Mit dem FWF-Jahresbericht bieten wir Ihnen nicht nur einen Einblick in das vergangene Förderjahr, sondern laden Sie ein, besondere Wissenschaftsmomente Revue passieren zu lassen. Erfahren Sie mehr ĂŒber die wichtigsten Förderkennzahlen und Statistiken. Insgesamt investierte der FWF 2025 rund 340 Millionen Euro im Rahmen seiner Förderprogramme.
Ein Forschungsjahr im RĂŒckblick
Wissen entsteht nicht auf Bestellung. Es wĂ€chst langsam, oft in eine bisher unbekannte Richtung, manchmal ĂŒber Generationen hinweg â und genau darin liegt seine StĂ€rke. Grundlagenforschung folgt keinem strikten Fahrplan, sondern der Logik der Erkenntnis: dem geduldigen und beharrlichen Nachfragen.
Die vom FWF geförderten Forschenden an Ăsterreichs UniversitĂ€ten und auĂeruniversitĂ€ren ForschungsstĂ€tten stehen seit Jahrzehnten fĂŒr genau diese Form des Fragens. Ihre Erkenntnisse bilden das Fundament, auf dem so vieles ruht. Die Medikamente von morgen entstehen aus dem biochemischen Grundlagenwissen von heute. Die Technologien, die unsere Wirtschaft voranbringen werden, sind heute oft noch Theorie oder ein Laborexperiment. Und die gesellschaftlichen Institutionen, die unsere Demokratien tragen, wĂ€ren ohne die Sozial- und Geisteswissenschaften undenkbar. Nicht zuletzt eröffnet die kĂŒnstlerisch-wissenschaftliche Forschung ErkenntnisrĂ€ume, die weder reine Wissenschaft noch reine Kunst allein betreten könnten und die unser VerstĂ€ndnis des Menschseins grundlegend erweitern.
Das vergangene Jahr hat uns einmal mehr vor Augen gefĂŒhrt, wie entscheidend eine lebendige, unabhĂ€ngige Wissenschaftskultur fĂŒr eine demokratische Gesellschaft ist. In einer Zeit, in der einfache Antworten lauter sind als komplexe Wahrheiten, ist Forschung, die sich der KomplexitĂ€t verpflichtet, gesellschaftlich relevanter denn je. Wissenschaft ohne Freiheit ist keine Wissenschaft â sie ist bestenfalls BestĂ€tigung vorgefasster Meinungen. Der FWF trĂ€gt im Einklang mit dem gesamten Wissen-schaftsbereich zu dieser Freiheit bei: durch kompetitiv vergebene Mittel, durch das internationale Peer-Review-Verfahren und durch das Vertrauen, dass exzellente Forscher:innen wissen, welche Fragen es wert sind, gestellt zu werden.
Wie geht es Ăsterreichs Forschenden? Wir haben diese Frage ernst genommen und bei mehr als 3.300 Wissenschaftler:innen im Rahmen einer von Spectra durchgefĂŒhrten Umfrage nachgefragt. Das Ergebnis zeichnet ein differenziertes, aber durchaus positives Bild: Ăsterreich ĂŒberzeugt als Wissenschaftsstandort mit hoher InternationalitĂ€t und gelebter Forschungsfreiheit, zwei Drittel der Befragten zeigen sich insgesamt zufrieden mit ihrer beruflichen Situation. Das ist sehr erfreulich. Gleichzeitig erkennen viele Forschende strukturellen Handlungsbedarf â insbesondere bei verlĂ€sslichen Karriereperspektiven fĂŒr den wissenschaftlichen Nachwuchs, beim Abbau traditioneller Hierarchien und bei der gesellschaftlichen Anerkennung von Forschung. Die Förderungen des FWF werden grundsĂ€tzlich positiv beurteilt; Kritik gibt es aufgrund der geringen Bewilligungsquote beim Antragsaufwand und der Nachvollziehbarkeit von Ablehnungen. Alle Details zur Umfrage finden Sie hier.
