Rastlos zieht die Flucht der Jahre ......Josefine und Franziska Wertheimstein und Ferdinand von Saar - Dokumente einer Freundschaft
Rastlos zieht die Flucht der Jahre ......Josefine und Franziska Wertheimstein und Ferdinand von Saar - Dokumente einer Freundschaft
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Soziologie (100%)
Salons mit historiographischen Mitteln beschreiben zu wollen, heißt ihren spezifischen Charakter zwangsläufig zu verfehlen: denn ihre dialogische Erscheinungsform, die im zwanglosen Gespräch ihre raison d etre findet und keine biographiefähigen Spuren hinterläßt, entzieht sich dem an Quellen orientierten, nüchternen Zugriff- vor allem dann, wenn in ihm überwiegend Künstler verkehrten, die das "Zentralgestirn" der Padrona als Gegenstand schwärmerischer Verehrung in die Nähe einer literarisch idealisierten Gestalt rückten. Das "Sujet" ist auch insofern ein literaturnahes, als die Familiengeschichte der Wertheimsteins, Glanz und Verfall des Salons nicht nur als Metapher für das Ende einer individuellen Lebensform gelesen werden können: als gleichsam konkret gewordene "Wiener Elegie", durch Bauernfeld und Schwind noch mit Schuberts Zeit verbunden, verkörpern sie den Untergang des "Alten Wien" und kristallieren in der Konfrontation einer von biedermeierlichen Kommunikationsformen geprägten Lebenspraxis mit dem sozialen und technischen Wandel, der das Umfeld gravierend verändert, in einprägsamen Bildern. Das Zusammenspiel unterschiedlichster Themenbereiche macht diesen Salon zum Spiegel einer Kulturgeschichte des späten 19. Jahrhunderts: als assimiliert jüdischer verweist er auf die großen Traditionen der Berliner Salons der Jahrhundertwende, als liberaler ist er Ort der Begegnung jener "zweiten Gesellschaft", die sich hauptsächlich über kulturelle Codes definiert und gleichzeitig versteht er sich als späte Ausprägung eines "literarischen" Salons. Die Entfaltung des literarischen Marktes hat allerdings in Zusammenhang mit der Intimisierung des Umgangs zu einer grundlegenden Funktionsverlagerung geführt: hier versammelt sich nicht mehr ein auf Öffentlichkeit bezogenes Publikum von Privatleuten, sondern sind "public men" aus unterschiedlichsten Bereichen dem Haus in privater Freundschaft verbunden. Der Salon ist nicht länger ein Ort emanzipativen Potentials für die Saloniere - die festgeschriebene Rollenverteilung im bürgerlichen Haushalt verweist sie vielmehr auf die von aller "produktiver Arbeit" entlastete Repräsentation sublimer Kultur und führt zur Ausbildung von Psychoneurosen - Freud ante portas. Die vorliegende Arbeit versucht, diese Themenfelder zu beleuchten, ohne die konkrete Gestalt Josephine von Wertheimsteins in strukturgeschichtlichen Ansätzen zum Verschwinden zu bringen. Die einzige Möglichkeit, ein wenig von der "Aura" des Salons zu vermitteln,, besteht darin, sich des Briefes als gleichsam verlängerter verbaler Kommunikationsform zu bedienen - und hier erweist sich die einen Zeitraum von über dreißig Jahren umfassende Korrespondenz mit Ferdinand von Saar besonders ergiebig. Erstmals ist hier der gesamte verfügbare, über mehrere Quellen und Archive verstreute Briefwechsel zwischen dem Dichter, der in anachronistischer Weise von mäzenatischer Unterstützung lebte und als "konservativer Bohemien" von einem Schloß zum anderen zog, und den beiden Damen Wertheimstein redigiert. Als Dokumente einer mitunter spannungsreichen, aber freundschaftlichen Beziehung sind sie zugleich wertvolle kulturgeschichtliche Zeugen des letzten Jahrhundertdrittels und laden den Leser ein, aus diesem Text ein eigenes Bild dieser Menschen und ihrer Lebenswelt zu entwerfen, die uns unendlich fern geworden ist. Den Sachgehalt näherzubringen? ohne falsche Nähe zu suggerieren, ist Aufgabe des ersten Teiles, der sowohl als Einleitung zur Briefausgabe wie auch als selbständiger Essay gelesen werden kann. Er trägt dem Umstand Rechnung, daß die äußere Ereignislosigkeit des Lebens der beiden großbürgerlichen Frauen und auch Saars keine biographische Entfaltung im Sinne einer Chronologie gestattet - vielmehr werden brennpunktartig einige Kernbereiche entfaltet und den ästhetizistischen Komponenten besonderes Augenmerk geschenkt: denn Saar selbst bezeichnete Josephine von Wertheimstein als "Kunstwerk" hervorgegangen aus den Händen der Natur. Sein in einem Widmungsgedicht ausgesprochenes Bemühen, ihr Leben im "Reich der Dichtung" zu verewigen, hat er, wenn auch vielfach maskiert, in seinem novellistischen Werk eingelöst; daher ist es naheliegend, der doppelten Fiktionalisierung ihrer Gestalt nachzugehen - als männliche Wunschprojektion, die in den Erinnerungen ihrer Freunde beschworen wird, und als deren Literarisierung in Saars Werk. In der Nähe des historischen Textes zum fiktiven soll die Eigenart des Sujets zum Ausdruck kommen und bewahrt werden.
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