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Phylogenie & Phylogeographie von Androsace sect. Aretia

Phylogeny & Phylogeography of Androsace sect. Aretia

Harald Niklfeld (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/P16104
  • Förderprogramm Einzelprojekte
  • Status beendet
  • Projektbeginn 01.01.2003
  • Projektende 31.12.2006
  • Bewilligungssumme 234.332 €
  • Projekt-Website

Wissenschaftsdisziplinen

Biologie (100%)

Keywords

    Androsace, Disjunction, Evolution, Phylogeny, Phylogeography, Primulaceae

Abstract Endbericht

Disjunktion, d. i. das Vorkommen fragmentierter Verbreitungsgebiete innerhalb eines Taxons, ist eines der faszinierendsten Phänomene in der Biogeographie. Die Untersuchung von Disjunktionen kann Einsichten in Prozesse wie Artbildung, Aussterben, Änderungen von Verbreitungsgebieten (Ausweitung, Reduktion) oder Kolonisierung liefern. Abhängig von der Rangstufe des untersuchten Taxons gibt es zwei Forschungsansätze: (1) der phylogenetische Ansatz vom Artrang aufwärts oder (2) der phylogeographische Ansatz vom Artrang abwärts. Androsace sect. Aretia (Primulaceae) ist ein ausgezeichnetes Modellsystem für Forschung an der Schnittstelle zwischen Phylogenie und Phylogeographie. Diese Gruppe besteht aus ca. 20 nahverwandten, morphologisch klar definierten Arten mit ähnlichen Ausbreitungsfähigkeiten und Blütensyndromen. Sie ist in den süd- und zentraleuropäischen Gebirgen Europas endemisch mit Mannigfaltigkeitszentren in den Alpen und den Pyrenäen. Diese Gruppe zeigt sowohl Vikarianz von Schwestertaxa als auch intraspezifische Disjunktionen. Die folgenden Fragen können mit diesem System bearbeitet werden: (1) Ist die Artenvielfalt in den Alpen und Pyrenäen das Ergebnis von in-situ-Radiation (Kladogenese) oder die Folge anagenetischer Artbildung nach mehrfacher Kolonisation? (2) Wie sind die phylogeographischen Muster von weit, aber disjunkt verbreiteten Arten? Sind ihre Disjunktionen das Ergebnis (alter) Arealfragmentierung oder das jüngerer Fernverbreitungsereignisse? (3) Wie tief sind die Zäsuren innerhalb weit, aber disjunkt verbreiteter Arten im Vergleich zu denen zwischen Schwesterarten? Gibt es noch zu entdeckende kryptische Arten? Wir verwenden eine Reihe sich ergänzender molekularer und zytogenetischer Methoden, um diese Fragen zu beantworten: DNA-Sequenzierung, AFLP (Amplified Fragment Length Polymorphism), PCR-RFLP (Restriction Fragment Length Polymorphism) von Chloroplasten-DNA, FISH (Fluorescence in situ-hybridization). Die Stärke dieser Untersuchungen liegt in zwei Punkten: 1) Vergleichende Phylogeographie nah verwandter biologisch sehr ähnlicher Arten. Vergleichende Phylogeographie im allgemeinen erlaubt die Untersuchung von Prozessen wie Ausbreitung von Arten über ein Gebiet, Artbildung, adaptive Radiation und Aussterben. 2) Synthese von Phylogenie und Vergleichender Phylogeographie schafft eine breite Basis für die Beantwortung weit über die untersuchte Gruppe hinaus interessanter Fragen: (1) Biogeographie des alpidischen europäischen Gebirgsraums; (2) Abgrenzung von Arten im Vergleich der genetischen Unterschiede von Schwesterarten und intraspezifischen geographisch isolierten Einheiten.