Diese Ergebnisse sind fĂŒr uns BestĂ€tigung und Auftrag zugleich. Sie zeigen, dass wir in vielen Bereichen gut unterwegs sind, machen aber ebenso deutlich, wo Verbesserungsbedarf besteht. Die Förderbedarfe sind vielfĂ€ltig â sie reichen von Projekten kleiner, fokussierter Teams bis zu groĂ angelegten Forschungsnetzwerken in den Exzellenzclustern, von gezielter Karriereförderung bis zur Wissenschaftskommunikation. Fragen der Chancengerechtigkeit und der konsequenten Vermeidung von Diskriminierung messen wir ebenso hohe Bedeutung bei wie der Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis und der Möglichkeit, Forschung ökologisch nachhaltig zu gestalten. All diesen AnsprĂŒchen ist der FWF verpflichtet â und er richtet die Weiterentwicklung seines Förderportfolios daran aus. JĂŒngstes Beispiel sind die neuen Spezialforschungsgruppen: ein Förderangebot, das standortĂŒbergreifenden Teams eine flexible und passgenaue UnterstĂŒtzung bietet.
Wir danken den Forscher:innen, die mit ihren Entdeckungen die Gesellschaft bereichern (und diesen Jahresbericht fĂŒllen), den FWF-Gremien, allen voran den Mitgliedern des Kuratoriums, den internationalen Gutachter:innen sowie den UniversitĂ€ten und auĂeruniversitĂ€ren ForschungsstĂ€tten fĂŒr die erfolgreiche Zusammenarbeit. Mit 749 neu bewilligten Projekten und einer Fördersumme von 340 Millionen Euro war es 2025 möglich, den Wachstumskurs der Grundlagenforschung fortzusetzen.
DafĂŒr danken wir auch den politischen VerantwortungstrĂ€ger:innen und der Ăffentlichkeit â denn Wissenschaft ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Versprechen, die Welt Schritt fĂŒr Schritt verstĂ€ndlicher zu machen.
Das PrĂ€sidium des Ăsterreichischen Wissenschaftsfonds FWF
Zahlreiche Herausforderungen prĂ€gen die Wissenschaft. Das ist nicht neu. Es ist geradezu konstitutiv fĂŒr die Wissenschaft als solche. Zugespitzt könnte man sagen, dass es ohne Herausforderungen vermutlich gar keine Wissenschaft gĂ€be. VerĂ€nderlich ist im Grunde genommen nur die Art der jeweiligen Herausforderungen. Manche zeichnen sich schon lĂ€nger ab und haben an IntensitĂ€t und Dringlichkeit zugenommen, wie etwa der menschengemachte Klimawandel. Andere stĂŒrzen gerade sintflutartig auf uns ein, wie etwa die vielen VerĂ€nderungen durch die immer besser werdende KĂŒnstliche Intelligenz. Und wieder andere sind Folgen politischer Entwicklungen, ich denke hier in erster Linie an die Freiheit der Wissenschaft und den Zugang zu ihren Erkenntnissen. Und dann ist, jedenfalls in Ăsterreich, auch noch die Frage der Finanzierung ein aktuelles Thema â eine wirkliche Herausforderung.
Der FWF hat 2025 sein Möglichstes getan, um exzellente Forschende zu unterstĂŒtzen, besser gesagt zu fördern, und damit nicht nur wissenschaftliche Karrieren abgesichert, sondern neue Erkenntnisse mitermöglicht. Die dazugehörenden Zahlen im Jahresbericht sind beeindruckend, zumal wenn man bedenkt, wie viel KreativitĂ€t und Energie, wie viel Talent und Wissen die ĂŒber 5.000 Forschenden, die eine Finanzierung des FWF erhalten haben, in ihre wissenschaftliche Arbeit gesteckt haben.
Ich bin zuversichtlich, dass mit Einrichtungen wie dem FWF die Forschung in Ăsterreich auch weiterhin gestĂ€rkt wird und vor allem junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Möglichkeit bekommen, ihre Exzellenz in einem internationalen Umfeld unter Beweis stellen zu können.
BundesprÀsident Alexander Van der Bellen
Wissenschaft ist ein Grundpfeiler einer wehrhaften Demokratie: Sie liefert faktenbasierte Grundlagen fĂŒr politische Entscheidungen, stĂ€rkt die kritische UrteilsfĂ€higkeit der BĂŒrgerinnen und BĂŒrger und hilft, Desinformation und populistischen Vereinfachungen mit Fakten entgegenzutreten. Gerade in einer Zeit, in der demokratische Institutionen weltweit unter Druck geraten, sind unabhĂ€ngige Forschung, freie Debatten und der Schutz wissenschaftlicher IntegritĂ€t zentral fĂŒr eine resiliente Demokratie.
