Die Komposition von Psalmen in Mittel- und Spätbyzanz
Psalm Composition in Middle- and Late Byzantium
Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (50%); Sprach- und Literaturwissenschaften (50%)
Keywords
- Psalmody,
- Psalms,
- Medieval Music,
- Byzantine Chant
Die Komposition von Psalmen zählt zu einem der am wenigsten erforschten Gebiete der byzantinischen Musik, obwohl die Psalmodie die Grundstruktur und Gliederung des täglichen Stundengebets und der Litur gien bildet. Die Texte der 150 biblische Psalmen des Psalters nehmen einen zentralen Stellenwert in der by zantinischen Kultur und ihrer Rituale ein. Sie wurden durch die Jahrhunderte immer wieder in vielen ver schiedenen Fassungen und Stilen vertont und inspirierten eine Fülle an heute bekannten oder aber anonym gebliebenen Komponisten. Tatsächlich ist byzantinische Musik ohne Psalmen nicht denkbar. Bislang wurden Psalmvertonungen jedoch nur flüchtig in Zusammenhang mit anderen Gesangsgattungen oder in Einzelstudien erforscht, die lediglich einen einzigen Psalm oder Psalmkomplex behandeln. Darüber hinaus lag der Fokus bisher hauptsächlich auf den melismatisch ausgeschmückten spätbyzantinischen Kom positionen des 14./15. Jhds. und nicht auf den frühen, syllabischen Vertonungen, die unter dem Begriff einfache Psalmodie bekannt wurden. Eine Untersuchung der Geschichte byzantinischen Psalmschaffens von den Anfängen im 10./11. Jhd. bis zum Fall von Konstantinopel (1453) existiert somit derzeit noch nicht. Die einfache Psalmodie ist deshalb für die Erforschung der byzantinischen Musik von solch grundlegen der Bedeutung, weil in ihr der Schlüssel zum Verständnis der Psalmkomposition vermutet wird: Es wird an genommen, dass diese einfachen Vertonungen eine Art Grundstruktur enthalten, die sich nach und nach zum Rückgrat der kunstvoll ausgeschmückten Psalmen entwickelte. Darüber hinaus dürfte es sich bei diesen frühen Psalmkompositionen um Musterverse gehandelt haben, die aus dem ersten Vers eines oder mehrerer Psalmen bestanden und sich an dem dem byzantinischen Modalsystem orientierte. Es hat daher den An schein, dass schon von frühesten Zeiten an ein System von Psalmtönen bestanden hat, obwohl es dazu in den byzantinischen theoretischen Traktaten keinen Hinweis gibt. Trotz ihrer erwiesenen Bedeutung wurde die einfache Psalmodie bislang nur in Ansätzen untersucht. Um ein tiefergehendes Verständnis für die byzantinische Psalmkomposition durch die Jahrhunderte zu entwi ckeln, wird das Projekt daher seinen Schwerpunkt auf die Analyse der Grundstrukturen und der Kompositi onstechniken der einfachen Psalmodie und deren Überlieferung in den melismatischen Psalmen des 14./15. Jhds. legen. Diese Analysen und Vergleiche ausgewählter Psalmen der Abend und Morgenoffizium werden sowohl über einen Zeitraum von fünf Jahrhunderten durchgeführt, als auch über Gattungen und Stile hinweg. Das Projekt wird somit die erste representative Studie zu dem umfassenden Gebiet der byzantinischen Psalmodie bringen, in der ca. hundert der wichtigsten byzantinischen Handschriften aus dem 10. bis 15. Jhd., die Psalmen enthalten, berücksichtigt werden. Die Ergebnisse werden sowohl als Monographie als auch in zwei umfassenden Artikeln in PeerReview Magazinen herausgebracht werden.
