Wissenschaftsdisziplinen
Kunstwissenschaften (50%); Soziologie (50%)
Keywords
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Contemporary Classical Musician,
Innovative Learning Environments,
Free Improvisation,
Professional Career Research,
Development Of Key Competencies,
Lifelong Learning In Music
Im Zentrum des vorliegenden Projekts steht der heute praktizierende, höchst ausgebildete klassische Musiker, der sich angesichts drastischer Wandlungen in der gegenwärtigen Musiklandschaft mit neuen Herausforderungen konfrontiert sieht. "Quo vadis, Teufelsgeiger?" beruht auf jüngsten Erkenntnissen europaweiter Berufsmusikerforschung darüber, dass sich die Bedingungen für den klassischen Musiker insofern verändert haben, als dass der aktuelle Musikerarbeitsmarkt von einem Paradigmenwechsel im Berufsbild geprägt ist, der in aller Konsequenz neue Schlüsselkompetenzen vom Musiker fordert (Gembris/Langner 2005, Mak 2007, Smilde 2009). Die Dissertationsarbeit der Projektmitarbeiterin Bork ("Traumberuf Musiker?", Bork 2007) zeigt eindrücklich auf, dass die in der Ausbildung nach traditionellem Meisterlehre-Prinzip vermittelten besten instrumentalen Qualifikationen mittlerweile als geradezu selbstverständliche Voraussetzung zählen - ein erfolgreiches und erfüllendes Berufsleben aber fordert vom Musiker ein erweitertes Kompetenzenportfolio, das ihm in der derzeitigen Ausbildung noch nicht oder in zu geringem Ausmaß vermittelt wird. Auf der anderen Seite haben praktizierende und reflektierende Musiker im Feld beobachtet und erfahren, wozu ein stiloffenes, nonidiomatisches Musizieren in der Lage ist und was dieser Zugang insbesondere für klassisch ausgebildete Musiker bewirken kann: die Rede ist von Freier Improvisation. Dieser Terminus beschreibt in diesem Projekt eine innovative musikalische Praxis, die jenseits der Pattern- und Skalen-Stilistik auf der gesteigerten Erfahrung musikalischen Materials - in sämtlichen musikalischen Parametern - und seiner unmittelbaren kommunikativen Entfaltung in kreativen Improvisationsprozessen beruht. Die Projektmitarbeiter Gagel und Gstättner haben in jahrelanger künstlerischer und selbstreflexiver Auseinandersetzung bereits eigenständige Konzepte zur Praxis der Freien Improvisation entwickeln können, in deren Rahmen sich eine Hypothese über deren Auswirkungen auf den beruflichen Alltag bilden konnte. (Gagel 2008, Gstättner 2009). An der Schnittstelle zwischen "Klassischer Musiker" und "Freier Improvisation" tut sich grundlegender Forschungsbedarf auf, um neues Terrain zu erschließen: Eingebettet in ein zweijähriges künstlerisch- wissenschaftliches Pilotprojekt kreiert und beforscht "Quo Vadis, Teufelsgeiger?" ein solch experimentelles, musikalisches Kompetenzlabor, wo mit der Praxis der Freien Improvisation die individuelle Ausdruckskompetenz der Musiker ausgebaut wird. Hier können sie sich vom "Ballast des Gelernten" befreien und wieder mit Freude und Leichtigkeit ihre Berufung im Beruf spüren und im wahrsten Sinne des Wortes "spielen". Die Kernfrage lautet, inwieweit dieser künstlerische Prozess - dieses spezifische kreative Tun, das in der Lage zu sein scheint, bei den Wurzeln und bei der Urmotivation des Musikers in der Kindheit anzusetzen - Einfluss hat auf sein heutiges Selbstkonzept, seine Selbstverortung, Berufsmotivation und den Erwerb neuer notwendiger Schlüsselkompetenzen. Durch die Ansiedelung an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien erlangt das Forschungsvorhaben europaweite Signalwirkung an der Schnittstelle Music & Science. Gleichzeitig erhält es so Zugang zum komplexen Feld der zu untersuchenden Hauptakteure auf den wichtigsten Ebenen einer Musikerlaufbahn: In unterschiedlichen Settings - von punktuellen Workshops über kontinuierliche Trainingseinheiten und spontane "Jam-Sessions" bis zu einer Konzertreihe - werden jugendliche Hochbegabte (Vorbereitsungslehrgänge), Hauptfachstudenten (Bachelor und Master), frische Absolventen am Übergang vom Studium in den Beruf und schließlich auch erfahrene Berufsmusiker (solche in Angestelltenverhältnissen wie auch Freischaffende) eingebunden. Den methodologischen Hintergrund des Forschungsdesigns bilden Grundsätze der qualitativen Sozialforschung. Das interdisziplinäre Team aus einem Musikpädagogik-Experten, zwei forschenden Künstlern und einer künstlerisch erfahrenen Forscherin betten den Forschungsgegenstand in ein qualitatives Methodensetting ein, das diesen auf Basis des Grounded-Theory-Approach einer zirkulären und prozessualen Vorgehensweise nicht nur von außen beforscht, sondern auch von innen interaktiv auf ihn einwirkt. Teilnehmende Beobachtung, idiolektische Tiefeninterviews und die Triangulation sich ergänzender Auswertungsmethoden sind die wichtigsten Key words dieser experimentell explorativen Konzeption. Über Zwischenergebnisse wird während der Projektzeit laufend publiziert, das gesamte ausgewertete Projekt wird im Rahmen eines international ausgerichteten wissenschaftlich- künstlerischen Abschlusssymposiums (mit Improvisationskonzert und einer eigenen CD-Release) der Öffentlichkeit präsentiert.
