Die Darstellung von Vielfalt im frühen Delhi Sultanat
Narrating diversity in the early Delhi Sultanate
Wissenschaftsdisziplinen
Geschichte, Archäologie (40%); Sprach- und Literaturwissenschaften (60%)
Keywords
-
Historiography,
Delhi Sultanate,
South Asia,
Narratology,
Diversity,
Local History
Der indische Subkontinent ist von zahlreichen Ethnien, Kulturen und Selbstidentifizierungen geprägt, eine Vielfalt, die ständig neu verhandelt werden muss. Hilfreich ist hierbei, eine gemeinsame Geschichte zu propagieren. Das Projektuntersucht die höfische Geschichtsschreibung unter den frühen Sultanen von Delhi (1192-1260), zu deren Aufgaben es gehörte, vielfältige Realitäten einer überwiegend nicht-muslimischen Umwelt in eine gemeinsame Geschichte einer muslimischen Herrschaft zu integrieren. Das Projekt wird an das Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien angegliedert sein, wo im Rahmen des Projekts Handling Diversity bereits Forschung zur Vielfalt des mittelalterlichen Indiens betrieben wird, und eng mit dem Institut für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften kooperieren. Durch eine auf narratologischer Theorie basierende Analyse wird das Projekt den Forschungsstand der Islamwissenschaft und Südasienkunde in drei Feldern erweitern: 1) Höfische Geschichtsschreibung: Wie sind die Erzählungen konzipiert und was trägt der Leser zu ihrem Wirken bei? Indem die Dialektik der Produktion normativer Erzählungen und ihrer Rezeption, möglicher Lesarten und Rezipienten, in den Mittelpunkt der Analyse gestellt wird, werden die bisherigen Zugänge zu mittelalterlicher persischer Prosa ergänzt, die vor allem Ersteres behandeln. 2) DieGesellschaft: DieAnalyse wird nicht nur die Vorgehensweisen höfischer Geschichtsschreibung zeigen, sondern auch ihre Motive und Rahmenbedingungen. Es wird beurteilt, wie Vielfalt und ihre Darstellung sich gegenseitig beeinflussen, was zu einem besseren Verständnis der Zusammenhänge zwischen den Texten und ihren verschiedenen Kontexten beiträgt. 3) Historiographiegeschichtliche Forschung: Die Anwendung narratologischer Theorie auf vormoderne Erzählungen wird neue theoretische und methodische Erkenntnisse hinsichtlich Hürden, Anforderungen und zu erwartender Resultate liefern. Um die Diskurse der Texte zu durchbrechen, wird unter Verwendung sowohl klassischer narratologischer Theorie als auch reader-response theory ein Lesemodell entwickelt. So wird das Textmaterial zweimal gelesen, einmal ausgehend von den Texten und einmal von ihrem Publikum. Die erste Lesung wird die Darstellung von Vielfalt aufzeigen und die zweite, wie die Texte verstanden werden sollten, von wem, und welchen Anteil der Leser am Funktionieren normativer Geschichtsschreibung hat. Die Geschichtsschreibung des Sultanats von Delhi ist bislang von literarischen Zugängen weitgehend unberührt geblieben, obwohl diese auch im Bereich der Iranforschung zur historiographiegeschichtlichen Standardliteratur gehören. Reader- response theory ist noch nie auf vormoderne persische Historiographie angewandt worden und wird daher neue Perspektiven für die weitere Forschung schaffen. Darüber hinaus wird die Analyse zu einer für das Verständnis des indischen Subkontinents zentralen Frage beitragen, der nach der allgemeinen Akzeptanz des politischen Überbaus in einer heterogenen Umwelt. Da beide Fragen von allgemeinem Interesse für die historische Forschung sind, wird das Projekt auch über die Islamwissenschaft hinaus Gewinn bringen.
Das Projekt untersuchte die höfische Geschichtsschreibung unter den frühen Sultanen von Delhi (1192-1260), welche die höchst vielfältigen sozio-religiösen Realitäten einer überwiegend nicht-muslimischen Umgebung in eine gemeinsame Geschichte eines monolithischen islamischen Reiches zu integrieren hatte. Indem die Werke mithilfe der Werkzeuge der Erzähltheorie gelesen wurden, wollte das Projekt zu einem besseren Verständnis mittelalterlicher Geschichtsschreibung aus dem höfischen Bereich der östlichen islamischen Welt beitragen: Wie funktionieren diese historischen Erzählungen, und wer trägt dazu bei, dass sie funktionieren? Indem untersucht wurde, wen diese politisch normativen Texte wie überzeugen sollten, bietet das Projekt eine alternative Lesung dieser Texte an. Es zeigte auf, dass das Lesen dieser Texte, als eine Aktivität ausgeführt durch den Leser, einen zentralen Einfluss darauf hat, wie sie funktionieren. Vor allem gibt es nicht nur einen Weg, sie zu lesen, sondern mehrere, da verschiedenste Passagen höchst unterschiedlich verstanden werden können. Dies scheint auch intendiert zu sein. Das Projekt befasste sich schwerpunktmäßig mit der zeitgenössischen Leserschaft und ihrer sozio-religiösen Zusammensetzung. Es hat sich gezeigt, dass der Hintergrund eines Lesers wohl eine entscheidende Rolle dabei spielte, wie diese Texte gelesen und verstanden wurden. Dies scheint ebenfalls intendiert zu sein. Schließlich hat das Projekt herausgearbeitet, dass das tatsächliche Verstehen der Botschaften dieser Texte, der Sinnstiftungsprozess, vor allem dort stattfindet, wo die Texte gerade nicht explizit werden, sondern Dinge lediglich implizieren. So scheint es, dass diese Texte darauf ausgelegt waren, auch von Menschen von außerhalb der unmittelbaren höfischen Eliten gelesen zu werden, Eliten, die in aller Regel muslimische Einwanderer aus dem iranischen und zentralasiatischen Hochlandes waren.Über unser Wissen um diese Texte und die Historiographie unter den frühen Sultanen von Delhi hinaus, hofft das Projekt, zu einem besseren Verständnis der unscharfen und sich verschiebenden Linien zwischen den unterschiedlichen Elitengruppen des Sultanats beizutragen. Während die politischen Eliten beinahe vollständig aus sunnitischen Muslimen bestanden, versuchten die Chroniken aus der höfischen Sphäre wohl auch, das soziale Wissen des Delhi Sultanats an Nicht-Sunniten und sogar an Nichtmuslime zu kommunizieren.Über die Sphäre der Südasienstudien hinaus werden die Erkenntnisse über die Rolle des Lesens, Vorlesens und Hörens für das Funktionieren dieser Chroniken nicht nur für diese spezifische Zeit und Region von Wert sein, sondern können zu einem besseren Verständnis höfischer Geschichtsschreibung in persischer Sprache insgesamt beitragen.
- Universität Wien - 100%
- Jamal Malik, Universität Erfurt - Deutschland
- Ludwig Paul, Universität Hamburg - Deutschland