Um diese Rolle der Wissenschaft nachhaltig zu stÀrken, braucht es verlÀssliche und qualitÀtsgesicherte Forschungsförderung. Der FWF sichert mit seinen Programmen die UnabhÀngigkeit der Grundlagenforschung, fördert risikoreiche, innovative Projekte und ermöglicht Forschenden die nötigen FreirÀume, langfristige Fragestellungen zu verfolgen.
Chancengleichheit und DiversitĂ€t im Wissenschafts- und Forschungssystem sind mir ein besonderes Anliegen. Der FWF ĂŒbernimmt hier Verantwortung: durch transparente Verfahren, durch gezielte Programme zur Förderung von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern, durch MaĂnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Wissenschaftskarriere und Familienleben sowie durch MaĂnahmen zur Erhöhung des Frauenanteils, insbesondere in FĂ€chergruppen mit nach wie vor geringen Beteiligungsquoten. Exzellente Forschung kann nur dort entstehen, wo alle Talente â unabhĂ€ngig von Geschlecht, Herkunft oder Lebenssituation â faire Chancen vorfinden. Vor diesem Hintergrund ist es uns mit dem 2025 ins Leben gerufenen Perspektiven-Paket gelungen, die Aufnahme internationaler Forschender zu erleichtern und Ăsterreich als attraktiven Forschungsstandort zu stĂ€rken.
Ein Höhepunkt im Jahr 2025 waren die Austrian Science Awards, bei denen erstmals die FWFASTRA-Preise vergeben wurden â besonders erfreulich ist, dass die HĂ€lfte der Auszeichnungen an Frauen ging. Mit Elly Tanaka als FWF-Wittgenstein-PreistrĂ€gerin 2025 wurde zudem eine herausragende Persönlichkeit ausgezeichnet, deren international anerkannte Arbeiten in der Regenerationsforschung in besonderer Weise fĂŒr Exzellenz, Pioniergeist und Ausdauer stehen und sie zu einem wichtigen Role-Model fĂŒr den wissenschaftlichen Nachwuchs machen. DarĂŒber hinaus gratuliere ich dem FWF zu einer Neubewilligungssumme von 340 Millionen Euro und 749 neuen Projekten. Insgesamt laufen derzeit 2.599 Projekte, an denen ĂŒber 5.000 Personen beteiligt sind, beim Wissenschaftsfonds.
Nach der erfolgreichen Etablierung der Exzellenzinitiative in den vergangenen Jahren verzeichnen die âClusters of Excellenceâ mit ĂŒber 1000 Forschenden bereits erste sichtbare wissenschaftliche Erfolge. Zugleich treiben sie ihre Outreach- und DialogaktivitĂ€ten sowie den Wissenstransfer aktiv voran. Der nĂ€chsten Vergaberunde des zweiten Programms âEmerging Fieldsâ Anfang 2026 sehe ich mit groĂer Erwartung und Neugier entgegen.
AbschlieĂend möchte ich meine aufrichtige WertschĂ€tzung gegenĂŒber dem FWF und all seinen Mitarbeitenden zum Ausdruck bringen und den erfolgreichen Forschenden sowie den beteiligten ForschungsstĂ€tten herzlich zu ihren Leistungen gratulieren.
Eva-Maria Holzleitner, Bundesministerin fĂŒr Frauen, Wissenschaft und Forschung
Warum ist Wissen von Bedeutung?
Als Wikipedia das Internet eroberte, misstrauten viele Forscher:innen und Intellektuelle der Online-EnzyklopĂ€die zu Beginn. Wie in aller Welt sollten die BeitrĂ€ge der Schwarmintelligenz zu jedem nur denkbaren Thema korrekt sein? Wikipedia schien verlĂ€sslich, wenn man sich ĂŒber Dinge informieren wollte, ĂŒber die man kaum etwas wusste. Sobald man jedoch Themen nachschlug, die das eigene Fachgebiet betrafen, machten sich Fehler, KuriositĂ€ten, WillkĂŒr und Ungenauigkeit bemerkbar. Fast so, als wĂŒrde man die Zeitung lesen. GrundsĂ€tzlich vertraue ich den Printausgaben seriöser Zeitungen, solange sie ĂŒber Politik und das Weltgeschehen berichten, aber jedes Mal, wenn ich einen Artikel ĂŒber etwas lese, womit ich mich auskenne â wie etwa Philosophie oder Wissenschaft â, stoĂe ich auf kleine, aber Ă€rgerliche Fehler (erstaunlicherweise hat dies jedoch nie meine Meinung ĂŒber die restliche Berichterstattung in den Zeitungen beeinflusst).
