Meister Eckharts frühe Pariser Quaestionen im Kontext
Meister Eckhart´s Early Parisian Questions in Context
Wissenschaftsdisziplinen
Philosophie, Ethik, Religion (100%)
Keywords
-
Meister Eckart,
Medieval Philosophy,
Edition,
Commentary,
Translation,
Manuscripts
Meister Eckhart (ca. 12601328) ist eine der herausragenden Gestalten des Mittelalters. Bekannt ist er in erster Linie für seine deutschen Predigten, die als Meisterwerke der sog. Deutschen Mys- tik gelten. Allerdings ist umstritten, ob und in welchem Sinne er als Mystiker bezeichnet werden kann. Denn er war auch ein äußerst angesehener Gelehrter, dem als einzigem nach Thomas von Aquin die Ehre zuteil wurde, gleich zweimal auf einen Lehrstuhl an die Pariser Universität berufen zu werden. Seine lateinischen Werke sind ganz im scholastischen Stil gehalten und erörtern philo- sophische Fragestellungen, die im wissenschaftlichen Diskurs damals virulent waren. Eckharts Pariser Quästionen nehmen unter seinen Werken hinsichtlich ihrer innovativen, ja provo- kativen Thesen eine herausragende Stellung ein, indem sie insbesondere die Tradition der philo- sophischen Theologie in Frage stellen, der zufolge Gott als der Ursprung allen Seins das Sein selbst ist. Dahingegen betont Eckhart die Geistigkeit Gottes als reinen Intellekts jenseits und oberhalb des Seins. Mit dieser These steht er in konkretem Diskussionszusammenhang an der Pariser Universi- tät. Doch leider wissen wir nur sehr wenig über die Ansichten vieler seiner Zeitgenossen. Dieser Umstand macht es auch schwierig, Eckharts Position richtig zu bestimmen, zumal seine Argumente in den Quästionen oft in sehr gedrängter und gekürzter Weise überliefert sind. Wir sind jedoch in der glücklichen Lage, dass uns materielle Zeugnisse der realen Debatten überlie- fert sind: Handschriften mit Textsammlungen, deren Zusammenstellung sich einem einheitlichen Interesse verdankt. So nehmen beispielsweise die Argumente einiger Texte aufeinander Bezug, worin ein Abbild realer Diskussionen zu erkennen ist. In meinem Projekt möchte ich untersuchen, welche Schlüsse aus dem handschriftlichen Kontext der drei frühen Pariser Quästionen, die im Codex 1071 in Avignon überliefert sind, gezogen werden können. Die Ergebnisse dieser Untersuchung sollen mit den explizit und implizit in den Quästionen selbst zitierten Autoritäten verbunden und in einem umfassenden Kommentar dargestellt werden. Ferner soll das Verhältnis zwischen diesen frühen Texten von Eckhart und seinen späteren lateini- schen und deutschen Werken beleuchtet werden. Denn es gibt durchaus Unterschiede, die entwe- der im Sinne einer gedanklichen Entwicklung Eckharts oder als dem jeweiligen Kontext geschuldet verstanden werden können. Basierend auf diesen Erkenntnissen werde ich eine Neuedition der frühen Quästionen sowie eine Neuübersetzung ins Englische vornehmen. Eine Veröffentlichung bei Peeters in Leuven ist bereits zugesichert. Von meinen Forschungen sind nicht nur neue Erkenntnisse über den Pariser Kontext von Eckharts Quästionen zu erwarten. Vielmehr wird meine Edition samt Übersetzung und Kommentar zum ersten Mal alle bisherigen Ergebnisse der Eckhartforschung zu diesem Thema verbinden und in englischer Sprache einer breiteren Öffentlichkeit vorlegen. Denn die Ergebnisse werden nicht nur für den Eckhartspezialisten von Interesse sein, sondern für jeden Ideengeschichtler, der sich mit dieser Epoche befassen möchte.
Meister Eckhart (ca. 1260-1328) war nicht nur Mystiker, sondern vor allem auch ein außerordentlich fortschrittlicher Denker, der sich aufgrund seiner gewagten Lehren noch im hohen Alter der Inquisition stellen musste, die etliche Sätze aus seinen Werken verurteilte. Aus philosophischer Perspektive ist insbesondere seine These, die er als Professor in Paris im Jahr 1302/03 aufstellte, bedeutsam: Gott sei Denken und nicht Sein. Damit positionierte sich Eckhart gegen die gesamte scholastische Theologie. In seinen späteren Werken kehrte er jedoch scheinbar wieder zurück zur klassischen Lehre, die Gott mit dem Sein gleichsetzt. Andererseits unterscheidet Eckhart scharf zwischen Gott und Gottheit, wobei letztere den Einheitsgrund des trinitarischen Schöpfergottes darstellt. Es konnte nun gezeigt werden, dass im Konzept der Gottheit, von der Eckhart in diesem spezifischen Sinne nur in seinen deutschen Werken spricht, der Vorrang des Denkens bzw. des Intellekts vor dem Sein fortgeschrieben und die radikale Pariser These nie aufgegeben wurde. Darüber hinaus hat sich eine noch erstaunlichere Perspektive eröffnet: In der menschlichen Seele unterscheidet Eckhart im Anschluss an Aristoteles einen aktiven und einen passiven Intellekt. Aber im Unterschied zu allen anderen Denkern, v.a. Dietrich von Freiberg, bewertet er den passiven Intellekt höher als den aktiven und identifiziert ihn als reines Nichts mit dem Grund der Seele, den er auch das Seelenfünklein nennt. Da nun aber - und hierin liegt der mystische Zug seines Denkens - der Grund der Seele identisch ist mit dem Grund Gottes, muss auch in Gott die geistige Potentialität über der Aktualität stehen und somit auch die Gottheit passiver Intellekt und daher absolute geistige Potenz sein. Diese neue Erkenntnis stellt einen Paradigmenwechsel dar, weil sich von hier aus eine neue Perspektive nicht nur auf die Theosophie Jakob Böhmes und die spekulative Philosophie des Nikolaus von Kues ergibt, sondern auch auf die spätere Rezeption der Eckhart'schen Mystik durch Schelling, Buber und Rosenzweig, um nur diejenigen Denker zu nennen, die in meinem Projekt behandelt wurden. So hat etwa Schelling in seinem ersten "Weltalter"-Entwurf das Absolute als Potenz konzipiert und mit dem Eckhart'schen Namen der Lauterkeit versehen. Der zweite Schwerpunkt meines Projekts betrifft die handschriftliche Überlieferung der Pariser Quaestionen 1-3. Das Besondere der beiden gotischen Codices in Avignon und Troyes liegt darin, dass in ihnen Texte versammelt sind, die die geistigen Debatten an der Pariser Universität zu Beginn des 14. Jahrhunderts abbilden, in deren Kontext Eckharts Streitfragen anzusiedeln sind. Durch die erstmalige Edition einiger dieser Texte wird Eckhart in seinem zeitgenössischen Pariser Umfeld besonders plastisch. Die Erforschung der Handschriften wird auch künftig noch viele interessante Ergebnisse zeitigen, aber die aus meinem Projekt hervorgehende Neuedition der frühen Pariser Quaestionen mit englischer Übersetzung und Kommentar sowie einem Anhang mit bisher unedierten Texten stellt einen wichtigen Beitrag dar.
- King´s College London - 100%
- Universität Salzburg - 100%
Research Output
- 16 Publikationen
- 4 Disseminationen
- 8 Wissenschaftliche Auszeichnungen
- 1 Weitere Förderungen