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Kunstwissenschaften (100%)
Abstract
Die Ausgabe der Walzer Joseph Lanners stellt den ersten von drei Bänden dar, die sämtliche Werke des
Komponisten in "kleiner Besetzung - das heißt in den in der Zeit hauptsächlich musizierten und auch in den
zeitgenössischen Drucken veröffentlichten Fassungen - enthalten werden. Zugleich wird damit der 150. Band der
Denkmäler der Tonkunst in Österreich in deren 103. Bestandsjahr vorgelegt, was auch zum Anlaß für zeitgemäße
Modifikationen im Erscheinungsbild der Reihe genommen wird.
Angesichts der großen Bedeutung des Wiener Walzers für Geschichte und Gegenwartspraxis der Musik in Wien
mag es erstaunlich erscheinen, daß große Teile dieses Repertoires mit Einschluß der Werke von Lanner und der
Familie Strauß nicht oder in ungenügender Weise publiziert sind. Die Denkmaler der Tonkunst in Österreich hatten
in vier Bänden erstmals gedruckte Partituren von Orchesterfassungen von Werken von Johann Strauß Vater (Bd.
68, 1928) und Sohn (63, 1925), von Joseph Strauß (74, 1931) und Joseph Lanner (65, 1926) veröffentlicht. Die
vorgelegte Ausgabe bietet die Werke von Lanner in jenen originalen Fassungen, in denen sie in ihrer Zeit von den
Komponisten dem Publikum in der Regel vorgeführt wurden (volles Orchester wurde logischerweise nur bei
größeren Veranstaltungen eingesetzt). Damit wird eine wichtige Überlieferung österreichischer und Wiener Musik
zugänglich gemacht, die sowohl ein bedeutendes historisches "Denkmal" darstellt als auch der Praxis authentische
Aufführungsgrundlagen zur Verfügung gibt.
Wie Johann Strauß Vater ist Lanner auf einem Gebiet, das naturgemäß vor allem von der Tagesproduktion
getragen wurde, durch die jahrzehntelange Dominanz von Johann Strauß Sohn etwas in den Hintergrund gedrängt
worden. Eine vorwiegend anekdotisch ausgerichtete Biographik hat zudem das Bild eines dem "Unterhaltungs"-
Milieu der Wiener Wirtshäuser verhafteten (wenn auch genialen) Tanz- oder Bratlgeigers vermittelt, was erst vor
kurzem als größtenteils freie Erfindung (etwa auch hinsichtlich des Verhältnisses von Strauß und Lanner) erwiesen
wurde (Herbert Krenn, "Lenz-Blüthen". Joseph Lanner. Sein Leben - sein Werk. Wien-Köln-Weimar 1994). Lanner
stand nicht nur als Komponist, sondern auch als Interpret auf höchstem Niveau, wobei letzteres sich im Notentext
in der Sorgfalt der Spielanweisungen niederschlägt.
Mit der Vorlage einer wissenschaftlich und musikalisch korrekten Ausgabe seiner Werke wird die Grundlage für
eine adäquate und umfassende Würdigung geboten, und sie sollte nicht zuletzt auch dazu verhelfen, die Kenntnis
seines Schaffens bei Musikern und Publikum über die verhältnismäßig wenigen allgemein bekannten Werke hinaus
zu erweitern und im Repertoire des Musiklebens zur Geltung zu bringen.