Streng genommen ist ein Tier oder ein Mensch weit mehr als ein einzelnes Lebewesen. Der Körper wird von vielen Milliarden Mikroorganismen besiedelt, innen wie außen. Das Beispiel des Mikrobioms im Darm zeigt, dass sie zum Teil wichtige Aufgaben übernehmen. Das ist auch bei Pflanzen ähnlich. Die meisten Endophyten, also Mikroorganismen, die in Pflanzen leben, haben keine nennenswerten Auswirkungen auf ihren Wirt. Einige von ihnen aber sehr wohl. Sie fixieren Stickstoff aus der Luft oder setzen im Boden gebundenes Phosphat frei und machen diese Nährstoffe für die Pflanze verfügbar. Manche Mikroorganismen schützen ihre Wirte vor Krankheiten. Bei Tomaten oder Erdbeeren wird sogar der Geschmack von den in ihnen lebenden Einzellern mitbestimmt.
Das Feld der Endophyten ist ein langjähriges Forschungsgebiet von Birgit Mitter. Die Mikrobiologin war lange Zeit für das AIT Austrian Institute of Technology tätig, wo sie in einer Vielzahl von Projekten molekularbiologische Analysen von Mikroorganismen in und auf Pflanzen durchführte. Im Zuge ihrer Forschungen, die in zwei Projekten vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert wurden, standen Mitter und ihre Kolleg:innen vor der Frage, wie Bakterien auf effiziente Weise in Samen eingeschleust werden können, um danach Interaktionen zwischen Pflanze und Mikrobiom untersuchen zu können. Das Meistern dieser Herausforderung legte den Grundstein für das Spin-off-Unternehmen Ensemo, das Mitter heute gemeinsam mit ihrem früheren AIT-Kollegen Nikolaus Pfaffenbichler in Tulln führt.
Mit Ensemo wurde eine Technologie, die der Grundlagenforschung entsprungen ist, zur Marktreife geführt: Eine Maschine, die mit enormer Geschwindigkeit Mikroorganismen in Abertausende Pflanzensamen einbringen kann, eröffnet neue Wege für die kontrollierbare Unterstützung von Kulturpflanzen abseits chemischer und potenziell umweltschädlicher Mittel. Die gezielte Nutzung von Interaktion zwischen Mikroben und Pflanzen birgt das Potenzial, ökologische Landwirtschaft einfacher und eine nachhaltige Bewirtschaftung von Boden konkurrenzfähiger zu gestalten.
Einsparung von Dünger und Pflanzenschutz als wirtschaftliches Argument
Erste Produkte sind bereits am Markt. Es sind Sojasamen, die mit Rhizobien versetzt sind – also Bakterien, die Luftstickstoff pflanzenverfügbar machen. „Zusätzlicher Stickstoffdünger ist für die resultierenden Pflanzen damit weitgehend überflüssig“, sagt Mitter. „Generell ist die Einsparung von Dünger und Pflanzenschutzmittel, die heute in großen Mengen auf die Felder aufgebracht werden müssen, ein starkes ökonomisches Argument für unsere Technologie.“ Die Anwendung weiterer Mikroorganismen, die etwa Phosphor mobilisieren, und hormonähnliche Substanzen, die die Pflanzen resilienter machen, sind bei Ensemo bereits in einer Testphase.