Wolfgang MAZAL

Wolfgang MAZAL

Titel/akad. Grad
Univ.-Prof. Dr. iur.

Website
www.mazal.at  

Schrödinger-Stipendium
J 0373, von 08/1989 bis 07/1990

Ort des Schrödinger-Stipendiums
Deutschland Bayreuth

Forschungsstätte des Schrödinger-Stipendiums
Forschungsstelle für Sozialrecht und Gesundheitsökonomie der Universtät Bayreuth  

Erinnerungen an das Schrödinger-Stipendium
Was mache ich heute
Persönliches / Mein "Credo"

Erinnerungen an das Schrödinger-Stipendium

Ich selbst verbinde mit dem durch das Schrödinger-Stipendium ermöglichten Auslandsaufenthalt ausschließlich positive Erinnerungen: Die Zeit der Ausarbeitung einer Habilitationsschrift, die für viele junge Wissenschafter beruflich und privat zu enormen Belastungen führt, war für mich eine Zeit, in der ich mich - weil beruflich ausschließlich auf das Projekt konzentriert - wissenschaftlich breit interessieren und dennoch auch meiner Familie widmen konnte. Die Aufnahme in der örtlichen Pfarrgemeinde sowie zahlreiche Begegnungen führten zu Freundschaften, die zum Teil bis heute bestehen.

Darüber hinaus hat mich die freundliche Aufnahme in einer offenen scientific community geprägt, Kontakten mit Wissenschaftern innerhalb der eigenen Fachdisziplin sowie aus anderen Disziplinen gegenüber offen zu sein: Wer das gewohnte hierarchisierte Bezugssystem verlässt, kann dessen teilweise Notwendigkeit begreifen, wird aber auch die innere Freiheit und Kraft finden, es zu überwinden.

Dass die Zeit, die meine Familie und ich in Bayreuth verbringen durften, die Zeit des Falls der innerdeutschen Grenze war, die wir in unmittelbarer Nähe zur DDR erleben durften, war eine besondere Fügung: Als junger Sozialrechtler den Wettstreit der Sozial- und Wirtschaftssysteme, ihrer Auswirkungen auf die konkrete Lebenssituationen und damit die Schicksale der Menschen zu erleben, zwingt zur Reflexion des Menschenbildes und der Mechanismen des politischen Diskurses.

Was mache ich heute

Heute bin ich als Universitätsprofessor an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien tätig und kann eine breite Publikations-, Lehr- und Beratungstätigkeit entfalten, die sich mit vielen unterschiedlichen Fragestellungen befasst. Ausgangspunkt dafür war das Schrödinger-Stipendium: Durch das Stipendium war ich in der Lage, meine Habilitationsschrift bald nach meiner Rückkehr fertig zu stellen, sodass ich im März 1991 habilitiert werden konnte. Per 1.10.1992 wurde ich zum (damals außerordentlichen) Universitätsprofessor für Arbeits- und Sozialrecht ernannt, mit Inkrafttreten des UOG 1993 in die Planstellenkategorie eines (ordentlichen) Universitätsprofessors übergeleitet.

Durch die fachlichen Impulse, die ich während des Auslandsaufenthalts erhalten habe, hat sich mein Zugang zu den Rechtswissenschaften verbreitert: Ich widmete mich über die reine Rechtsdogmatik hinaus verstärkt ökonomischen und politischen Fragestellungen und Zusammenhängen, ohne deren Kenntnis - so bin ich heute überzeugt - gerade die Normtexte im Arbeits- und Sozialrecht nicht hinreichend interpretiert werden können. Breite Beratungstätigkeit für Interessenvertretungen, Ministerien, Landesregierungen, Unternehmen, Betriebsräte und Einzelpersonen haben mir vielfältiges betriebswirtschaftliches, volkswirtschaftliches und institutionenbezogene Kenntnisse erschlossen, die in zahlreiche Publikationen sowie in meine umfangreiche Lehrtätigkeit an der juridischen Fakultät der Universität Wien, im Rahmen betriebswirtschaftlicher Ausbildungen an der Universität Wien und an mehreren Fachhochschulstudiengängen eingeflossen sind.

