Wird die moderne Gentechnik bald Mammuts wiederauferstehen lassen? Können sich in Zukunft Eltern ihren Nachwuchs nach Wunsch designen? Was können künstlich modifizierte Bakterien? Wie ist der Stand der Wissenschaft jenseits medialer Hypes tatsächlich und wird auch kommen, was technisch möglich ist? Darüber diskutierten der Biologe und Gründer von „Biofaction“ Markus Schmidt sowie der Molekularbiologe und Experte für den Zusammenhang von Technikentwicklung und gesellschaftlicher Wahrnehmung Helge Torgensen bei der Veranstaltung AM PULS des Wissenschaftsfonds FWF. Ihr Fazit: Es braucht eine internationale Debatte und ein Bekenntnis der globalen Gemeinschaft.

Dr. Markus Schmidt, Dr. Helge Torgersen, Moderatorin Mag.a Birgit Dalheimer

Für redaktionelle Zwecke bei Nennung der Quelle kostenfrei. © FWF/Michèle Pauty

 

Im November 2018 verkündete der chinesische Genetiker He Jiankui in einem zweiminütigen TV-Bericht, von ihm genmanipulierte Menschen seien zur Welt gekommen: Zwillingsmädchen, die nach Bearbeitung des Erbguts mit der Genschere CRISPR/Cas9 resistent gegen das HI-Virus sein sollen. Niemand weiß, ob ihm das tatsächlich gelungen ist, denn eine präzise Dokumentation der Studien sowie eine begutachtete Publikation in einem Fachjournal gibt es nicht. Die weltweite Empörung der Fachwelt war groß und chinesische Behörden ermitteln inzwischen gegen den angeklagten Wissenschaftler, der erstmals direkt in die menschliche Evolution eingegriffen haben soll.

Tabubruch

Warum war der Aufschrei so groß? Die Technik des sogenannten „Genome Editing“, dem gezielten Umschreiben jeglicher Erbinformation, wird bereits seit Jahren erfolgreich bei Pflanzen, Tieren und auch bei menschlichen Embryozellen angewandt. „Hier hat ein Wissenschaftler ein Tabu gebrochen“, sagt Markus Schmidt, Gründer von „Biofaction“, des in Wien ansässigen Unternehmens für Forschungs- und Wissenschaftskommunikation bei der Veranstaltung AM PULS am 3. April 2019. Bisher wurden derartige Experimente bei menschlichen Embryonen nur in der Petrischale durchgeführt, sie wurden nicht eingepflanzt. Mit gutem Grund: Ein Eingriff in die Keimbahn führt zu irreversiblen genetischen Veränderungen, die von einer zur nächsten Generation weitergegeben werden. Die Folgen solcher Eingriffe können zurzeit in keiner Weise eingeschätzt werden. Selbst die Erfinderin der Genschere Emmanuelle Charpentier nennt einen Einsatz dieser Technik in der menschlichen Keimbahn „unverantwortlich“. Keimbahntherapie ist international ein Tabu. „Hu hat mit seiner Vorgehensweise ohne Dokumentation und Publikation außerdem der Reputation der Wissenschaft geschadet“, nennt Schmidt einen weiteren Grund für die Auflehnung in der Scientific Community.

Realisierung von Nutzen und Akzeptanz abhängig

Vor kurzem gelang Schweizer Forschern, das Genom eines Bakteriums komplett am Computer zu erzeugen. Dass über künstlich modifizierte Bakterien wenig debattiert wird, erklärt Helge Torgensen damit, dass sie weder sichtbar sind, noch direkt über die Nahrung aufgenommen werden. Dass Mammuts und Designerbabys größere mediale und gesellschaftliche Aufmerksamkeit erzeugen, liegt seiner Ansicht nach mehr an der Emotionalität der Themen als an einer tatsächlichen Realisierbarkeit. „Nur was wirtschaftlich und ökologisch von Nutzen ist und gesellschaftlich auf Akzeptanz stößt, hat eine realistische Chance auf Realisierung“, gibt sich Torgensen zurückhaltend. Mammuts und Designerbabys, wie sie in Schreckensszenarien gezeichnet werden, zählt er nicht dazu und veranschaulicht an einem Beispiel die Komplexität des Lebens: „Die Körpergröße ist genetisch bestimmt. 600 Gene sind zu einem Fünftel dafür verantwortlich, wie groß jemand wird. Die Idee, an ein paar Genen zu drehen und man bekommt Basketballspieler, ist also absurd.“

Moratorium

Nach dem Sündenfall He Jiankui fordern 18 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus sieben Ländern ein weltweites Moratorium: Auf Forschung in der klinischen Anwendung, wie etwa die Keimbahntherapie beim Menschen, soll für die nächsten fünf Jahre freiwillig verzichtet werden. Der Forschungsfokus soll stattdessen auf die Risiken dieser Therapien gelegt und eine globale Debatte geführt werden. Torgensen sieht diese Diskussion als alternativlos aber nicht hinreichend: „Eine Debatte wird in China anders laufen als in Schweden oder Österreich. Man kann kulturelle Kontexte nicht über einen Kamm scheren“, gibt er zu Bedenken. Wichtiger findet der Experte vom Institut für Technikfolgenabschätzung der ÖAW die Diskussion in der Scientific Community und in der Politik. Einen Mangel an ethischer Debatte ortet er nicht, aber man müsse die Ergebnisse der Diskussionen der vergangenen 30 Jahre auf ihre Relevanz für heute untersuchen. „Was vor 40 Jahren aufgeregt hat, wie Retortenbabys oder das Klonen von Tieren, ist heute in die Gesellschaft eingebettet. Wir diskutieren jetzt über andere technische Möglichkeiten.“

Die Diskussion ist nicht mehr fiktiv

Beide Wissenschaftler auf der Bühne des Wiener Theater Akzent waren sich einig, dass das Vorgehen des chinesischen Genetikers die Debatte beschleunigt habe: „Er hat klar gemacht, was möglich ist und dass es Menschen gibt, die es machen“, sagt Schmidt. Damit sei die Diskussion nicht mehr fiktiv.




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Vortrag Helge Torgersen(pdf, 2.6MB)

Im Dialog mit der Öffentlichkeit

Die Veranstaltungsreihe AM PULS ist eine Initiative des Wissenschaftsfonds FWF. Das Wissenschaftsformat lädt seit 2007 die Bevölkerung zum Dialog mit der Wissenschaft. Renommierte Forscherinnen und Forscher berichten bei AM PULS aus ihrem Arbeitsalltag, über neue Methoden und Erkenntnisse und vermitteln dabei die Bedeutung der Wissenschaft für die Gesellschaft. Die Themen der Reihe spiegeln die Vielfalt der vom FWF geförderten Projekte aus der Grundlagenforschung wider und reichen von der Weltraumforschung über Krebstherapie bis zu Datenschutz und Archäologie.

 

Terminvorschau

Die nächste AM-PULS-Veranstaltung zum Thema „Anziehungskraft Schönheit“ findet am Mittwoch, den 29. Mai 2019 im Theater Akzent in Wien statt. Der Eintritt ist frei. Anmeldung erforderlich: bauder(at)prd.at
 
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