FrĂŒher wies ich meine Philosophiestudierenden an, Wikipedia-EintrĂ€ge ĂŒber Philosophie zu meiden. Aber die Dinge Ă€ndern sich. Wikipedia hat sich immens verbessert und wird stetig noch besser. Mittlerweile sage ich Studierenden, dass Wikipedia fĂŒr gewöhnlich eine zuverlĂ€ssige Quelle ist, doch sie mĂŒssten aufpassen, nicht Teile daraus âunabsichtlichâ in ihre AufsĂ€tze zu ĂŒbernehmen. Wikipedia ist heute eine der vielen wundervollen, oft kostenfreien und groĂteils sorgfĂ€ltig editierten Onlinequellen, die Studierenden zur VerfĂŒgung stehen.
Der Siegeszug der generativen KI lenkt uns nun jedoch in eine andere Richtung. Chatbots wie ChatGPT und Claude werden nicht nur zur Texterstellung verwendet, sondern auch um das Internet zu durchforsten, Fragen beantworten zu lassen und Informationen oder Fakten zu finden. Googles Gemini zĂ€hlt zu den beliebtesten KI-Chatbots und wird kĂŒnftig fix als KI-Assistent in die Google-Umgebung integriert sein. Eine bedeutungsvolle neue Entwicklung besteht darin, dass jede Google-Suche per Standardeinstellung nun auch eine âĂbersicht mit KIâ liefert.
Dies erscheint zunĂ€chst unproblematisch â nutzen wir nicht schlieĂlich alle Google und Wikipedia, als wĂ€ren sie ein und dasselbe, und verlassen uns ohne Weiteres auf die Ergebnisse? Macht es einen Unterschied, ob man etwas auf Wikipedia oder in Googles KI-Ăbersicht nachliest? Ist das nicht im Prinzip dasselbe?
Meiner Ansicht nach besteht allerdings ein wesentlicher Unterschied, der sich aus der grundlegenden Natur des Wissens ergibt. Wikipedia kann zu Recht als Wissensspeicher bezeichnet werden, KI-Chatbots nicht. Lassen Sie mich dies nĂ€her ausfĂŒhren.
Der NobelpreistrĂ€ger und GrĂŒnder von Google DeepMind, Sir Demis Hassabis, sagte kĂŒrzlich in einem Interview, dass Large Language Models (LLMs, die Sprachmodelle hinter den heute verbreiteten KI-Chatbots) unter anderem deshalb so erfolgreich seien, weil âihr Ausgangspunkt die Gesamtheit menschlichen Wissens, all das, was wir ins Internet stellenâ sei. Diese Behauptung spricht BĂ€nde. OberflĂ€chlich betrachtet scheint sie plausibel, wenn auch etwas ĂŒbertrieben. Sie ist jedoch schlichtweg falsch.
Beginnen wir mit einem weitverbreiteten PhĂ€nomen: Fehlern. Es ist allgemein bekannt, dass Chatbots Fehler machen. Genau genommen behaupten sie Dinge, die nicht stimmen. Das haben wir wohl alle schon einmal beobachtet, und auch die modernsten Modelle haben dieses Problem bislang nicht in den Griff bekommen (so schreibt Google standardmĂ€Ăig unter die KI-Ăbersicht: âKI-Antworten können Fehler enthalten.â). KI-Forscher:innen bezeichnen diese Fehler als Halluzinationen. Dazu zĂ€hlen das Erfinden von wissenschaftlichen Artikeln, Rechtstexten oder Geschichten ĂŒber real existierende Personen wie auch Rechen- und Logikfehler.
