Kontakte zwischen Juden und Nichtjuden in privaten Räumen
Entanglements of Jews and non-Jews in Private Spaces
Matching Funds - Steiermark
Wissenschaftsdisziplinen
Andere Geisteswissenschaften (20%); Geschichte, Archäologie (50%); Soziologie (30%)
Keywords
- Entanglement,
- Modern Jewish History,
- Vienna,
- Budapest,
- Jewish/non-Jewish relations,
- General History
In diesem Projekt untersuche ich persönliche Begegnungen zwischen Jüdinnen*Juden und Nichtjüdinnen*Nichtjuden in Budapest und Wien um 1900, obwohl die Geschichtsschreibung über Jüdinnen*Juden zur beginnenden Moderne nach wie vor von einer Erzählung der privaten Isolation geprägt ist. Deshalb wurde jüdische Geschichte bisher als partikular und nicht als Teil einer allgemeinen Geschichte verstanden. Das Fehlen von Studien zum privaten Alltagsleben in der Historiographie über Jüdinnen*Juden in der Habsburgermonarchie hat zu einer Geschichte der kulturellen Teilhabe, nicht aber der privaten Beteiligung geführt. Ohne eine adäquate Ausarbeitung nicht-exklusiver Erzählungen über die Jüdinnen*Juden in Budapest und Wien unterschätzen wir die Auswirkungen jüdisch-nichtjüdischer Beziehungen, insbesondere in den täglichen Routinen. Mein Projekt schließt diese Lücke, indem es die vielfältigen Begegnungen zwischen Jüdinnen*Juden und Nichtjüdinnen*Nichtjuden in den "privaten" Räumen des täglichen Lebens analysiert. Ziel ist es, Wohn- und Arbeitsstätten in Budapest und Wien als Räume zu untersuchen und zu vergleichen, die Jüdinnen*Juden und Nichtjüdinnen*Nichtjuden in ihrer historischen Vergangenheit verbanden. Wo und wie kam man in Budapest und Wien um 1900 in "privaten" Räumen miteinander in Kontakt? Welche Kontakte gab es zwischen Jüdinnen*Juden und Nichtjüdinnen*Nichtjuden außerhalb öffentlicher Orte? Welche Bereiche des täglichen Lebens lassen sich als Räume für jüdische- nichtjüdische Interaktionen und interethnischen Austausch definieren? Welche Auswirkungen hatten derartige tägliche Begegnungen auf Vorurteile? Zur Realisierung des Projekts, das an der Schnittstelle von Jüdischen Studien, Kulturwissenschaft und Geschichtswissenschaft angesiedelt ist und ebenso für Gender Studies und für Perspektiven auf interethnische Beziehungen in migrationsgeprägten Gesellschaften relevant ist , verwende ich Ansätze der Alltagsgeschichte. Indem ich sowohl auf Ähnlichkeit wie auch auf Differenz basierende Identifikationen innerhalb von Wohnräumen, die ich als private Nicht-Räume" bezeichne, in den Blick nehme, sollen neue Einsichten über Intimität in Wohnräumen gewonnen werden. Als solche privaten Nicht-Räume untersuche ich Räume, die bisher nur selten im Fokus der Forschung zu jüdischen-nichtjüdischen Beziehungen gestanden haben: Wohn- und Schlafräume (u.a. Wohngemeinschaften mit Bettgeher*innen und Untermieter*innen, Hausangestellte, die in den Haushalten für die sie arbeiteten auch lebten), Räume der Heimarbeit (Produktion von Fabrikwaren in Privatwohnungen in Produktionsgemeinschaften) und Zwangsunterbringungen (Räume des erzwungenen Wohnens, auf die der Staat Zugriff hatte, wie z.B. Gefängnisse und Erziehungsanstalten, sowie Einrichtungen für Menschen mit Behinderung).
Jüdinnen*Juden und Nichtjüdinnen*Nichtjuden lebten in Budapest und Wien um 1900 nicht getrennt oder isoliert, sondern oft buchstäblich Tür an Tür. Das Projekt zeigt: Gerade in privaten Räumen wie Untermietzimmern, Stiegenhäusern, Heimarbeitsstuben und Ferienquartieren entstanden vielfältige, alltägliche Beziehungen. Sie wurden bisher kaum beachtet, weil die Geschichtsschreibung das jüdische Leben lange als abgeschlossene Welt beschrieben hat. Ausgangspunkt des Forschungsprojektes Bisherige Forschung hat jüdische Geschichte meist als Geschichte von Kultur, Politik und öffentlichem Leben erzählt, etwa in Kaffeehäusern, Theatern oder Universitäten. Wie sich Menschen in Küchen, Schlafstellen und Hausfluren begegneten, blieb unbeachtet. Das Projekt hat genau diese Räume untersucht: Untermiete und Bettgehertum, Hausgemeinschaften, Hausangestellte, Heimarbeit sowie Orte des Zusammenlebens unter staatlicher Kontrolle. Auch die Sommerfrische, die städtisches Leben aufs Land verlagerte, gehörte dazu. Zentrale Forschungsergebnisse Die privaten Begegnungen waren zahlreich, vielfältig und prägend. Sie ließen sich vom gemeinsamen Wohnen über das Arbeiten bis zur Freizeit nachweisen. Nähe konnte Freundschaft, Hilfe und Zuneigung hervorbringen, aber auch Spannungen, Misstrauen und Vorurteile verstärken. Für dieses Zusammenleben haben wir den Begriff der "conviviality" weiterentwickelt, also das alltägliche Miteinander mit allen Reibungen. Die Ergebnisse werfen neue Fragen auf: wie sich Antisemitismus im Alltag entwickelte, wie Zuwanderung und Modernisierung die Städte veränderten und welche Rolle enge