Preseren - Samhaber. Rekonstruktion eines interkulturellen Konfliks
Preseren - Samhaber. Rekonstruktion eines interkulturellen Konfliks
Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Der österreichische Schriftsteller und Germanist Edward Samhaber (1846-1927) war von 1878 bis 1888 Professor an der Lehrer- und Lehrerinnenbildungsanstalt in Ljubljana (Laibach), kam wegen deutschnationaler Aktivitäten in Konflikt mit der Schulbehörde und wurde nach Linz versetzt. Zu Beginn seines Aufenthalts in Krain lernte er die Lyrik des slowenischen Nationalautors France Prešeren (1800-1849) kennen und ließ aufgrund fehlender eigener Slowenischkenntnisse Prosaübersetzungen ausgewählter Gedichte anfertigen. Diese Vorlagen relyrifizierte Samhaber und verband die einzelnen Gedichte mit kurzen biographischen und literaturhistorischen Zwischentexten zu dem 1880 in Ljubljana erschienenen Band "Preširenklänge". In Samhabers Autobiographie "Mosaiken" (1909) wird die Zeit in Ljubljana auch mit Blick auf die nationalen Auseinandersetzungen erinnert. Die Darstellung, der komplizierten Position der "Prešerenklänge" im politischen Diskurs nützt Samhaber nun zur Relativierung seiner Übertragungen und zur Äußerung aggressiver (Deutsch-) Nationalismen. Der vorliegende Band nimmt diese vorerst widersprüchlich erscheinenden Positionen zum Ausgang und begreift sie als Indizien des interkulturellen Konflikts, der sich zwischen einer marginalisierten slowenisch- und einer dominanten deutschsprachigen Kulturpraxis im Ausgang der Habsburgermonarchie im Kronland Krain ereignet hat. Die Einzelstudien rekonstruieren die Prešeren-Rezeption im Spannungsfeld zwischen deutschnationaler Zurückweisung und slowenischer Vereinnahmung und thematisieren damit einige grundlegende Aspekte der Konfliktgeschichte der Donaumonarchie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Aufarbeitung der kontroversiellen öffentlichen Diskussionen um Samhabers Prešeren-Buch zeigt deutlich die Rolle des Mediums Literatur für die Austragung nationaler Konflikte. Gerade die slowenische Nationsbildung war - im engen Zusammenhang mit der Entwicklung eines slowenischen Bürgertums - auf solche kulturellen Formen besonders angewiesen, da sich das slowenische Siedlungsgebiet über die Grenzen mehrerer Kronländer erstreckte. Prešeren erschien folglich zugleich als literarischer Klassiker und nationale Identifikationsfigur. Nicht zufällig entzündeten sich am Gedenken an einen Dichter, den "deutschen" Liberalen Anastasius Grün (1806-1876), symbolische (und handgreifliche) Konflikte, zumal Grün als aristokratischer, zugleich "moderner" Gutsbesitzer als Verkörperung der ökonomischen und politischen Herrschaft der deutschsprachigen Oberschicht in einem noch agrarisch dominierten Land gelten mußte. Samhabers anfängliche Sympathie mit der slowenischen (Kultur-)Nation verkehrte sich in Ablehnung, als sich eine moderne Nationalbewegung herausbildete, die die kulturellen Zeichen jener Herrschaft zurückwies. Die Studien werden ergänzt durch eine ausführlich kommentierte Edition der "Prešerenklänge", die dieses wichtige Zeugnis einer historischen Kulturbegegnung erstmals seit seiner Erstauflage zugänglich macht, und die vollständige Wiedergabe der Prešeren`schen Vorlagen mit kompletter Übersetzung. Das erzielte Ergebnis soll sowohl Teil der Genealogie eines nationalistischen Diskurses als auch Baustein einer noch zu schreibenden Geschichte der slowenisch-österreichischen Literaturbeziehungen sein, die nicht aus dem isolierten Bemühen der jeweiligen Disziplinen, sondern einzig aus der komparatistischen Rekonstruktion des gemeinsamen Objektfelds gewonnen werden kann.