Viele KI-Forscher:innen tun diese Halluzinationen als Kinderkrankheiten ab; sie seien nichts weiter als kleine Funktionsstörungen, die mit fortschreitender Entwicklung und anhaltendem Training der Modelle verschwinden wĂŒrden. Aus dem Blickwinkel der KI selbst jedoch, das heiĂt in Hinblick auf ihr Entwicklungsziel, sind Halluzinationen keine Funktionsstörung. Chatbots wurden mit dem Ziel entwickelt, in grammatikalisch korrekten SĂ€tzen auf einen Prompt zu reagieren und dabei Inhalte, die zu diesem Prompt passen, zu produzieren. Halluzinationen sind daher keine Funktionsstörung, weil die Maschine genau das tut, wofĂŒr sie geschaffen wurde.
Die suggestive Bezeichnung âHalluzinationâ ist daher zutiefst irrefĂŒhrend. Eine visuelle Halluzination liegt vor, wenn das optische System Erfahrungen erzeugt, die die RealitĂ€t völlig verzerrt darstellen: Als Beispiele lieĂen sich hier drogeninduzierte Trips wĂ€hrend eines LSD-Rauschs oder, in tragischeren FĂ€llen, Halluzinationen von Menschen, die am Charles-Bonnet-Syndrom oder an Alkoholismus leiden, anfĂŒhren. Halluzinationen sind ein Versagen beziehungsweise eine Funktionsstörung des optischen Systems. Es erfĂŒllt seinen evolutionĂ€ren Zweck, die Welt visuell akkurat darzustellen, nicht. Die âHalluzinationenâ von groĂen Sprachmodellen haben damit nichts zu tun.
Dass LLMs nicht darauf ausgerichtet sind, Sachverhalte korrekt wiederzugeben, erklĂ€rt zudem, warum es aus ihrer Sicht belanglos ist, dass nicht alle ihre Trainingsdaten der Wahrheit entsprechen. Manches davon ist missverstĂ€ndlich, unvollstĂ€ndig oder sogar bewusst irrefĂŒhrend. FĂŒr eine Maschine, die auf die Ausgabe grammatikalisch korrekter SĂ€tze ausgerichtet ist, spielt das keine Rolle. Wenn LLMs jedoch Wissen generieren sollen, ist es durchaus von Bedeutung.
Hassabis Behauptung, dass LLMs basierend auf der âGesamtheit menschlichen Wissensâ trainiert werden, ist nicht nur deshalb problematisch, weil das im Internet verfĂŒgbare Wissen unvollstĂ€ndig ist und daher nicht die Gesamtheit des Wissens darstellt; noch gravierender kommt zum Tragen, dass vieles von dem, was sich im Internet findet, gar nicht als Wissen bezeichnet werden kann. Wissen muss naturgemÀà (man könnte auch sagen, definitionsgemĂ€Ă) wahr sein. Wer behauptet zu wissen, die Sonne drehe sich um die Erde, hat damit unrecht und kann dies daher nicht wissen. Die Person mag annehmen, es zu wissen, aber sie weiĂ es nicht. Und wer behauptet, die MMR-Impfung verursache Autismus, hat unrecht und kann dies daher nicht wissen, egal wie ĂŒberzeugt die Person davon ist.
Manche mögen nun einwenden, es gebe unterschiedliches âWissenâ und man solle sich nicht gegen alternative Sichtweisen stellen. Das ist aber ein MissverstĂ€ndnis. Es steht auĂer Frage, dass Menschen unterschiedliche und oft inkompatible Perspektiven haben, und wie wir mit diesen umgehen, ist eine wichtige ethische und politische Frage. Doch wenn diese Sichtweisen nicht korrekt sind, stellen sie kein Wissen dar. Wissen gibt die RealitĂ€t ausnahmslos wahrheitsgemÀà und korrekt wieder.
Man kann gar nicht genug betonen, wie wichtig dieser Punkt ist. Das Konzept von Wissen ist in allen menschlichen Kulturen zentral: WĂ€hrend einige Sprachen keine eigenen Wörter fĂŒr essen und trinken oder er und sie kennen, gibt es in allen menschlichen Sprachen ein Wort fĂŒr Wissen, das mit dem Begriff âWahrheitâ im Zusammenhang steht. Wissen â wie auch immer es in einer Sprache bezeichnet werden mag â bedeutet eine bestimmte korrekte und wahrheitsgetreue Darstellung. Wenn etwas nicht wahr ist, kann es nicht Wissen sein. Es gibt kein falsches Wissen.