Phylogeographie beschäftigt sich mit der geographischen Verbreitung meist intraspezifischer Abstammungslinien, ihren Ursprüngen und ihrer Ausbreitung. Wenngleich solche Studien an einzelnen Arten durchaus von Interesse sind, erlauben sie keine Rückschlüsse auf allgemeine, die Verbreitung verschiedener Organismen beeinflussende, Prozesse. Dafür ist es nötig, die Ergebnisse mehrerer Arten zu kombinieren, ein als "vergleichende Phylogeographie" bezeichneter Ansatz. Während der Großteil solcher vergleichender Studien mehrere nicht verwandte Arten mit ähnlichen Verbreitungsmustern verwendet, wurde in diesem Projekt eine Gruppe nahe verwandter Arten mit im wesentlichen identischer Bestäubungs- und Ausbreitungsbiologie, aber unterschiedlichen Verbreitungsmustern untersucht. Ein ausgezeichnetes Modellsystem für diesen Ansatz stellt die auf die Hochgebirge Europas beschränkte Androsace sect. Aretia (Primulaceae) dar, deren etwa 20 Arten unterschiedlichste Verbreitungsmuster zeigen, von weitverbreitet bis lokal endemisch mit zusammenhängenden bis stark fragmentierten (disjunkten) Arealen. Diese Untersuchungen erlauben folgende vier Schlussfolgerungen: (i) Der häufig gemachte Schluss, dass weitverbreitete Arten mit disjunktem Areal, besonders wenn dieses mit potentiellen (pleistozänen) Refugialgebieten übereinstimmt, alte Elemente sein müssen, ist oft falsch (z. B. Androsace lactea, A. vitaliana). (ii) Fernverbreitungen spielen für die Entwicklung der heutigen Areale eine signifikante Rolle und können unerwartete Beziehungen zwischen Gebirgsgruppen bedingen, etwa zwischen den Alpen und der nordwest- spanischen Cordillera Cantbrica unter Ausschluss der geographisch dazwischen liegenden Pyrenäen (z. B. Androsace cantabrica, A. vitaliana). (iii) Genfluss, einst und heute, in Folge von Hybridisierung und Introgression ist bedeutend und führt zu retikulaten Verwandtschaftsbeziehungen (z. B. A. adfinis Gruppe, A. halleri Gruppe). (iv) Trotz der Einheitlichkeit bezüglich Bestäubungs- und Ausbreitungsökologie besitzt jede Art oder Artengruppe eine hochgradig eigenständige Geschichte. Dies deutet darauf hin, dass Prozesse, die auf die Verbreitung verschiedener Organismen gleich wirken, sofern überhaupt vorhanden, viel subtiler sind als durch etablierte phylogeographische Paradigmen vorgeschlagen. Ein Nebenergebnis der detaillierten phylogeographischen Untersuchungen ist, dass Populationen aus den östlichen Pyrenäen, die bislang zu A. halleri gestellt worden sind, und eine solche aus Montenegro, die bislang zu A. mathildae gestellt worden ist, als neue Arten erkannt werden.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%
Internationale Projektbeteiligte
  • Pablo Vargas Gomez, Spanish National Research Council - Spanien
  • Sylvia Kelso, The Colorado College - Vereinigte Staaten von Amerika

Research Output

  • 265 Zitationen
  • 9 Publikationen
Publikationen
  • 2017
    Titel Secondary contact after divergence in allopatry explains current lack of ecogeographical isolation in two hybridizing alpine plant species
    DOI 10.1111/jbi.13071
    Typ Journal Article
    Autor Schneeweiss G
    Journal Journal of Biogeography
    Seiten 2575-2584
  • 2016
    Titel Taxonomy and nomenclature of the polymorphic European high mountain species Androsace vitaliana (L.) Lapeyr. (Primulaceae)
    DOI 10.3897/phytokeys.75.10731
    Typ Journal Article
    Autor Dixon C
    Journal PhytoKeys
    Seiten 93-106
    Link Publikation
  • 2007
    Titel Traces of ancient range shifts in a mountain plant group (Androsace halleri complex, Primulaceae)
    DOI 10.1111/j.1365-294x.2007.03342.x
    Typ Journal Article
    Autor Dixon C
    Journal Molecular Ecology
    Seiten 3890-3901
  • 2006
    Titel A means of estimating the completeness of haplotype sampling using the Stirling probability distribution
    DOI 10.1111/j.1471-8286.2006.01411.x
    Typ Journal Article
    Autor Dixon C
    Journal Molecular Ecology Notes
    Seiten 650-652
  • 2009
    Titel Bayesian hypothesis testing supports long-distance Pleistocene migrations in a European high mountain plant (Androsace vitaliana, Primulaceae)
    DOI 10.1016/j.ympev.2009.07.016
    Typ Journal Article
    Autor Dixon C
    Journal Molecular Phylogenetics and Evolution
    Seiten 580-591
  • 2008
    Titel Reciprocal Pleistocene origin and postglacial range formation of an allopolyploid and its sympatric ancestors (Androsace adfinis group, Primulaceae)
    DOI 10.1016/j.ympev.2008.10.009
    Typ Journal Article
    Autor Dixon C
    Journal Molecular Phylogenetics and Evolution
    Seiten 74-83
  • 2008
    Titel Morphological and Geographical Evidence are Misleading with Respect to the Phylogenetic Position and Origin of the Narrow Endemic Polyploid Androsace cantabrica (Primulaceae)
    DOI 10.1600/036364408784571572
    Typ Journal Article
    Autor Dixon C
    Journal Systematic Botany
    Seiten 384-389
  • 2004
    Titel Complex Biogeographic Patterns in Androsace (Primulaceae) and Related Genera: Evidence from Phylogenetic Analyses of Nuclear Internal Transcribed Spacer and Plastid trnL-F Sequences
    DOI 10.1080/10635150490522566
    Typ Journal Article
    Autor Schneeweiss G
    Journal Systematic Biology
    Seiten 856-876
  • 2010
    Titel The wide but disjunct range of the European mountain plant Androsace lactea L. (Primulaceae) reflects Late Pleistocene range fragmentation and post-glacial distributional stasis
    DOI 10.1111/j.1365-2699.2010.02350.x
    Typ Journal Article
    Autor Schneeweiss G
    Journal Journal of Biogeography
    Seiten 2016-2025
    Link Publikation

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