Vor 26 Jahren wurde der „ökologische Fußabdruck“ entwickelt. Nach wie vor ist der Nachhaltigkeitsindikator eine wichtige und hilfreiche Größe. Um gezielte Maßnahmen setzen zu können, versucht die Forschung, die Umwelteffekte von globalen Produktionsketten zu messen. Mangelnde Transparenz ist dabei ein Kernproblem. Diese gesamtgesellschaftliche Herausforderung erfordert, dass alle Beteiligten einen Teil der Verantwortung übernehmen.

Die Klimadebatte ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, so auch im Lebensmittelhandel. Immer öfter zieren CO2- Labels mit Schlagworten wie „klimaneutral“, „CO2-neutral“ oder das „Carbon-Trust-Klimalabel“ mit dem symbolträchtigen Fußabdruck die Verpackungen. Ist das für Konsumenten noch durchschaubar? Sind Maßnahmen wie diese in punkto Nachhaltigkeit sinnvoll, oder bloß Marketing? Und: Welche Bedeutung wird dem „ökologischen Fußabdruck“, der 1994 entwickelt wurde, noch beigemessen? Wie sich dies aus Sicht von Forschung und Lebensmittelhandel darstellt, wurde bei AM PULS, dem Diskussionsforum des Wissenschaftsfonds FWF, am 17. Februar 2020 in Wien diskutiert. Die Forschungsperspektive vertrat Stefan Giljum, Experte für ökologische Ökonomie und industrielle Ökologie an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU). Sein Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich der globalen, nachhaltigen Ressourcennutzung wozu er seit 2013 eine Forschungsgruppe an der WU leitet. Die Perspektive des Lebensmittelhandels nahm Tanja Dietrich-Hübner, Leiterin der Stabsstelle Nachhaltigkeit der Rewe International, ein. Sie ist zudem Vorstandsmitglied der „ARGE Gentechnik-frei“, die sich für gentechnikfreie Lebensmittel in Österreich einsetzt und seit 1998 das Qualitätszeichen „Gentechnik-frei erzeugt“ vergibt.

Schwer durchschaubare Produktionsketten 

Eine der zentralen Herausforderungen in Sachen Nachhaltigkeit betrifft den weltweit rasant wachsenden Ressourcenverbrauch. „Seit den 1970ern hat er sich verdreifacht und erreicht heute weltweit mehr als 90 Milliarden Tonnen jährlich. Dementsprechend nehmen die damit zusammenhängenden Umwelteffekte zu und auch der ökologische Fußabdruck vergrößert sich“, erklärt Stefan Giljum. Der Konsum – von Lebensmitteln bis zu High-Tech-Produkten – ist für diese Entwicklung mitverantwortlich, da im gesamten Lebenszyklus von der Produktion bis zum Verkauf zahlreiche Ressourcen nötig sind. Wie, wodurch und wo kommt es dabei zu negativen Umwelteinflüssen? Angesichts der globalen, hochkomplexen und teils intransparenten Produktionsketten sind Fragen wie diese nicht einfach zu beantworten. Der ökologische Fußabdruck ist nach wie vor ein aussagekräftiger Nachhaltigkeitsindikator, weil er alle Umwelteffekte des (wirtschaftlichen) Handelns entlang der globalen Produktionskette sicht- und messbar macht.

Um besser zu verstehen, wie und wo Ressourcenverbrauch stattfindet, sind laut Giljum die (territoriale) Produktionsperspektive sowie die (globale) Konsum- bzw. Fußabdruckperspektive für den gesamten Lebenszyklus nötig. Giljum verdeutlicht die Komplexität am Beispiel einer Computermaus: Der deutsche Verein „Nager IT“ hat die globalen Produktionsketten dahinter visualisiert und setzt sich für die Produktion fairer Computermäuse ein. „Für die globalen Produktionsketten gängiger Computermäuse sind mehr als 30 Rohstoffe aus 20 Ländern nötig. Je weiter man diese zurückverfolgt, desto deutlicher wird das Problem der Intransparenz, etwa bei Arbeitsbedingungen. Um die globalen Umwelteffekte von solchen Produktionsketten zu bewerten, muss man diese jedoch durchgängig kennen“, erklärt der Forscher.

Fußabdruck zunehmend für globale Fragen genutzt

Die Umwelteffekte für die jeweilige natürliche Ressource (Wasser, Boden, Luft) lassen sich heute mithilfe des Wasser-, Flächen- und CO2-Fußabdrucks getrennt betrachten. So kann etwa für ein Produkt oder eine -kategorie allein der Flächen-Fußabdruck entlang der Produktionskette erhoben werden. Aktuelle Forschungsprojekte wollen mitunter aufzeigen, welche Flächen für bestimmte Konsumprodukte für die EU andernorts verbraucht werden. An den entsprechenden Biomasseflussmodellen für einen EU-Flächen-Fußabdruck wird derzeit geforscht. Ölfrüchte, die zu Biotreibstoffen verarbeitet werden oder in der chemischen Industrie zum Einsatz kommen, oder der Bergbau sind Beispiele dafür. Beim globalen Bergbau wollen die Forschenden dessen direkte und indirekte Umweltfolgen auf die Flächennutzung entlang der Wertschöpfungskette erheben und auch, wie das mit lokalen Umweltproblemen wie etwa mit Wasserknappheit zusammenhängt.

