Wissenschaftsdisziplinen
Andere Technische Wissenschaften (30%); Kunstwissenschaften (70%)
Keywords
-
Active Materials,
Metamaterials,
Processes Of Transformation,
Liquefaction,
Experimental Art
Materialien waren immer schon Träger von Nachrichten. In unserer heutigen Situation bekommen sie allerdings eine neue Relevanz aufgrund der wachsenden Informationsströme, die unsere Gesellschaften kontinuierlich formen. Infolgedessen arbeiten viele wissenschaftliche Felder gleichzeitig daran, die Möglichkeiten der Materie zur Handhabung dieser Ströme zu erweitern. Auf dem Weg zur Realisierung von Konzepten wie "programmable matter" und "adaptive architecture" entstehen Forschungsgruppen zu "mediated matter", transitiven Materialien und Metamaterialien. Diese noch jungen Bereiche durchzieht ein mechanistisches Denken, das vielversprechende Aspekte neuer, aktiver und formwandlerischer Materialien jedoch unbeachtet lässt. Unter Berücksichtigung von Gaston Bachelards poetischen Essays über den Einfluss von Materie auf die Imagination und vor dem Hintergrund einer seit Ovids "Metamorphosen" andauernden zweitausendjährigen Aufladung unserer Kultur mit Ideen der Gestaltwandlung soll eine praktische und kritische Annäherung an die Entwicklungen in den konvergierenden Bereichen von Physik, Chemie, Computer- und Materialwissenschaften stattfinden, um Fragen wie nach der psychischen Resonanz aktiv werdender Materialien oder nach ihrem Potenzial zur Neuverhandlung unserer dinglichen Wirklichkeit entgegenzutreten. Beide relevanten Bezugssysteme, nämlich wissenschaftliche Entwicklungen und die Imagination, die sich mit Transformationen von Materie beschäftigt, werden zusammengeführt, um mittels neuer Ansätze, Konzepte und konkreter Aktionen bestehende künstlerische Perspektiven zu erweitern. Das Projekt "Liquid Things" widmet sich der künstlerischen Grundlagenforschung und ist in drei Blöcke gegliedert: Material/Technologie, Theorie/Reflexion und Kunst/Prozess, mit jeweils mehreren internationalen Einladungen zu konzentrierten, zeitlich beschränkten Kooperationen mit individuellen Abschlusspräsentationen. Das erste Modul konzentriert sich auf Experimente mit neuartigen Materialien; das zweite vertieft den Kontext und bestimmt den theoretischen Rahmen unserer Recherchen; das dritte beinhaltet die Herstellung von künstlerischen Prototypen. Die wichtigsten Ergebnisse werden präsentiert in: zwei Workshops über den künstlerischen Umgang mit aktiven Materialien, einem Symposium, welches das theoretische und praktische Feld des Projekts in Hinsicht auf art-based research reflekiert, einer Ausstellung, die die Prototypen zur Diskussion stellt und einer abschließenden Buchpublikation, die die Prozesse, Kollaborationen, Aktivitäten und Resultate des Projekts zusammenfasst. Die drei Blöcke greifen stark ineinander und ermöglichen es, einen kritischen und gleichzeitig wohlwollenden neuen Umgang, eine vertiefende Kollaboration, mit dem Material, zu entwickeln.
Im Zentrum der künstlerischen Recherche von Liquid Things standen Materialien, deren Eigenschaften und Verhaltensweisen als fluide zu bezeichnen sind. Hierzu zählen etwa Polymere, Hydrogele, Silicone, Öle oder Ferrofluide. Innerhalb des Pojekts konzentrierten wir uns auf elektroaktive Polymere, Metamaterialien mit speziellen optoakustischen Eigenschaften und PVA-basierte Polymere. Unser besonderes Interesse galt dabei dem produktiven Eigensinn und der Wirksamkeit dieser instabilen und transitiven Materialien. Anstatt sie auf passives Zeug oder willfährige Werkstoffe zu reduzieren, wurde den Materialien im kreativen Prozess so viel Freiheit und Handlungsspielraum wie möglich gelassen. In der künstlerischen und theoretischen Arbeit übernahmen Materialien daher eine aktive und formative Rolle. Deren innere Dynamiken und Neigungen waren wichtige Ausgangspunkte für die künstlerische Materialforschung von Liquid Things, die sich zwischen Chemielabor, Molekularküche und Atelier bewegte. Das Projekt erkundete die ästhetischen sowie epistemischen Potenziale von veränderlichen Stoffen und untersucht, wie sich diese auf Denken und Imagination auswirken. Durch die Integration und Erweiterung der Ergebnisse wissenschaftlicher Materialforschung in ein Rahmenwerk des künstlerischen Experimentierens gelang es uns, eine kunstbasierte Materialforschung zu entwickeln. Diese ist nicht als technische Hilfswissenschaft der Künste zu verstehen sondern als kunstzentrierte, materialbewusste und methodenreflexive Praxis. Innerhalb dieser Praxis entwickelten wir Prototypen und Installationen, die am einfachsten als materielle Prozesse in Aktion und im Fluss aber auch als abstrakte Narrationen beschrieben werden können. Parallel dazu fand eine kontinuierliche reflektive Praxis statt, die dazu diente, Methoden zu auszuwerten, sie an neue Umstände und Hindernisse anzupassen und dadurch in ständiger Kollaboration unsere methodischen, materiellen und theoretischen Grundlagen zu erweitern.Unsere Untersuchungen ästhetischer und epistemischer Verknüpfungen in der künstlerischen Arbeit mit Materialien wurden in der Publikation Raw Flows. Fluid Mattering in Arts and Research zusammengeführt. Darin findet sich ebenfalls eine Dokumentation von Liquid Things letzter Ausstellung Kontinuum.
Research Output
- 22 Zitationen
- 10 Publikationen
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0
Titel Raw Flows. Fluid Mattering in Arts and Research. Typ Other Autor Kirschner R -
2014
Titel LIQUID THINGS - Fluide Materialien im Fokus künstlerischer Forschung. Typ Other Autor Finke M -
2014
Titel Pipeline. Am Puls der fossilen Moderne. Typ Book Chapter Autor Espahangizi K. -
2016
Titel Ambivalente Gischt. Fluide Schäume in Alltag und Kunst. Typ Book Chapter Autor Finke M -
2015
Titel Künstlerische Forschung. Ein Handbuch DOI 10.4472/9783037345832 Typ Book Verlag DIAPHANES AG -
2014
Titel After Critique: Sounding, Composition, Retransmission. Thoughts on Sarat Maharaj's notion of sounding in the context of Art Research. Typ Conference Proceeding Abstract Autor Kirschner R Konferenz NOTES on SARN "we, the public"(online available, retrieved on Apr. 20, 2014) -
2014
Titel Material und Materialität. Typ Book Chapter Autor Badura J. Et Al. (Eds): "Künstlerische Forschung. Ein Handbuch" -
2014
Titel Aphrodite oder die Kunst der Schaumgeburt. Seifenschaum als geschlechterkritisches Material. Typ Journal Article Autor Finke M Journal FKW - Zeitschrift für Geschlechterforschung und visuelle Kultur, special issue by Futscher, Löffler and Cekic (Eds.) -
2013
Titel LIQUID THINGS - Fluide Materialien im Fokus künstlerischer Forschung. Typ Journal Article Autor Finke M Journal Biospektrum (online available, retrieved on Sept 6, 2016) -
0
Titel Contemporary Code. Artistic Research. Typ Other Autor Bast G