Schönheit liegt im Auge des Betrachters, so lautet eine gängige Meinung. Doch sie ist nur eine Wahrheit von mehreren, wie aktuelle Forschungen zu dem Thema zeigen. Was Schönheit ausmacht, warum sie uns guttut und wann sie zum Problem werden kann, darüber haben der Psychologe Helmut Leder von der Universität Wien und der plastische Chirurg Artur Worseg bei der Veranstaltung AM PULS des Wissenschaftsfonds FWF diskutiert.

Prim. Univ. Doz. Dr. Artur Worseg, Moderatorin Mag.a Birgit Dalheimer, Prof. Dr. Helmut Leder

 

Am häufigsten suchen junge Menschen im Alter von 18 bis 30 Jahren die Privatklinik von Artur Worseg in Wien auf, um sich Nasen, Brüste und Lippen verschönern oder – bei Männern öfters – unliebsame „Schwimmreifen“ entfernen zu lassen. Der plastische Chirurg ist seit Jahrzehnten erfolgreich im Geschäft mit der Schönheit und dementsprechend oft wird ihm die Frage gestellt, was sie für ihn bedeute. „Je länger ich darüber nachgedacht habe, umso schwieriger ist es für mich geworden, eine Antwort darauf zu finden“, gesteht der Mediziner bei der Diskussionsveranstaltung AM PULS am 29. Mai 2019 im Wiener Theater Akzent. Aus seiner langjährigen Erfahrung weiß Worseg jedoch, dass Schönheit weniger eine Frage des idealen Maßes ist als vielmehr eine des subjektiven Empfindens. Wobei Letzteres zu sehr auf äußere Werte setze, wie Artur Worseg anmerkt. Soeben ist sein erstes Buch erschienen, in dem der Chirurg nach 25 Jahren Berufserfahrung einen äußerst selbstkritischen Blick auf seine Branche und den Schönheitswahn wirft, „der heute stärker ist als je zuvor“.

Schönheit beeindruckt

Schönheit steht in der Regel für Erfolg und schönen Menschen werden Attribute zugeschrieben, die sie nicht immer haben. Dieser sogenannte Halo-Effekt wird laut Worseg von vielen bewusst eingesetzt, auch wenn er allzu oft rasch verblasse. Insgesamt hätten viele der Patientinnen und Patienten, die zu ihm kommen, zu hohe Erwartungen an einen chirurgischen Eingriff und eher psychologische Probleme wie etwa mit dem Selbstwertgefühl, an denen eine Operation nichts ändern werde, erklärt der Mediziner. Gerade bei jungen Menschen könne sich dieses emotionale Bild ändern. „Wir empfehlen daher oft, abzuwarten und schicken die Leute wieder weg.“ Viele würden es ihnen später danken.

Die vielen Seiten der Schönheit

Was schön ist, ist also einerseits eine Frage des individuellen Geschmacks, dieser kann sich jedoch über die Jahre ändern, Werte verschieben sich. Gleichzeitig gibt es so etwas wie einen angeborenen Sinn für Schönes, der sich je nach Bedarf ein- und ausschalten lässt und zum Beispiel für die Fortpflanzung und unsere Beziehungen wichtig ist. Schön ist auch, was man liebt. – „Dieser Wiederholungseffekt ist sehr wirkmächtig und die Voraussetzung für stabile Beziehungen“, betont der Wahrnehmungspsychologe Helmut Leder von der Universität Wien im Gespräch mit dem Publikum. Der Forscher beschäftigt sich mit der Frage, was Menschen schön finden, welche Bedeutung Schönheit hat und welche kulturellen Unterschiede es in der Wahrnehmung des Schönen gibt.

Der Sinn für Schönes steckt in uns

„Schönheit löst positive Emotionen aus und produziert kleine Dosen von Glück“, weiß der Forscher. Am Institut für Psychologische Grundlagenforschung konnte Leder empirisch zeigen, wie Schönheit den Blick des Betrachters anzieht. In Tests mit Kameras, die die Augenbewegungen aufzeichnen, zeigte sich, dass die Testpersonen immer auf das Gesicht länger blicken, das attraktiver erscheint. Dass solche Glückserlebnisse durchaus essenziell sein können, ist aus der Geschichte bekannt. Selbst Holocaustgefangene haben versucht, den Sinn für das Schöne lebendig zu halten, um die demütigenden und entmenschlichenden Erfahrungen in den Lagern zu überstehen.

Universeller Idealtyp

Wie genau nun der Schönheitssinn funktioniert, der sich wohl evolutionär entwickelt hat, haben die Forscherinnen und Forscher um Leder als nächstes untersucht und festgestellt, dass es so etwas wie einen inneren Prototyp gibt. Dieser entspricht einem symmetrischen Durchschnittsgesicht, einem universellen Idealtyp also. Die Forscher haben herausgefunden, dass wir die Schönheit von  Gesichtern danach beurteilen, wie stark sie von diesem idealen Prototyp abweichen.




Schöne täuschende Online-Welt

Und hier lauert auch die Gefahr in der heutigen Zeit der Selbst-Inszenierung über die Sozialen Medien, sind sich beide Experten einig. Kontaktanbahnungen erfolgen online, hier zählt der erste Eindruck, der oft trügt und großen Druck erzeuge. Wenn der eigene (uralte) Prototyp mit künstlich verschönerten Fotos gefüttert wird, werden diese automatisch als „reales“ Gesicht erkannt und abgespeichert. „Das macht etwas mit uns, selbst wenn wir wissen, dass die Bilder nicht echt sind, und kann dazu führen, dass ich mich selbst und andere für unschön halte“, sagt Leder. Ob es schöne Menschen immer leichter im Leben haben, bezweifelt der Psychologe jedoch. Das habe nicht so große Effekte, wie sich das mancher wünscht. Für ein intaktes Sozialleben und ein gesundes Selbstverständnis braucht es Werte wie Vertrauen und Selbstliebe. Wahre Schönheit kommt also auch von innen.

Im Dialog mit der Öffentlichkeit

Die Veranstaltungsreihe AM PULS ist eine Initiative des Wissenschaftsfonds FWF. Das Wissenschaftsformat lädt seit 2007 die Bevölkerung zum Dialog mit der Wissenschaft. Renommierte Forscherinnen und Forscher berichten bei AM PULS aus ihrem Arbeitsalltag, über neue Methoden und Erkenntnisse und vermitteln dabei die Bedeutung der Wissenschaft für die Gesellschaft. Die Themen der Reihe spiegeln die Vielfalt der vom FWF geförderten Projekte aus der Grundlagenforschung wider und reichen von der Weltraumforschung über Krebstherapie bis zu Datenschutz und Archäologie.

 

Terminvorschau

Die nächste AM-PULS-Veranstaltung zum Thema „Autonomes Fahren“ findet am Montag, den 14. Oktober 2019 im Theater Akzent in Wien statt. Der Eintritt ist frei. Anmeldung erforderlich: bauder(at)prd.at
 
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