Zwei Nonnen und Kirche im Hintergrund
Politische Diskurse zu Gender und Gleichstellung beschäftigen religiöse Gruppen und strahlen in die Gesellschaft aus. Ein Forschungsprojekt untersucht, wie gesellschaftliche Entwicklungen in römisch-katholischen und evangelikalen Kreisen verhandelt werden. © Vladimir Šoić/unsplash

Genderfragen sind die neue Gretchenfrage: In der römisch-katholischen Kirche, aber auch in der hierzulande wachsenden Zahl evangelikaler Gruppierungen wird die österreichische Gesetzgebung bei Themen wie Genderpolitik und Gleichstellung, Abtreibung oder gleichgeschlechtlicher Ehe oftmals kritisch wahrgenommen. Basis für die Argumentation und Legitimation ihrer Haltungen – ob befürwortend oder ablehnend – ist bei beiden Gemeinschaften letztlich der Glaube. An den Universitäten Graz und Innsbruck laufen die Vorbereitungen für die erste umfangreiche empirische Untersuchung römisch-katholischer und evangelikaler Gruppen in Österreich im Spannungsfeld von Politik und Religion. Mit Unterstützung des Wissenschaftsfonds FWF wird erforscht, wie die religiösen Gemeinschaften sich in ihrer Aushandlung von Genderfragen unterscheiden oder sogar annähern.

Genderfragen erkunden

Ein Team unter Leitung der Religionswissenschaftlerin Nicole Bauer von der Universität Graz arbeitet interdisziplinär in Graz und an der Universität Innsbruck mit Andrew Doole, dem Leiter des Instituts für Bibelwissenschaften und Historische Theologie. Sie untersuchen gemeinsam, wie sozial-gesellschaftliche Themen verhandelt werden, beispielsweise Frauenordination, Verhütung, Abtreibung, Homosexualität und Trauung gleichgeschlechtlicher Paare. Bisher wurden diese Diskurse hauptsächlich theologisch, also aus einer Innenperspektive, untersucht: „Wir wollen nun aus einer kultur- und sozialwissenschaftlichen Perspektive herausfinden, wie politische Beschlüsse in den beiden Religionsgemeinschaften rezipiert werden, wie darauf reagiert, wie diskutiert und wieder an die Politik rückgekoppelt wird. Wir bereiten uns gut darauf vor, ins Feld zu gehen – auch in puncto Datenschutz und Datenverarbeitung. Religionsausübung gehört schließlich zum höchstpersönlichen Lebensbereich“, betont Projektleiterin Nicole Bauer. Im ersten Schritt wurden zehn große Gruppen, die österreichweit vertreten sind, je fünf pro Bekenntnis, identifiziert und kontaktiert.

Wertneutrales Vorgehen

Die Forschenden setzen auf einen multimethodischen Ansatz. Dieser umfasst Inhaltsanalysen von Primärquellen wie den Webauftritten der Gemeinschaften, Podcasts, YouTube-Auftritten und populärwissenschaftlichen Publikationen. Zudem wurden Fragebögen erarbeitet, mit denen Leitungspersonen und Mitglieder qualitativ und quantitativ interviewt werden. Erfragt werden Ansichten und der Umgang der Gemeinde mit Geschlechterrollen, Frauenbildern, Abtreibung, Queerness, gleichgeschlechtlicher Ehe, aber auch Adoption und künstlicher Befruchtung. Auch teilnehmende Beobachtung bei Gottesdiensten, Gebetsgruppen und Gemeindeveranstaltungen wird Teil der Analyse. Die römisch-katholischen und evangelikalen Gruppen grenzen sich gewöhnlich stark voneinander ab, aber in der aktuellen politischen Lage finden sie sich vielleicht unerwartet auf der gleichen Seite wieder – so eine These der Forschenden.

Verteilung in Österreich

Die katholische Religionsgemeinschaft, historisch die stärkste in Österreich, ist in Bewegung: mit einer gewachsenen Frauen- und LGBTIQ-Bewegung, liberaleren und konservativeren Tendenzen oder auch der Stellungnahme des Vatikans zur Segnung homosexueller Paare 2023. Den Freikirchen in Österreich, die sehr aktiv, aber noch eine Minderheit sind, wird noch wenig „Agency“ zugetraut. Das ist der wissenschaftliche Begriff für die Möglichkeit, politischen und gesellschaftlichen Einfluss auszuüben. Den Anteil römisch-katholischer Personen im Land bezifferte die Statistik Austria 2022 mit 55,2 Prozent der Gesamtbevölkerung. Evangelikal ist im deutschsprachigen Raum ein großer Teil der nicht konfessionellen Kirchen, auch Freikirchen genannt, die seit 2013 in Österreich anerkannt sind. Sie sind im Bund Evangelikaler Gemeinden (BEG) vereint, der aktuell rund 60 Gemeinden in allen Bundesländern listet. Der Freikirchenatlas führt viermal so viele Gruppen an. Die Statistik Austria weist in der Rubrik „andere Religion, Konfession oder Glaubensgemeinschaft“ einen Bevölkerungsanteil von 5,3 Prozent aus.

Evangelikale Gemeinden sind im Vergleich zur römisch-katholischen Glaubensgemeinschaft mit ihrer Zentrale im Vatikan dezentral organisiert. Wichtige Prinzipien sind die freie und persönliche Entscheidung für den christlichen Glauben als Jugendliche oder Erwachsene, eine starke Gemeinschaft und Gruppenkohäsion um eine (meist männliche) Leitungsperson sowie der direkte Kontakt zu Gott. Ein interessanter Spezialfall in Österreich ist die katholische Bewegung „Loretto“, die länderübergreifend und bundesweit agiert. Wie sich solche Religionsgemeinschaften wechselseitig beeinflussen, ist Gegenstand der Untersuchungen, die bis Ende August 2026 laufen.

Zur Person

Nicole Bauer forscht am Institut für Religionswissenschaft an der Universität Graz und ist Research Fellow am Department of Biblical and Ancient Studies der University of South Africa. Sie studierte Soziologie und Religionswissenschaft an den Universitäten Graz und Heidelberg. Studien- und Forschungsaufenthalte führten sie u. a. an die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, die Hebrew University in Jerusalem, das Athenaeum Pontificium Regina Apostolorum  in Rom und an die University of South Africa in Pretoria. Das Projekt „Gender und die Bibel“ (2023–2026) wird vom Wissenschaftsfonds FWF mit 374.000 Euro gefördert.

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