Wie wurden Psalmen im mittelalterlichen Byzanz tatsächlich gesungen, und wie entwickelten sich ihre Melodien über mehrere Jahrhunderte? Das Projekt konnte erstmals ein umfassenderes Bild dieser bislang nur punktuell erforschten Tradition zeichnen. Psalmen bildeten einen zentralen Bestandteil des täglichen Gottesdienstes im Byzantinischen Reich. Dennoch ist ihre musikalische Gestaltung deutlich schlechter erforscht als viele andere Gattungen der byzantinischen Kirchenmusik. Ziel des Projekts war es daher, musikalische Psalmvertonungen vom 10./11. bis zum 15. Jahrhundert systematisch zu sammeln, zu transkribieren und miteinander zu vergleichen. Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der sogenannten "einfachen Psalmodie". Dabei handelt es sich um frühe, vergleichsweise schlichte melodische Modelle, die vermutlich über lange Zeit vor allem mündlich weitergegeben wurden. Die Untersuchung einer großen Zahl von Handschriften zeigte, dass sich Spuren dieser älteren Tradition auch in späteren, wesentlich kunstvolleren Psalmvertonungen erhalten haben. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Melodien im Lauf der Zeit teilweise so stark erweitert und ausgeschmückt wurden, dass sich die ursprüngliche einfache Form nicht immer vollständig rekonstruieren lässt. Besonders gut erhalten blieben ältere melodische Formeln häufig an strukturell wichtigen Stellen eines Psalmverses. Durch die systematische Erfassung von Psalmen, Tonarten, Komponisten, musikalischen Formen und unterschiedlichen Aufführungsstilen entstand ein Forschungsbestand, der erstmals breit angelegte Vergleiche zwischen verschiedenen Psalmtypen und Jahrhunderten ermöglicht. Dadurch konnten auch Zusammenhänge zwischen anonym überlieferten Gesängen und bekannten Kompositionstraditionen besser erkannt werden. Ein weiteres wichtiges Ergebnis betrifft die Aufführungspraxis. Hinweise in mittelalterlichen Handschriften und liturgischen Anweisungen zeigen, dass Psalmen auf unterschiedliche Weise gesungen wurden - etwa im Wechsel zwischen Sängern oder Sängergruppen. Diese Informationen eröffnen neue Einblicke in den tatsächlichen Ablauf mittelalterlicher Gottesdienste und in das Zusammenspiel von Musik, Liturgie und Raum. Die Ergebnisse erweitern damit unser Verständnis der byzantinischen Musikgeschichte grundlegend. Sie zeigen, wie eine über Jahrhunderte stabile musikalische Tradition zugleich bewahrt, verändert und kreativ weiterentwickelt wurde.
- Universität Wien - 100%
- Charles Atkinson, Julius-Maximilians-Universität Würzburg - Deutschland
- Susanne Rühling, Leibnitz-WissenschaftsCampus Mainz - Deutschland
- Christian Troelsgard, University of Copenhagen - Dänemark
- Jean-Francois Goudesenne, CNRS-IRHT - Frankreich
- Emmanouil Giannopoulos, Aristotle University of Thessaloniki - Griechenland
- Maria Alexandru, Aristotle University of Thessaloniki - Griechenland
- Eustathios Makris, Ionian University Corfu - Griechenland
- Flora Kritikou, National and Kapodistrian University of Athens - Griechenland
- Achilleas Chaldaiakes, University of Athens - Griechenland
- Marios Christou, Charles University Prague - Tschechien
- Alexander Lingas, City University London - Vereinigtes Königreich
- Emma Hornby, University of Bristol - Vereinigtes Königreich
Research Output
- 4 Publikationen
- 2 Disseminationen
- 2 Wissenschaftliche Auszeichnungen
-
2020
Titel Blessed is the Man who Knows how to Chant this Psalm: Byzantine Compositions of Psalm 1 in Manuscripts of the 14th and 15th Centuries Typ Journal Article Autor Nina-Maria Wanek Journal Clavibus Unitis Seiten 13-38 Link Publikation -
2020
Titel Überblick über die byzantinische Kirchenmusik; In: Ex Oriente Lux? Ostkirchliche Liturgien und westliche Kultur Typ Book Chapter Autor Nina-Maria Wanek Verlag LIT Verlag Seiten 237-264 Link Publikation -
2024
Titel Foray into Unknown Performance Practices: Rubrics in Byzantine Manuscripts (14th-15th centuries) Describing the Chanting of Psalms DOI 10.4000/15lr4 Typ Journal Article Autor Wanek N Journal Textus & Musica -
2023
Titel Geography in Psalms: Hagiosophitikon Settings of Psalms 1, 2 and 3 DOI 10.57050/jisocm.113600 Typ Journal Article Autor Wanek N Journal Journal of the International Society for Orthodox Music
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2021
Link
Titel FWF Scilog article: The Unknown Chants of Byzantium Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link -
2022
Link
Titel Media article in WELT.de: Auf den Spuren der verschollenen Melodien Typ A press release, press conference or response to a media enquiry/interview Link Link
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2022
Titel Invited Speaker - University of Würzburg Typ Personally asked as a key note speaker to a conference Bekanntheitsgrad Continental/International -
2021
Titel Editorial Board Member - Journal of the International Society for Orthodox Church Music (ISOCM) Typ Appointed as the editor/advisor to a journal or book series Bekanntheitsgrad Continental/International