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Obrigkeitliche Heiratsbeschränkungen 1820 - 1920

Obrigkeitliche Heiratsbeschränkungen 1820 - 1920

Dieter Stiefel (ORCID: )
  • Grant-DOI 10.55776/D2836
  • Förderprogramm Buchpublikation
  • Status beendet
  • Projektbeginn 10.03.1997
  • Projektende 09.03.2007
  • Bewilligungssumme 7.173 €

Wissenschaftsdisziplinen

Soziologie (100%)

Abstract

Die Studie ``Heirat als Privileg" untersucht die Entwicklung obrigkeitlicher Heiratsbeschränkungen in Tirol und Vorarlberg (1820-1920), einer Region, die im europäischen Vergleich durch die extrem lange Dauer dieser Regelung hervorsticht. Die Autorin wendet sich dabei vorerst gegen eine bloß demographisch argumentierende Historiographie der Nuptialität. Im Gegensatz dazu wird das Heiratsverhalten als ein komplexes System verstanden, in dem gleichermaßen strukturelle Bedingungen, soziale Bedeutung, politische Kontrollansprüche sowie individuelle Entscheidungsmöglichkeiten berücksichtigt werden. Obrigkeitliche Heiratsbeschränkungen werden so nicht primär als Mittel der politischen Armutsbekämpfung bzw. als bevölkerungepolitische Maßnahme interpretiert, sondern als ein Instrument der Reaktions- und Restaurationspolitik gesehen, das auf die Bewahrung der altständischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung abzielte und den gruppenbildenden und strukturerhaltenden Intentionen der dörflichen Elite entsprach. Der Ehekonsens verkleinerte jedoch auch die bestehenden Handlungespielräume. Die Zusammenschau verschiedener Quellentypen zeigt, daß neben den Unselbständigen die verarmten Selbständigen, die proletarischen Meister und Kleingütler die eigentlichen Zielgruppen der obrigkeitlichen Heiratskontrolle bildeten. Auch die Analyse der Motive und Begründungen, die die Gemeinde und die Statthaltereiräte über die Heiratsfähigkeit der Konsensstellenden entscheiden ließ, bringt zutage, daß hier eine soziale Statuszuweisung sowie eine Sozialdisziplinierung intentiert war. Heiratsbeschränkungen entwickelten ihre systemstabilisiernde Wirkung erst im Zusammenwirken mit den bestehenden Verhaltensweisen und Mentalitäten. Durch die juridische Fortschreibung sozialer Ungleichheit und die strenge Handhabung der Bestimmungen gelang es den dörflichen Obrigkeiten, die potentiellen Träger der Veränderung auf die tradierte Ordnung zurückzuverweisen, in die sie sich, wie die Akten zeigen, .meist widerstandslos fügten. Die Analyse bringt aber auch hervor, daß die Ehekonsenspraktiken bei den Betroffenen die Vorbehalte gegenüber der unselbständigen Erwerbstätigkeit, insbesondere gegenüber der Fabriksarbeit, verfestigten. Erst als der politische Ehekonsens aufgrund der radikal veränderten Lebens- und Arbeitsweisen völlig anachronistisch geworden war und es nicht mehr möglich schien, die gesetzlichen Verordnungen in der Praxis umzusetzen, wurde am 21. Jänner 1912 auch in Tirol und Vorarlberg die obrigkeitliche Heiratsbeschränkung aufgehoben.

Forschungsstätte(n)
  • Universität Wien - 100%

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