LLMs können diesen Unterschied zwischen Wahrheit und Unwahrheit nicht erkennen. Sie fabrizieren SĂ€tze, indem sie mit Milliarden von Texten im Internet interagieren. Es ist jedoch weder ihre Aufgabe noch die Aufgabe von unterbezahlten Klickarbeiter:innen, die KI-Outputs klassifizieren, zwischen wahrheitsgemĂ€Ăen Texten und solchen, die Unwahres enthalten, zu unterscheiden. Jeder Text ist gut genug, wenn er nur zum Prompt passt.
Und das ist auch der SchlĂŒssel zum VerstĂ€ndnis des Unterschieds zwischen Wikipedia und LLMs. Wikipedia ist bestrebt, Sachverhalte korrekt darzustellen, und verfolgt dieses Ziel mithilfe einer immensen Anzahl an Freiwilligen, die ihre EintrĂ€ge im Einklang mit den relativ strengen Wikipedia-Regeln fortlaufend aktualisieren und die Interventionen anderer korrigieren. Ihr Ziel ist eine korrekte Darstellung, wovon Wahrheit eine bestimmte Version ist. Manchmal machen Autor:innen Fehler, die dann von anderen korrigiert werden. Einige Fehler werden dabei ohne Zweifel unentdeckt bleiben. Doch im Gegensatz zu einem LLM verfolgt Wikipedia die Absicht, von den Meinungen zur echten Welt, die die Freiwilligen beisteuern, zu lernen, um so das ĂŒbergeordnete Ziel zu erreichen, die Welt wahrheitsgetreu darzustellen. Dies ist auch der Grund, warum einige fĂŒhrende Wissenschaftler:innen, die LLMs kritisch gegenĂŒberstehen â darunter Gary Marcus und Yann LeCun â, ins Treffen fĂŒhren, dass KI-Anwendungen zusĂ€tzlich zu ihren Textproduktionsprogrammen echte âModelle der Weltâ benötigen. Ob dieser Vorschlag Gehör finden wird, zĂ€hlt derzeit zu den interessantesten Fragen in der KI-Welt.
Vielleicht denkt jetzt jemand, dass die meisten LLMs sich ja ohnehin Wikipedia einverleibt haben und es deshalb keinen nennenswerten Unterschied zwischen den beiden Systemen mehr gebe.
NatĂŒrlich ist es sinnvoll, dass LLMs sich auf Wikipedia stĂŒtzen, anstatt sich ausschlieĂlich aus Webseiten voller Verschwörungstheorien zu speisen. Der Unterschied besteht aber dennoch in den Zielen der Systeme, nicht nur in ihren Trainingsgrundlagen. Auch wenn Wikipedia falsche Informationen enthĂ€lt, so ist es doch ihr dezidiertes Ziel, wahrheitsgetreue und korrekte Informationen anzubieten. Ein Fehler in einem Wikipedia-Eintrag ist ein Makel, eine Halluzination eines Chatbots ist jedoch, wie wir gesehen haben, angesichts seiner Aufgabe kein Makel. Wikipedia-Autor:innen verfolgen das Ziel, die EintrĂ€ge so korrekt wie möglich zu gestalten; fĂŒr Klickarbeiter:innen, die die Daten in LLMs klassifizieren, ist das bedeutungslos.
Wikipedia liefert keine Garantie dafĂŒr, dass alle Informationen stimmen â eine solche existiert grundsĂ€tzlich nicht. Was Wikipedia allerdings bietet, ist eine verlĂ€ssliche Methode, etwas ĂŒber die Welt herauszufinden. LLMs bieten eine verlĂ€ssliche Methode, binnen Sekunden kohĂ€rente Texte zu produzieren. Aber sie stellen keine verlĂ€ssliche Methode zur VerfĂŒgung, etwas ĂŒber die Welt zu lernen. Aus diesem Grund kann Wikipedia eine Wissensquelle sein, wĂ€hrend LLMs dies nicht sind, denn VerlĂ€sslichkeit ist ein grundlegendes Element der Wissensgenerierung. Wissen braucht Wahrheit, aber Wahrheit allein ist nicht genug â man kann ja auch aus Zufall auf die Wahrheit stoĂen (zum Beispiel, indem man mit GlĂŒck etwas richtig errĂ€t). Um Wissen zu erwerben, braucht man verlĂ€ssliche Methoden der Wahrheitsfindung â beispielsweise etwas mit eigenen Augen zu sehen, sich an etablierte, vertrauenswĂŒrdige AutoritĂ€ten zu wenden oder durch wissenschaftliche Experimente Theorien zu bestĂ€tigen. Das Konzept einer verlĂ€sslichen Methode zur Wahrheitsfindung bildet daher den Kern von Wissen.