Einen EIGENEN TON sollen sie schon finden, die Hundertschaften junger MusikerInnen, die an der altehrwürdigen Wiener Musikuniversität alles daran setzen, sich jene Kompetenzen anzueignen, die die gültige und angemessene Interpretation der Meisterwerke der abendländischen Kunstmusik erlauben. Quo vadis, Teufelsgeiger? aber ging einen großen Schritt weiter, löste sich aus dem Bann des kanonisch Vorgeschriebenen und konfrontierte Dutzende Studierende mit FREIEM SPIEL Freier Improvisation. Und so machten sich diese jungen MusikerInnen mit wachsendem Zutrauen in die eigenen schöpferischen Fähigkeiten auf die Suche nach ihrer musikalischen EIGENSPRACHE, was mehr bedeutet, als das Auf- und Ausgeschriebene nur persönlich zu färben. Gute Musik entstand, zugleich vergängliche und ästhetisch überzeugende Musik, hervorgebracht in Akten authentischen und wachen Musizierens, in einem von Präsenz und Eingelassenheit bestimmten Zugang zur künstlerischen Praxis einem Zugang, der das Überraschende und Abweichende nicht fürchtet (das blieb nicht folgenlos für die angestammte reproduzierende Praxis!). Das Quo vadis-Labor hat aber nicht nur den Rahmen für Einzel- und Gruppenimprovisationen abgegeben, es war zugleich der Ort, an dem die Explorationen auf andere künstlerische Ausdrucksweisen (tänzerische, darstellerische, bildende) ausgedehnt wurden. Und es war der Raum, an dem künstlerisches Wahrnehmen und Gestalten in seiner Relevanz für die Entwicklung der Persönlichkeit reflektiert wurde. Getragen von der Überzeugung, dass der biblische Satz Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über gerade dann gilt, wenn frische Musik das Herz füllt, und unterstützt durch die Methode der IDIOLEKTISCHEN Gesprächsführung, war Quo vadis Anlass, sich auf die künstlerischen Wurzeln zu besinnen, die eigene Déformation professionelle zu hinterfragen und berufliche Perspektiven in ein neues Licht zu rücken. Quo vadis will in die MusikerInnenausbildung der Wiener Musikuniversität hineinwirken: 1. durch die Auswirkungen seiner Arbeit im Fühlen und Handeln seiner Partizipanten, 2. durch das Vorbild des in seinem Kontext entstandenen ProfessorInnen-Improvisationsensembles, 3. durch den unmittelbaren Einfluss auf die Studienpläne (neue Lehrveranstaltungen), 4. durch die Vernetzung der Musikuniversität mit einschlägigen internationalen ExpertInnen. Improvisation ist per se research-in-arts, handelt es sich doch um ein musikalisches Experimentieren, um ein waches Reagieren auf Scheide- und Wendepunkte, um ein ständiges Nachjustieren des musikalischen Settings. Diesem Verständnis des Musizierens begegnete eine begleitende empirische Forschung, die sich von der leibhaftigen Präsenz des Musizierens so durchdringen ließ, dass sich gewissermaßen das Klanggeschehen durch das Papier der Theoriebildung drückte und die Präsentation von Ergebnissen in Lecture-Performances notwendig machte. Forschendes Musizieren und eine von der Musik gesättigte Wissenschaft stießen aufeinander: Ein neuer faustischer Pakt wurde möglich, der den Begriff Teufelsgeiger in ein ganz anderes Licht rückt. Projekthomepage: www.quovadisteufelsgeiger.at