der Mond ein Ziel mit eigener Qualität sei.

Andere sehen den Mond hingegen vorrangig als Zwischenstation, um sich für Exotischeres wie den Mars vorzubereiten. Die Anstrengungen der Weltraumorganisationen, den Mars zu erreichen, reichen bis in die 1960er-Jahre zurück. Allein der extrem lange Weltraumflug ist mit Blick auf die Belastungen für die Astronautinnen und Astronauten trotzdem nach wie vor eine komplexe, ungelöste Problemstellung. Zwar wecken Berichte, etwa vom US-amerikanischen Raumfahrtunternehmen SpaceX den Anschein, dass die Menschheit nicht mehr weit davon entfernt ist, andere Planeten zu besiedeln – am Boden der Realität ist die Dauer der Weltraumreise aber längst nicht das einzige Hindernis, wie die Diskussion aufzeigte.

Viele ungelöste Probleme

Was die Besiedlung anderer Planeten betrifft, kann dies nach Einschätzung der beiden Experten gut und gern noch einer Zeitspanne von mehreren hundert Jahren entsprechen. Die Schwierigkeiten beginnen bei der erwähnten extrem langen Flugdauer von bis zu einem Jahr pro Richtung: Anschaulich erzählte Franz Viehböck anhand von Original-Videomaterial, worauf man sich bei einem Aufenthalt im Weltall einstellen muss. Die Aufnahmen veranschaulichten sehr deutlich, vor welche Herausforderungen die beteiligten Raumfahrerinnen und Raumfahrer der normale Alltag und die Erfüllung von Grundbedürfnissen wie schlafen, essen, verdauen, trinken oder waschen stellt. „Man muss für so lange Flüge sehr viel berücksichtigen“, betont Viehböck, „und für die Besiedelung anderer Planeten ist noch einiges mehr nötig. Der menschliche Aspekt darf dabei nie vergessen werden.“

Das betrifft auch die noch ungelöste Frage, wie sich kosmische Strahlung langfristig auf den menschlichen Organismus auswirkt. Auch technologisch liegen, trotz aller Euphorie, noch viele offene Fragen vor, wie die beiden Experten anhand von Beispielen zeigen: Etwa, dass fehlertolerante Systeme noch nicht vorhanden sind, die oft übersehene Nicht-Kombinierbarkeit von Technologien, die Frage der Langzeitspeicherung von Daten, ungeeignete Fallschirmtechnologien oder die Tatsache, dass derzeit nur Objekte bis zu einer Tonne, das entspricht einem Kleinwagen, auf anderen Oberflächen abgesetzt werden können. „Zwar hat sich technologisch seit der ersten Mondlandung sehr viel getan. In punkto Antriebsmethoden haben wir uns aber kaum weiterentwickelt. Um andere Planeten schneller zu erreichen, sind leistungsfähigere Technologien nötig“, ergänzt Viehböck.

Erhalten statt umbauen

Auch die umstrittene Theorie des „Terraforming“, war Thema bei AM PULS. Das bedeutet, andere Planeten bzw. den Menschen so umzubauen, dass ein Leben außerhalb der Erde möglich ist. „Einen Planeten derart umzubauen, ist eine hochkomplexe Angelegenheit. Ich sehe keine technologischen Ideen oder gar Durchbrüche, dass dies halbwegs realistisch sein könnte“, sagt Kargl. Und Viehböck argumentiert, dass „wir das Geld nutzen könnten, um die Erde durch Innovation wieder in einen Zustand zu bringen, wo es sich nachhaltig und langfristig gut leben lässt.“ Die Suche nach lebensfreundlichen Planeten geht indes weiter. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung ist das 1. Weltraumteleskop CHEOPS, das am 17. Dezember 2019 in die Erdumlaufbahn geschossen werden soll und die nähere Charakterisierung anderer Planeten ermöglicht. Bis dato sind andernorts jedenfalls noch keine annähernd so lebensfreundlichen Bedingungen wie auf der Erde entdeckt worden – ob es eine echte Alternative überhaupt gibt, ist Spekulation und liegt sprichwörtlich in den Sternen.




Im Dialog mit der Öffentlichkeit

Die Veranstaltungsreihe AM PULS ist eine Initiative des Wissenschaftsfonds FWF. Das Wissenschaftsformat lädt seit 2007 die Bevölkerung zum Dialog mit der Wissenschaft. Renommierte Forscherinnen und Forscher berichten bei AM PULS aus ihrem Arbeitsalltag, über neue Methoden und Erkenntnisse und vermitteln dabei die Bedeutung der Wissenschaft für die Gesellschaft. Die Themen der Reihe spiegeln die Vielfalt der vom FWF geförderten Projekte aus der Grundlagenforschung wider und reichen von der Weltraumforschung über Krebstherapie bis zu Datenschutz und Archäologie.


Terminvorschau

Die nächste AM-PULS-Veranstaltung zum „Ökologischen Fußabdruck“ findet am Montag, den 17. Februar 2020 im Theater Akzent in Wien statt. Der Eintritt ist frei. Anmeldung erforderlich: bauder(at)prd.at.
 
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Institut für Weltraumforschung IWF,Graz

Über Franz Viehböck

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