Im FWF-Exzellenzcluster âKnowledge in Crisisâ wenden wir diese grundlegenden Ideen der Erkenntnistheorie (Epistemologie) auf alle heutigen Wissenskrisen an â und die KI-Krise ist nur eine davon. Wir veranstalten Workshops und öffentliche Diskussionsrunden, in denen wir uns mit der Relevanz philosophischer Theorien zu Wissen und Erkenntnisgewinn fĂŒr die derzeitigen Krisen befassen, und die Wissenschaftler:innen dieses Clusters publizieren Artikel und BĂŒcher zu diesem Thema. Zusammen mit Forscher:innen anderer Disziplinen â wie etwa Wissenschaftskommunikation, Sozialwissenschaften, Psychologie und Wirtschaftswissenschaften â befassen wir uns auch mit Fragen, die fĂŒr uns alle wesentlich sind. Dieses Jahr werden wir gemeinsam mit dem FWF-Exzellenzcluster âBilateral Artificial Intelligenceâ öffentliche Veranstaltungen organisieren, um die Bedeutung von KI in der heutigen Zeit zu diskutieren.
Es ist bemerkenswert, wie tief diese Krisen philosophisch verwurzelt sind. Manchmal werden diese Wissenskrisen ausschlieĂlich in Hinblick auf Wissenschaftsfeindlichkeit (etwa in Bezug auf die Ablehnung von Impfungen) oder Probleme, die durch die Verbreitung von Falschinformation und Desinformation ausgelöst werden, diskutiert, beispielsweise wenn Nutzer:innen auf sozialen Medien absichtlich zu politischen Themen in die Irre gefĂŒhrt werden. Das sind sehr ernstzunehmende Probleme, mit denen wir uns im Rahmen unseres Exzellenzclusters intensiv beschĂ€ftigen. Die Epistemologie von KI â insbesondere von LLMs â ist jedoch noch viel subtiler und tiefgreifender: Sie bedroht die Grundfesten unserer Methoden der Wissensproduktion. Wenn wir nicht lernen zu verstehen, wie die Maschinen mit Fakten ĂŒber Wahrheit und Wissen umgehen, werden wir uns immer weiter in dem Netz aus Nichtwissen und Chaos, das die KI-Unternehmen ĂŒber uns ausspannen, verwickeln. Darum gehört es zu den Zielen des Teams von âKnowledge in Crisisâ, dieses VerstĂ€ndnis zu fördern und allen zur VerfĂŒgung zu stellen.
Tim Crane, Director of Research, FWF-Exzellenzcluster âKnowledge in Crisisâ
Ăber den Autor
Tim Crane ist Director of Research des Exzellenzclusters âKnowledge in Crisisâ und Professor fĂŒr Philosophie sowie Pro-Rektor der Central European University in Wien. Er hat das Institute of Philosophy der University of London gegrĂŒndet und war Knightbridge-Professor an der University of Cambridge.
Ăbersetzung: Michaela Ripplinger und Laura Scheifinger
Ăsterreichs Spitzenforschung befindet sich weiter im Aufwind, das Wachstum schlĂ€gt sich auch in den Förderzahlen im Bereich der drittmittelfinanzierten Grundlagenforschung nieder. So konnte der Wissenschaftsfonds FWF im vergangenen Jahr Forschungsprojekte im Umfang von rund 340 Millionen Euro finanzieren. 136 Millionen Euro gingen in den Bereich Naturwissenschaften und Technik, 125 Millionen Euro in Biologie und Medizin und 77 Millionen Euro in die Geistes- und Sozialwissenschaften. Insgesamt finanziert der FWF 5.311 Wissenschaftler:innen in laufenden Projekten an Ăsterreichs UniversitĂ€ten und anderen ForschungsstĂ€tten â ein neuer Höchststand.
Einen JahresrĂŒckblick sowie die gesamten Leistungszahlen finden Sie im aktuellen FWF-Jahresbericht.