Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Abstract
Die Analyse der Kultur der Spanier in Österreich unter Ferdinand I. (1522-1554) erfolgt unter zwei
Gesichtspunkten: einerseits wird die Mentalität der in Osterreich lebenden Spanier, die in den Quellen zunächst erst
ausfindig gemacht werden mußten, rekonstruiert, und andererseits stehen die Texte selbst, die diese relativ kleine
Gruppe hervorbrachte, im Zentrum des Interesses. Die Werke der behandelten Autoren (Cristobal de Castillejo,
Garcilaso de la Vega, Juan de Valdes, Luis de Avila y Zuniga, Diego Nunez Alba und Laurent Vital) werden als
semantische Gefüge aufgefaßt, die offen sind für Dialog, Erkenntnis und "plaisir" (im Sinne von Roland Barthes);
d. h. die Texte werden als historische Quelle verwendet - sie illustrieren die Mentalität der Spanier der Renaissance
und sind selbst als wesentliches menschliches Ausdrucksmittel Teil dieser Mentalität - und sie werden auch
hinsichtlich ihres literarisch-asthetischen Potentials ausgelotet, das auch dem heutigen Leser bis zu einem gewissen
Grad "Lust" vermitteln kann.
Die Mentalität, vor allem aber die Identität der spanischen Hofleute, Priester und Soldaten in Osterreich blieb für
die Jahre von 1522 bis 1564 keineswegs stabil, sondern änderte sich in der 42 Jahre dauernden Herrschaft
Ferdinands, der selbst seine gesamte Kindheit und Teile seiner Jugend in Spanien verbracht hatte, sehr. Die erste
Gruppe der Spanier, unter ihnen "comuneros", "conversos" und "erasmistas", erreichte Österreich zwischen 1522
und 1540 und definierte sich selbst noch nicht so stark über die Kategorien "Nation" und "Religion" wie jene
zweite "Welle" die mit Maria, der Tochter Karls V. und Schwester Philipps II. kurz nach der Jahrhundertmitte nach
Wien kam. In dieser Zeit stieg die Zahl der am Wiener Hof lebenden Spanier auf mehr als " 0 Personen an, und
einige dieser Hofspanier erlangten großen Einfluß auf das kulturelle und soziale Leben der katholischen
Oberschichten Österreichs. Das wachsende Interesse an spanischer Kultur zeigt sich vor allem an der sehr frühen
Übernahme der sogenannten "spanischen Tracht" in den habsburgischen Erblanden und an der ab 1550 stetig
steigenden Zahl spanischer Bücher in der Wiener Hofbibliothek.
Die eigens angeführten spanischen Buchtitel und die im Anhang aufgelisteten Spanier. deren Leben, der jeweiligen
Quellenlage entsprechend, kurz dargestellt werden. erschließen einen Bereich österreichisch-spanischer Geschichte
und Kultur, der bisher kaum untersucht worden war. Diese Erhebungen führten auch zur Identifizierung einiger
bisher unbekannter Spanier, die in der Lyrik Castillejos genannt werden, und ermöglichten so eine
Neuinterpretation des Werks des bekannten spanischen Renaissancedichters.