Wissenschaftsdisziplinen
Sprach- und Literaturwissenschaften (100%)
Abstract
Die Odyssee bezieht Erzählungen aus zahlreichen anderen traditionellen Sagenstoffen in ihre Handlung ein, und
zwar auf unterschiedliche Weise: durch Zitat, Anspielung oder ausführliche eigene, "neue" Erzählung. In analoger
Weise werden alternative Möglichkeiten, die Geschichte der Irrfahrten und Heimkehr des Odysseus zu erzählen, in
den Text einbezogen. Bei diesen Verweisen handelt es sich, wie der Autor anhand von Vergleichen mit
serbokroatischer mündlicher Heldenepik zeigen kann, um eine typische Technik von Sängern/Dichtern einer
lebenden Epentradition: Die innerhalb der Tradition stehenden Zuhörer des Epos werden angeregt, ihr Vorwissen
um die erzählte Geschichte, aber auch um die gesamte Erzähltradition, in die Rezeption des Textes
miteinzubringen; es handelt sich dabei um die für mündlich-traditionelle Heldenepik spezifische Form von
Intertextualität. Ausgehend von dieser These interpretiert der Autor in Kommentarform alle Stellen der Odyssee, an
denen der Umgang mit anderen Erzählstoffen oder mit Handlungsalternativen thematisiert wird. Die Odyssee
erweist sich unter diesem Aspekt als ein selbstbewußter Text, der die Konkurrenz zu andren epischen Erzählungen
bzw. deren Haupthelden (Argonauten, Herakles, Achilleus, Agamemnon), aber auch zu seiner eigenen
"Vorgeschichte" sucht, und der vom ursprünglichen Rezipienten als Text, der alle andren epischen Produkte
übertrifft, aufgefaßt werden sollte.