Wohnverhältnisse für die sexuelle Sozialisation und für soziale Netzwerke junger Menschen spielten. Das Projekt liefert ein Gegenbild zur Vorstellung, Gesellschaften hätten stets in getrennten Gruppen gelebt. Zusammenleben wird gelernt, ausgehandelt und manchmal verweigert, im Kleinen, im Alltag. Das ist auch für heutige Städte relevant, in denen Menschen unterschiedlicher Herkunft auf engem Raum wohnen. Stadtplanung, Wohnpolitik und Bildungsarbeit können daraus lernen, dass gemeinsame Orte im Haus und in der Nachbarschaft Vorurteile abbauen, aber auch verfestigen können. Bisherige Dissemination der Projektergebnisse Die Erkenntnisse flossen in zahlreiche Publikationen und Veranstaltungen ein. Ein Aufsatz über Begegnungen in Gängen und Stiegenhäusern (Jewish Culture and History, 2024) nahm die flüchtigen Zwischenräume des Hauses in den Blick. Das Themenheft "Urban Encounters" erschien im European Journal of Jewish Studies (2024), der Sammelband "Jewish Cultures of Rest and Recreation" folgt 2027 bei Berghahn. Tagungen in Bad Aussee (2023) und Graz (2026) sowie Workshops in Graz, Warschau und Wien brachten die internationale Forschung zusammen. Zwei weitere Themenhefte erscheinen gerade: zu "Shared Housing" im Journal of Social History und zu "Textures of Conviviality" in Jewish Culture and History. Ein frei zugängliches Heft (Mobile Culture Studies, 2024) und ein Erasmus+-Austausch zur Sichtbarkeit jüdischer Geschichte machen die Ergebnisse auch außerhalb der Fachwelt zugänglich.
- Universität Graz - 100%
- Michael Laurence Miller, Central European University Private University - CEU GmbH , nationale:r Kooperationspartner:in
- Klaus Hödl, Universität Graz , Mentor:in
- Pieter M. Judson, European University Institute - Italien
- Joachim Schlör, University of Southampton - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 3 Zitationen
- 13 Publikationen
- 1 Wissenschaftliche Auszeichnungen
-
2023
Titel Neu gelesen: Judith R. Walkowitz, City of Dreadful Delight DOI 10.14361/zwg-2023-870113 Typ Journal Article Autor Korbel S Journal WerkstattGeschichte -
2023
Titel Portrayals of a Female Impersonator: Visual Representations of Gender-Bending between Central Europe and the United States DOI 10.14220/9783737015660.93 Typ Book Chapter Autor Korbel S Verlag Brill Deutschland Seiten 93-114 -
2024
Titel Jewish Spaces in Present Vienna: A Relational, Hybrid Approach DOI 10.1007/s12397-024-09548-8 Typ Journal Article Autor Korbel S Journal Contemporary Jewry Seiten 281-298 Link Publikation -
2024
Titel Jewish/non-Jewish encounters in corridors and staircases: narrowing down everyday life in liminal spaces DOI 10.1080/1462169x.2024.2319414 Typ Journal Article Autor Hultman M Journal Jewish Culture and History Seiten 578-600 Link Publikation -
2025
Titel A Lost Entertainment Industry? Popular Entertainment in Austria after 1945 DOI 10.1163/23519924-11010004 Typ Journal Article Autor Korbel S Journal Journal of Migration History Seiten 62-81 -
2023
Titel Digital means for democratic research: Towards a design for mapping a Jewish Europe beyond the Holocaust. Typ Journal Article Autor Maja Hultman Journal Medaon Seiten 1-7 Link Publikation -
2024
Titel Erasmus+ Virtual Exchange zur Auseinandersetzung mit der Sichtbarkeit jüdischer Geschichte in europäischen Städten DOI 10.58079/vu8s Typ Other Autor Andreas Frings Link Publikation -
2024
Titel Jewish Migrations and their Effect on Modern Urban Cultures DOI 10.25364/08.08:2024.1.1 Typ Other Autor Hultman M Link Publikation -
2024
Titel Urban Encounters DOI 10.1163/1872471x-01802001 Typ Journal Article Autor Hödl K Journal European Journal of Jewish Studies Seiten 177-182 -
2026
Titel Jewish Cultures of Rest and Recreation: Encounters in Spa Towns and Resorts Typ Book Autor Korbel editors Korbel S, Miller Michael L. Verlag Berghahn -
2026
Titel Epilogue: Enduring Afterlives of Fin-de-Siècle Jewish Spa Culture.; In: Jewish Cultures of Rest and Recreation: Encounters in Spa Towns and Resorts Typ Book Chapter Autor Korbel S Verlag Berghahn Seiten 338-342 -
2026
Titel Romance, Recreation, and Resentments: Travels of Austrian Jewish Families to Sommerfrische Destinations; In: Jewish Cultures of Rest and Recreation: Encounters in Spa Towns and Resorts Typ Book Chapter Autor Korbel S Verlag Berghahn Seiten 91-106 -
2026
Titel Close Encounters in Spa Towns and Resorts.; In: Jewish Cultures of Rest and Recreation: Encounters in Spa Towns and Resorts Typ Book Chapter Autor Korbel S Verlag Berghahn Seiten 1-18
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2025
Titel Keynote: Mobile Populärkultur als Interaktionsraum: Künstlerinnen und Künstler, Aufführungen und Publikum zwischen Budapest, Wien und New York Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International