Die medizinrechtlichen Fragen, die ich im Rahmen meiner Habilitation berührt habe, sowie meine langjährige Tätigkeit als Personalvertreter für die Universität Wien, deren Belegschaft zu einem nicht unerheblichen Teil die Ärzte des Allgemeinen Krankenhauses Wien bildeten, haben bald dazu geführt, dass ich mich verstärkt auch rechtlichen Fragen des Spitalsalltags und in weiterer Folge der Bewältigung rechtlicher struktureller Probleme der arbeitsteiligen Medizin widmete. Die Gründung der Fachzeitschrift "Recht der Medizin" im Jahr 1994, deren Schriftleiter ich bis heute bin, schuf dem Medizinrecht das erste stabile wissenschaftliche Forum in Österreich. Lehrtätigkeit an der Medizinischen Universität Wien sowie an der Medizinischen Universität Graz runden diesen Zweig meiner Tätigkeit ab.

Als Schlüsselthemen, denen ich mich in Zukunft zentral zuwenden möchte, sehe ich Fragen der Konfliktbewältigung in der Arbeitswelt und in der Gesellschaft an, weil die Effekte der Globalisierung sowohl die Unternehmen als auch die Sozialsysteme derart massiv unter Druck setzen, dass die Gefahr besteht, dass die individuellen Opfer des Systemwandels so groß werden, dass die gesamtgesellschaftliche Stabilität gefährdet wird, wenn nicht tragfähige Mechanismen der Konfliktlösung entwickelt werden. Zahlreiche Einblicke in die österreichische Situation in Arbeitswelt und im Sozialsystem, sowie zahlreiche und langjährige Forschungskontakte mit Kollegen an Universitäten in osteuropäischen Staaten, in Japan und Südkorea haben mir hier wesentliche Impulse gegeben. Auch meine Tätigkeiten im Rahmen sozialer Reformprojekte (Pensionsreform, Gesundheitsreform) sowie als (ehrenamtlicher) Präsident des Österreichischen Instituts für Familienforschung sind unter dem Blickwinkel zu sehen, gesellschaftliche Prozesse zu begleiten, die die Bewältigung des Wandels individuell zumutbar und gesamtgesellschaftlich möglich machen.

Persönliches / Mein "Credo"

Ausgangs- und Endpunkt jeder normativen Analyse muss ein reflektiertes und offen gelegtes Menschenbild sein: Will man die Jurisprudenz nicht zum Spielball beliebiger Interessen reduzieren, muss sie vor dem Hintergrund einer Vorstellung vom Menschen und seiner Stellung im relevanten sozialen Gefüge gelebt werden. Nur auf diese Weise wird vermieden, dass die Wertungen, die in jede rechtliche Beurteilung unvermeidlich einfließen, in Beliebigkeit abgleiten.

Ich selbst gehe davon aus, dass der Mensch als zoon politikon einerseits zur Individualität berufen ist, dass er aber andererseits seiner Individualität als Mensch nur gerecht werden kann, wenn sie in soziale Bezüge eingebettet gelebt wird. Die Findung einer Balance von Individualbezügen und Gruppenorientierung vor dem Hintergrund der jeweiligen ökonomischen Realität ist für mich die eigentliche Herausforderung der Humanität.

Unter diesem Blickwinkel sehe ich sowohl die Überbetonung der Individualität als auch die Überbetonung der Sozialität als Fehlentwicklungen an: Entscheidend für mich ist, die Spannung zwischen der Eigenverantwortung und Solidarität aufrecht zu erhalten. Diese Spannung ist zum einen als Herausforderung zu sehen, die letztgültig nicht bewältigt werden kann: Ein Zustand totaler Eigenverantwortung bei gleichzeitig totaler solidarischer Absicherung ist uns erst für das Paradies versprochen. Die Spannung ist zum anderen aber auch notwendig, um die gesellschaftliche Entwicklung voranzutreiben: Auch in den Rechtsregeln geronnene Niveaus von Eigenverantwortung bzw von Solidarität müssen verändert werden, wenn Veränderungen der Realität eine Neubestimmung von Eigenverantwortung und Solidarität erfordern.

Diese grundsätzliche Offenheit des Systems gegenüber der Gewinnung immer neuer Balancen stellt vor allem komplexe Sozialsysteme in demokratischen Staaten vor besondere Herausforderungen: Wenn Veränderung vor Populismus kapitulieren muss, kann a la longue die Humanität der Gesellschaft gefährdet sein, weil der Mensch sowohl in Eigenverantwortung leben können als auch auf die Solidarität vertrauen können muss. Beides ist aus meiner Sicht in einer Demokratie nur möglich, wenn eine der jeweiligen Situation adäquate Balance zwischen diesen Polen gefunden wird und die systemimmanenten Defizite gegenüber - immer denkmöglicher - noch größerer Eigenverantwortung und noch größerer Solidarität als Ergebnis eines demokratischen Kompromisses akzeptiert werden.