Dahinter steckt das Ziel, herauszufinden, wo die Umwelteffekte besonders gravierend sind und Hotspots zu identifizieren. Diese Grundlagen sind nötig, um zielgerichtet entgegensteuern zu können. Welche Wahrheiten die globale Betrachtung ans Licht bringt, zeigt das Beispiel des CO2-Fußabdrucks. Werden Modelle verwendet, die alle Emissionen entlang der Produktionskette einbeziehen, steigen die „konsumbasierten Emissionen“ um 50 Prozent. „Wir geben einen Teil der Verantwortung für die Umwelteffekte ab, obwohl die Produkte für unseren Konsum produziert werden“, kritisiert der Forscher.

Wirksame Standards statt Labelling

Nachhaltige Produktion sollte alle gesellschaftlichen Akteurinnen und Akteure in die Pflicht nehmen, so der Tenor der Veranstaltung. Bei der Rewe International AG sei Nachhaltigkeit fester Bestandteil der Unternehmensstrategie, wie Tanja Dietrich-Hübner erläutert, und das Maßnahmenbündel ist vielfältig: Weniger Plastikverpackungen, mehr Bio-Produkte, kürzere Transportwege, ein saisonales Sortiment, diverse Aktionen, Aus- oder Umstieg bei umstrittenen Rohstoffen wie Palmöl, Zertifizierungen oder  Programme wie das Pestizidreduktionsprogramm. Was die Produktionsketten betrifft, sei zuletzt bei den Punkten Transport und Energie einiges umgesetzt worden, betont die Nachhaltigkeitsexpertin. Jährlich verpflichtende Gespräche mit allen Produzenten sollen dafür sorgen, dass Standards eingehalten werden. Vereinzelt lassen sich Firmen im Lebensmittelhandel ihre CO2- Bilanz durch Dritte zertifizieren, wie bei der Fleischalternative „Quorn“ aus Großbritannien. Ob dies Konsumenten wirklich hilft, nachhaltiger einzukaufen, ist fraglich. Dietrich-Hübner steht dem Labelling-Dschungel kritisch gegenüber: „Wir bräuchten vergleichbare Parameter sowie akkreditierte Mindeststandards. Wenn es für CO2-Emissionen sowas gibt, kann man sich als Unternehmen danach richten und gegenüber der Konkurrenz auszeichnen.“ Dem Wunsch, dass der Handel mehr Verantwortung übernimmt und wenig nachhaltige Produkte erst gar nicht anbietet, stehen Wahlfreiheit und Gewinnorientierung gegenüber.

Kleine Schritte bringen auch voran

„Man kann trotzdem nicht die ganze Verantwortung für Nachhaltigkeit an die Konsumenten abgeben“, ergänzt Giljum. Bei konventionell erzeugten Produkten ist es besonders schwierig, einzuschätzen, was mehr oder weniger nachhaltig erzeugt wurde. Regionalität, sprich kurze Transportwege, Saisonalität und biologischer Anbau sind laut Giljum die drei wichtigsten Entscheidungskriterien. Als Konsumentin und Konsument kann man durch Veränderungen der Verhaltens- und Ernährungsgewohnheiten jedenfalls etwas erreichen. So werden allein in Österreich rund 45 Prozent der Agrarfläche für den Fleischkonsum genutzt. Der Verzicht oder eine Reduktion von Fleisch ist ebenso ein Weg, wie eine Umkehrung der Ernährungspyramide. Im „kleinen“ Maßstab, ob auf individueller oder Konzernebene, ist es durchaus möglich, einen Beitrag zur Verringerung des ökologischen Fußabdrucks zu leisten und Mitverantwortung zu übernehmen. Für sinnvolle Maßnahmen auf globaler Ebene sind jedoch nicht nur mehr, sondern vor allem unabhängige Forschungsdaten nötig. Das braucht Zeit. Bis dahin heißt es wohl mehr denn je – mitdenken und aktiv werden.

Terminvorschau

Die nächste AM-PULS-Veranstaltung zum Thema „Klima-Engineering – Rettung oder Risiko“ findet am Dienstag, den 21. April 2020 im Theater Akzent in Wien statt. Der Eintritt ist frei. Anmeldung erforderlich: bauder(at)prd.at
 
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